Österreich

Europa spielt bei Windkraft immer geringere Rolle

Der Ausbau der Windkraft schreitet weltweit rasant voran. Während vor ein paar Jahren Europa noch als Wind-El-Dorado galt, ziehen China, die USA und Indien nach. 2015 wurde fast die Hälfte der neuen Windräder in China aufgestellt. Stefan Gsänger, Generalsekretär des Weltwindenergieverbands WEWA, sieht die Schuld auch bei der EU-Kommission. Diese betreibe großkonzernfreundliche Politik.

Europa spielt bei Windkraft immer geringere Rolle SN/APA (dpa)/Jens Büttner
Europas Windkraftkapazität fällt im Vergleich immer weiter zurück.

"Die Kommission hat sehr viel getan, um den Ausbau zu bremsen", so Gsänger am Freitag im Gespräch mit der APA. "Der Trend geht Richtung Großkonzerne, da hat massives Lobbying stattgefunden." Die Rahmenbedingungen für den Betrieb von Windrädern seien - wenn überhaupt - nur für große Energieunternehmen handhabbar. Kleine Bürgerprojekte schauten durch die Finger.

Mit fatalen Folgen: Europa falle nicht nur gegenüber anderen Ländern beim Ausbau der Windkraft zurück. Auch der Akzeptanz von Windrädern sei diese Entwicklung nicht zuträglich. Ob nämlich Windkraftanlagen als Verschandelung der Landschaft gesehen werden, hänge auch davon ab, ob sie den Menschen subjektiv nutzen. "Ästhetik ist immer eine subjektive Sache. Was man für wahr hält, hält man für schön", so Gsänger. "Wir wissen auch aus Entwicklungsländern: Das Beste ist, wenn die Menschen die Anlagen selbst betreiben und nicht jemand von außen Profit macht."

Im ersten Halbjahr 2016 war wieder China das Land, das mit Abstand am meisten Windkraftkapazität - 9.000 Megawatt - installiert hat. Somit kam das Reich der Mitte Ende Juni auf 157.000 MW an installierter Leistung - deutlich mehr als die Atomleistung. Es folgten die USA mit 74.696 MW, Deutschland (47.420 MW), Indien (27.151) und Spanien (22.987 MW). Was den Ausbau betrifft, wird Europa zunehmend abgehängt, sagt Gsänger. "Brasilien, USA, China und Indien boomen."

Dass Deutschland heuer bereits knapp 2.390 MW dazubekommen hat, liegt laut Gsänger daran, dass 2017 ein neues, für die Betreiber schlechteres Fördersystem in Kraft tritt. "Wir werden nächstes Jahr einen ziemlichen Einbruch erleben. Alle versuchen, ihre Anlagen noch heuer ans Netz zu bringen." Auch andere EU-Länder hätten ihre Förderungen eingeschränkt, etwa Großbritannien und Polen.

Schuld daran sei vielfach die EU-Kommission. Die Brüsseler Behörde "macht Druck auf viele Länder, Einspeisetarife, die gut funktioniert haben, abzuschaffen und zwingt sie, andere Regeln einzuführen", kritisiert der Windkraftlobbyist. Wobei manche Staaten die Kommission auch als Entschuldigung nutzten. In Deutschland hätte die Kommission Ausnahmen für bestimmte Windparks erlaubt, die Regierung in Berlin habe aber gesagt, dass man davon nicht Gebrauch machen wolle.

Global gesehen führe kein Weg am massiven Ausbau der erneuerbaren Energien vorbei, so Gsänger mit Blick auf das Klimaabkommen von Paris. Das Ziel einer Dekarbonisierung bis 2050 sei praktisch nur erreichbar, wenn die Energie nahezu zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen kommt - das bedeutete einen kompletten Ausstieg aus Kohle, Öl und Co.

Windkraft könnte nach Ansicht von Gsänger, der anlässlich der zweiten österreichischen Kleinwindkrafttagung in Wien war, auch von österreichischen Bauern genützt werden. "Die haben Platz und Energiebedarf." Ob das nicht mit Biomasse- oder Biogasanlagen, die viele Landwirte betrieben, kannibalisieren würde? Nein, sie würden sich ergänzen. "Es macht Sinn, dass man Biomasse nutzt, wenn kein Wind weht oder keine Sonne scheint." Generell stünden die unterschiedlichen Alternativenergiequellen nicht in Konkurrenz zueinander. "Kleine Windkraftbetreiber haben zu einem großen Anteil auch Photovoltaikanlagen am Dach", weiß Martin Fliegenschnee-Jaksch von der österreichischen IG Windkraft.

Quelle: APA

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