Wirtschaft

Ex-Commerzialbank-Chef gesteht Fake-Kredite schon vor 1992

Ex-Commerzialbank-Chef Martin Pucher legte bei seiner Einvernahme ein Geständnis ab. Es tue ihm alles leid, sagte er laut ORF, der am Freitag aus dem Einvernahmeprotokoll zitierte. Pucher habe gestanden, dass es "ganz einzelne Fake-Kredite" schon vor 1992 gab. Zu den Geschädigten gehören auch seine Töchter, die ein Firmenkonto gehabt hätten: "Das waren 800.000 Euro und auch dieses Geld ist weg."

Die Bank als Selbstbedienungsladen SN/APA/ROBERT JAEGER
Die Bank als Selbstbedienungsladen

"Ganz grob geschätzt würde ich sagen, dass ich seit 1992 rund 40 Mio. unrechtmäßig entnommen habe. Dieses Geld ist zur Gänze an den SV Mattersburg geflossen. Darüber hinaus habe ich auch Kreditnehmer durch Bargeldübergaben begünstigt", so Pucher laut dem Protokoll, das dem ORF vorliegt.

Vier Kreditnehmern, wovon einer im Bank-Aufsichtsrat gesessen sei, habe er Geld gegeben, damit ihre maroden Betriebe weiterarbeiten konnten und damit die Bank frühere Kredite nicht verliere: "Die Kreditnehmer haben mit dem Bargeld eigene Rechnungen fingiert an fiktive Kunden und diese Rechnungen dann mit dem Bargeld bezahlt. Dadurch sind Scheinumsätze entstanden".

Bei anderen Kreditnehmern sei es um kleine Bargeld-Beträge gegangen. "Das Geld habe ich über Scheckeinlösungen entnommen oder durch Kreditzahlungen. Verschleiert habe ich das durch Fake-Kredite und gefälschte Bankbestätigungen", wird Pucher zitiert.

Bank-Vorständin Franziska Klikovits, für sie gilt die Unschuldsvermutung, soll "die Bargeldbeträge teilweise auch selbst in die Hand bekommen" haben. "Die Verschleierungshandlungen wurden zur Gänze von Frau Klikovits durchgeführt, ursprünglich in meinem Auftrag", so Pucher. Was sie während seines Krankenstandes gemacht habe, könne er nicht im Detail sagen, "aber sie muss diese Verschleierungshandlungen fortgeführt haben", mutmaßt der Ex-Bankchef laut den Protokollen.

Den SV Mattersburg habe er belogen, gestand Pucher: Er habe "gesagt, dass das Geld aus dem Sponsoring kommt und zwar betreffend alle Sponsoren. Aus meiner Sicht hat beim SVM niemand erkannt, woher das Geld gekommen ist, jedenfalls hat mich niemand danach gefragt." Dass er oder seine Familie sich bereichert hätten, bestreitet Pucher, er habe auch niemanden gewarnt vor dem Aus für die Bank.

"Ich bin am Ende, es tut mir extrem leid. Ich kann nur bei allen Geschädigten um Verzeihung bitten", soll Pucher bei seiner Vernehmung gesagt haben. Er habe immer gehofft, die Bank durch Patentrechte auf Energiegewinnung aus Abfall zu retten. Konkurs anzumelden, dazu sei er zu egoistisch gewesen.

Der Ex-Bankchef halte es laut dem Einvernahmeprotokoll vom 30. Juli "für möglich, dass zwei oder drei Leute einen Verdacht gehabt haben, weil sie die Bank verlassen haben." Zwei seien freiwillig gegangen, einen habe er gekündigt. Einer der drei habe ihn einmal darauf angesprochen, "dass bei unseren Krediten etwas nicht stimmt".

Der Ex-Mitarbeiter komme laut Ö1-"Mittagsjournal" auch in einer Whistleblower-Anzeige aus dem Jahr 2015 vor. Darin werde gemutmaßt, dass er und ein zweiter Bankmitarbeiter in Schwarzgeld-Geschäfte involviert gewesen seien und dass sie auch selbst illegal Geld kassiert hätten. Laut Mittagsjournal bestreite der Mann den Bereicherungsvorwurf vehement: Er habe vor seinem Ausscheiden aus der Bank Pucher nur deshalb gefragt, ob mit den Krediten etwas faul sei, weil er ein ungutes Gefühl gehabt habe.

In der Whistleblower-Anzeige meldete ein Unbekannter sich am 2. Juli 2015 schriftlich an die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft. Er oder sie wies die Behörden auf Unregelmäßigkeiten bei der Bank hin - und zwar detailliert: "Vorstandsvorsitzender Martin Pucher schafft seit Jahren Millionen zur Seite. ... Dieses Geld wird verwendet ... im Fußballverein Mattersburg ... sowie zur persönlichen Bereicherung."

Der Informant beschrieb, wie der damalige Commerzialbank-Chef Pucher vorging: "Zu diesem Zweck hat er falsche Konten angelegt. Die lauten zwar auf den Namen von physischen ... Personen. Diese haben jedoch keine Ahnung ... und wissen auch nicht, dass 'ihre' Konten heillos überzogen sind ... mit 6- oder 7-stelligen Beträgen". Er wies außerdem darauf hin, dass diese Fake-Konten zwei besondere Merkmale hätten: Die Familiennamen seien in Großbuchstaben geschrieben, während die normalen immer klein geschrieben werden und die ersten beiden Ziffern der Kontonummer seien immer 58 - versteckte, interne Codes, von denen einige Bankmanager Kenntnis hätten.

Die WKStA reagierte damals am Folgetag und verlangte weitere Auskünfte zu den "falschen Konten". Er habe leider keine präzise Zahl, schrieb der Whistleblower. "Es sollte doch mit meiner Information ein Leichtes sein, ... die Konten zu finden und die 'Kontoinhaber' zu kontaktieren?", so der Tippgeber. Die Staatsanwaltschaft gab schließlich diese Informationen an die Finanzmarktaufsicht (FMA) weiter. Die FMA und die OeNB-Bankprüfer konnten damals die anonymen Vorwürfe aber nicht verifizieren.

NEOS-Finanz- und Budgetsprecherin Karin Doppelbauer forderte unterdessen am Freitag eine umfassende Prüfung der Finanzmarktaufsicht durch Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP). Blümel sei in der Causa völlig abgetaucht, obwohl er und zahlreiche ÖVP-Vorgänger in der Funktion "die politische Endverantwortung für die Geldvernichtung von Hunderten Anlegerinnen und Anlegern tragen." NEOS fordern Blümel daher auf, eine Sonderprüfung in der Finanzmarktaufsicht zu veranlassen. "Es muss lückenlos aufgeklärt werden, wo geschlampt wurde und wie über diesen absurd langen Zeitraum nicht bemerkt werden konnte, dass die Commerzialbank in Wahrheit schon lange pleite war", sagte Doppelbauer.

Die SPÖ Burgenland forderte am Freitag einmal mehr eine Aufklärung auf Bundesebene, so Klubchef Robert Hergovich. Nach Medienberichten, wonach laut Ex-Bankchef Martin Pucher auch ein Aufsichtsrat der Bank Geld bekommen haben soll, um Fake-Kredite zu decken, stelle sich die Frage: Wer ist dieser Aufsichtsrat und gibt es hier bereits eine Anzeige?"

Dass es schon vor fünf Jahren Hinweise zu Betrügereien in der Commerzialbank gegeben haben soll, beschäftigt auch die ÖVP. "Was wusste das Land bereits im Jahr 2015?", fragte ÖVP-Klubobmann Markus Ulram. 2015 habe das Land Burgenland versucht, die Aufsichtspflicht über die Kreditgenossenschaft, die Mehrheitseigentümer der Commerzialbank war, loszuwerden. Das gehe aus einem Schreiben der Finanzabteilung an den Rechtsvertreter der Commerzialbank Kreditgenossenschaft hervor.

Quelle: APA

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