Wirtschaft

Experte: Notenbanken haben nun entscheidende Rolle

Der frühere Chef der Euro-Arbeitsgruppe, Thomas Wieser, sieht wegen der Russland-Ukraine-Krise und der Sanktionen bei der Hoffnung auf ein heuer hohes Wirtschaftswachstum und eine doch noch geringere Inflation "andere Vorzeichen als vor drei, vier Wochen". Die westlichen Strafmaßnahmen träfen Russland massiv. "Ohne Auswirkungen auf Europa kann man das nicht haben", sagte der Ökonom in einer ORF-Sonder-"ZiB" am Montagabend. Viel werde nun von den Notenbanken abhängen.

Die Wirtschafts- und Finanzaktionen wie der Ausschluss Russlands aus dem SWIFT-System werden Wieser zufolge Auswirkungen auf alle Player ("Leute, Institutionen, Gläubiger") haben, die russische Aktiva haben. Es gehe um die Fragen, ob Zinsen bedient und Fälligkeiten eingehalten werden. Etwa habe Moskau am 4. April einen Bond in der Höhe von 2 Mrd. Euro zu bedienen. "Man wird sehen: Kann den Russland dann bedienen; will es den überhaupt bedienen?"

Dabei hänge potenziell "sehr viel" davon ab, ob die Zentralbanken "wie 2008 Willens sein werden, etwaige Probleme" zu beseitigen", so der frühere Euro-Arbeitsgruppenvorsitzende, "also die Liquidität aufrechterhalten". Das gelte für den US-Dollar- und den Euroraum.

Es dürfte im Konflikt "wahrscheinlich die politisch-moralische Priorität" des Westens sein, zu zeigen, "diese Kosten, die tragen wir auch", sagte Wieser. Es gehe "nicht nur um einen Akt der Solidarität gegenüber der Ukraine sondern auch um aktive wirtschaftliche Selbstverteidigungen".

Dass EZB und Aufsichtsbehörden "qualitativ hochstehend" zusammenarbeiten würden, zeige sich im Vorgehen gegen die Sberbank Europe mit Sitz in Wien gemeinsam mit der heimischen FMA. Von solcherlei Zusammenspielen zwischen EZB und Aufsichtsbehörden werde viel abhängen - im jenem Sinne, wie schwer eine Krise im Westen werden könnte oder eben nicht.

Auf Russland, das für zehn Prozent der weltweiten Öl- und Gasproduktion stehe, würden die Sanktionen deutlich schwerer Auswirkungen als die Finanzkrise 2008 haben, sagte Wieser. Das habe man umgehend gesehen und in einigen Monaten werde man dies noch stärker sehen. Russland habe "630, 640 Milliarden" in Dollar, Euro und auch Gold. Über "14, 15 Prozent" dieser Summe verfüge Moskau in der chinesischen Währung Renminbi (Yuan). Nur diese Menge sei unsanktioniert.

Viel hänge freilich davon ab, wie lange und in welcher Intensität der Ukraine-Konflikt laufe, sagte der frühere "Mister Euro" Wieser. Er glaube aber nicht, dass die Krise in Europa ähnlich schwer werden könne wie die Finanzkrise.

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