Wirtschaft

Handelsangestellte von Krisen doppelt betroffen

Die Arbeiterkammer (AK) und Gewerkschaft GPA haben am Donnerstag auf eine hohe Belastung der Mitarbeiter im Einzelhandel hingewiesen und Verbesserungen gefordert. Arbeitgebervertreter von Wirtschaftskammer (WKÖ) und Handelsverband reagierten darauf mit großem Unverständnis. Laut einer von den Arbeitnehmervertretern beauftragten Studie sind zwar rund drei Viertel der Mitarbeiter recht zufrieden. Die Zufriedenheit sei zuletzt aber gesunken. Es gehe insgesamt um mehr Respekt.

Kunden werden wegen Teuerung immer öfter aggressiv SN/APA/ROLAND SCHLAGER/ROLAND SCHLA
Kunden werden wegen Teuerung immer öfter aggressiv

"Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wollen und mögen es, für die Kundinnen und Kunden da zu sein", betonte GPA-Chefin Barbara Teibe am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Wien. "Aber die Beschäftigten erwarten sich mehr Respekt." Dabei gehe es nicht nur um "Fakten, wie höhere Gehälter, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Arbeitszeitqualität. Wir fordern auch ein, dass die Arbeitgeber hinter den Mitarbeitern stehen, wenn es zu Situationen kommt, in denen Kunden aggressiv werden", forderte die Gewerkschafterin. Es gebe immer mehr Rückmeldungen über "wirklich aggressive Kunden".

Es komme zu Beschimpfungen bis hin zu Handgreiflichkeiten. Waren es vor kurzer Zeit noch Coronamaßnahmen wie die Maskenpflicht, die manch Einkäufer in Rage brachten, so sind es jetzt die enorm gestiegenen Preise. "Wir appellieren an die Kunden, den Handelsangestellten respektvoll gegenüber zu treten."

"Die Ergebnisse sind wenig überraschend", sagte AK-Chefin Renate Anderl. "Sie zeigen den enormen Druck, den Stress den es in der Branche gibt. Oft gibt es unbezahlte Überstunden und Arbeitszeitgesetzverletzungen. Die KV-Anwendung ist für manche Arbeitgeber im Handel offenbar manchmal ein Fremdwort."

Eigentlich ist die Zufriedenheit im Handel bei etwa drei Viertel der Mitarbeitenden gegeben, erläuterte Eva Zeglovits vom IFES-Institut. "Dann kommen aber große Aber", sagte die für die Erhebung verantwortliche. "Die Rahmenbedingungen stimmen oft nicht." Die Branche ist stark von Teilzeit geprägt und hierbei gibt es mit drei Monaten aus der Sicht von AK und GPA zu lange Durchrechnungszeiträume, um Überstunden ausbezahlt zu bekommen. "Allzu oft haben die meist weiblichen Teilzeitmitarbeiterinnen gar keine Chance aufs Geld, sondern müssen die Freizeit nehmen." Das sorge wie andere Punkte wie etwa der große Personalmangel für schwer planbare Arbeitszeiten, worunter viele Mitarbeiter litten, so Anderl und Teiber.

Dass der Arbeitsdruck hoch sei zeigt sich laut Zeglovits, dass in der Branche mehr Mitarbeiter auch krank zur Arbeit gingen als in anderen Wirtschaftsbereichen. "Üblicherweise machen das Mitarbeiter, um Kolleginnen nicht hängen zu lassen. Sie haben das Gefühl, es geht nicht, wenn sie ausfallen." Das bestätige auch einen hohen Zeitdruck in der Branche.

Der Obmann der Handelssparte in der Wirtschaftskammer (WKÖ), Rainer Trefelik, hat mit gänzlichem Unverständnis auf die Aussagen der GPA und AK reagiert. "Eine ganze Branche komplett unter Generalverdacht zu stellen kann es ja wirklich nicht sein", zürnte Trefelik im Gespräch mit der APA und warf den Arbeitnehmervertretern widersprüchliche Aussagen vor.

Trefelik echauffierte sich etwa daran, dass die AK und GPA nur - bedauerliche und natürlich auszuräumende - Einzelfälle genannt, aber so getan hätten, als gebe es strukturelle Missstände. Der kürzliche KV-Abschluss sei gelobt und über die Vergangenheit geschimpft worden. Zudem bestätige die von AK und GPA herangezogene Studie, dass rund drei Viertel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Handel zufrieden seien, betonte Trefelik.

Auch der Handelsverband verwies auf den erst vor zwei Wochen erzielten "historisch hohen KV-Abschluss mit plus 7 Prozent". Dem habe man zugestimmt, "weil die Mitarbeiter unser wichtigster Erfolgsfaktor sind", sagte Geschäftsführer Rainer Will in einer Aussendung. Insbesondere die Forderung der Arbeitnehmervertreter nach einer Anpassung der Öffnungszeiten an die Betreuungspflichten der Arbeitnehmer sei aber nicht praktikabel. Auch die Pauschalkritik an der hohen Teilzeitquote im Handel treffe die Falschen. "Realität ist, dass viele Handelsbetriebe regelrecht um Vollzeitkräfte betteln, aber immer mehr Beschäftigte lieber Teilzeit arbeiten wollen", so Will. Durchrechnungszeiträume seien gesetzlich geregelt, nicht im KV, betonte Trefelik dazu.

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