Wirtschaft

Hartes Feilschen um höhere Löhne

Steigende Preise und Reallohnverluste. Oder doch vor allem teure Corona-Folgen? Warum das Ringen um die Löhne heuer zäh ist.

Handelsobmann Rainer Trefelik und GPA-Chefverhandlerin Anita Palkovich. SN/APA/HANS PUNZ
Handelsobmann Rainer Trefelik und GPA-Chefverhandlerin Anita Palkovich.

Vor einem Monat hat die Metallindustrie die Herbstlohnrunde eingeläutet. Während bei den Metallern wegen der noch sehr weit auseinanderliegenden Vorstellungen bereits die ersten Funken sprühen, haben am Donnerstag in der wesentlich größeren Handelsbranche die Gespräche über einen neuen Kollektivvertrag (KV) begonnen.

Beim ersten Zusammentreffen am Donnerstag gaben sich beide Seiten betont freundlich und konstruktiv. Doch schon die ersten Wortmeldungen der Verhandlungsführer machten klar, dass die Ausgangslage heuer schwierig ist und wohl ein zähes Ringen notwendig sein wird, bis man sich auf einen Abschluss für die 415.000 Angestellten und 15.000 Lehrlinge einigt.

"Vom Klatschen wird man nicht satt", stellte Chefverhandlerin Anita Palkovich von der Gewerkschaft GPA klar. Nach dem "Krisendeal" des Vorjahres brauche es heuer vor allem wegen der deutlich gestiegenen Inflation einen echten "Zukunftsdeal" für die Mitarbeiter. Eine konkrete Lohnforderung nannte sie vorerst nicht. Doch angesichts Teuerungsraten von 3,3 Prozent Gesamtinflation im September und einem um 6,8 Prozent teureren wöchentlichen Einkauf "kann die Gehaltserhöhung nicht hoch genug ausfallen" - schließlich hätten die Beschäftigten im Handel "das anstrengendste Jahr in ihrem Berufsleben" hinter sich. Die von den Arbeitgebern ins Treffen geführten Umsatzeinbußen durch Corona dürften keine Ausrede sein.

Wirtschaftskammer-Handelsobmann Rainer Trefelik stellte klar, dass Corona "keine Ausrede, sondern eine Tatsache" sei. Das zeige auch die jüngste Entwicklung bei den Infektionszahlen. Weite Bereiche des Handels seien im vergangenen Jahr noch bis zu 50 Prozent im Lockdown gewesen - und jetzt sorgten Lieferkettenprobleme dafür, dass viele Waren nicht verkauft werden könnten. "Die Krise ist leider Gottes bei Weitem noch nicht vorbei", betont Trefelik.

Dazu komme, dass verschiedene Bereiche des Handels völlig unterschiedlich von der Krise betroffen waren und noch sind. Während im Lebensmittelhandel der Umsatz boomt, leidet der Modehandel - mit rund 31.000 Mitarbeitern - unter Umsätzen, die noch immer 23 Prozent unter dem Jahr 2019 liegen.

Verständlich nennt Wifo-Experte Benjamin Bittschi die Argumente der Arbeitgeber. Unverschämt freilich seien auch die Forderungen nach einem Lohnplus von bis zu 4,5 Prozent (wie in der Metallindustrie) eigentlich nicht. Aus Gewerkschaftssicht gehe es darum, hohe Reallohnverluste des heurigen Jahres auszugleichen. Während mit Jahresbeginn die Löhne im Handel um 1,5 Prozent und in der Metallindustrie um 1,45 Prozent angehoben wurden, dürfte die Inflationsrate laut Wifo heuer bei 2,8 Prozent liegen. "Für die Beschäftigten hat es also Reallohnverluste gegeben."

Dass die wirtschaftliche Lage der Betriebe im Handel heuer derart unterschiedlich sei, führe tendenziell dazu, dass man sich bei den Verhandlungen an jenen orientiere, denen es schlechter gehe - und die Abschlüsse niedriger ausfallen. Alternativen freilich gebe es wenig, so Bittschi. "Sonst würde das gesamte KV-System ausgehebelt." Natürlich gebe es Länder, die Löhne auf betrieblicher Ebene aushandelten. Dann könnten gut laufende Betriebe höhere Löhne zahlen, mit dem Nachteil für andere Betriebe, dass sie immer schwerer Mitarbeiter finden. Und mit der Gefahr, dass letztlich die Politik eingreife und Mindestlöhne vorschreibe, wie es in Deutschland passiert sei, weil zu viele Billigstjobs entstanden sind.

Das österreichische System, bei dem sich die Sozialpartner auf Mindestlöhne im KV einigen, habe Vorteile. "Dass die Sozialpartnerschaft funktioniert, hat gerade das Vorjahr gezeigt, wo man sich mitten in der Krise sehr schnell auf einen Kompromiss geeinigt hat." Abseits von der Show, die man durch hohe Forderungen auf beiden Seiten Jahr für Jahr veranstalte, sei es von Vorteil, dass sich die Verhandlungspartner kennen. "Und was wäre die Existenzberechtigung einer Wirtschaftskammer mit Pflichtmitgliedschaft, wenn sie nicht die Löhne ausverhandelt?", sagt Bittschi.

Herausfordernd für den Handel sei, dass es schwierig sei, Mitarbeiter zu finden. Bessere Löhne wären da ein Argument, so Bittschi. Bei der Problematik, dass die Margen im Handel niedrig und Steigerungen bei der Produktivität anders als in der Industrie kaum möglich sind.

Und was tut sich bei den Metallern?

Bei den Metallern steht ein Arbeitskampf bevor

Noch weit auseinander lagen die Positionen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu Beginn der Verhandlungsrunde am Donnerstagnachmittag. Einer Forderung nach einem Plus von 4,5 Prozent bei Löhnen und Gehältern stand von den Arbeitgebern eine angebotene Erhöhung um 2,1 Prozent gegenüber. Am frühen Abend wurde die dritte Runde der KV-Verhandlungen ergebnislos abgebrochen.

Die Gewerkschaften GPA und ProGe wollen nun den Druck erhöhen. Ab 27. Oktober wird die Arbeit in den Betrieben für Betriebsversammlungen unterbrochen und Beschlüsse für Warnstreiks getroffen. "Ein Arbeitskampf steht bevor", erklärten am Abend die beiden Chefverhandler Rainer Wimmer (ProGe) und Karl Dürtscher (GPA). Das beschämende Angebot für Lohn- und Gehaltserhöhungen sei eine Verhöhnung der ArbeitnehmerInnen und angesichts ihrer Leistungen unter aller Kritik.

Für den Fachverband Metalltechnische Industrie (FMTI) ist diese Entschlossenheit ein Zeichen dafür, "dass die Arbeitnehmer auf Streit gebürstet sind".

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