Wirtschaft

Heuer gibt es nichts zu verteilen bei den Metallern

Die Metallindustrie will die jährlichen Lohnverhandlungen wegen Corona ein Jahr aussetzen. Damit beißt sie aber auf Granit bei ihren Verhandlungspartnern.

Bei den diesjährigen Metaller-Lohnverhandlungen ist der zu verteilende Kuchen nicht nur geschrumpft – er ist gar nicht mehr vorhanden, sagen die Arbeitgeber.  SN/apa (afp/archiv)
Bei den diesjährigen Metaller-Lohnverhandlungen ist der zu verteilende Kuchen nicht nur geschrumpft – er ist gar nicht mehr vorhanden, sagen die Arbeitgeber.

Dass im Vorfeld der alljährlichen Verhandlungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern über Löhne und Arbeitsbedingungen die Arbeitgeber die Lage in recht düsteren Farben zeichnen, ist nichts Neues und gehört zum Ritual. Auch die Tatsache, dass in diesem Jahr die weltweiten Maßnahmen zur Eindämmung der Coronakrise praktisch alle Wirtschaftsbereiche und somit auch die Metallindustrie massiv getroffen haben, ist nicht neu. Originell ist allerdings die Schlussfolgerung, die die Arbeitgeber in der Metalltechnischen Industrie daraus ziehen.

"Nichts zu verteilen außer Sorgen"

Denn Christian Knill, der Obmann des Fachverbands der Metalltechnischen Industrie (MTI), schlägt vor, wegen der "absoluten Ausnahmesituation", in der sich Branche und Gesamtwirtschaft heuer befinden, die diesjährigen Verhandlungen für einen neuen Kollektivvertrag (KV) einfach auszulassen. "Es gibt heuer nichts zu verteilen außer Sorgen", richtet Knill den Verhandlungspartnern auf Arbeitnehmerseite aus. Das heißt: Für Lohnerhöhungen gebe es heuer keinen Spielraum. Wirtschaftlich sinnvoll wäre eine "Verschiebung der KV-Verhandlungen auf das nächste Jahr". Eine Aussetzung der Lohnverhandlungen wäre für Österreich ein Novum, in Deutschland wurden zuletzt wegen Corona Tarifverhandlungen ausgesetzt.

Christian Knill, Obmann des Fachverbands Metalltechnische Industrie.  SN/apa
Christian Knill, Obmann des Fachverbands Metalltechnische Industrie.

Davon wollen die Verhandler auf der anderen Seite, die zuständigen Gewerkschaften ProGe und GPA-djp, nichts wissen. Das wäre ein "völlig falsches Signal", ist zu hören. "Eine Nulllohnrunde kommt nicht infrage. Das wäre in der jetzigen Situation das Schlechteste für die wirtschaftliche Entwicklung", erklären die beiden Chefverhandler aufseiten der Arbeitnehmer, Rainer Wimmer von der Produktionsgewerkschaft (ProGe) und Karl Dürtscher von der Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp).

"Nulllohnrunde kommt nicht infrage"

Die Gewerkschafter dringen jetzt vielmehr auf einen raschen KV-Abschluss mit nachhaltigen Lohn- und Gehaltserhöhungen, "um die Kaufkraft der Menschen zu sichern". Andernfalls würden jene Beschäftigten bestraft, die auch während des Lockdowns täglich für ihr Unternehmen gearbeitet hätten. Arbeitnehmer hätten durch die Krise bereits Einkommenseinbußen hinnehmen müssen, zudem seien sie von überdurchschnittlich hohen Preissteigerungen beim täglichen Einkauf sowie beim Wohnen besonders getroffen. Faire Lohn- und Gehaltserhöhungen seien "das beste Mittel, um die Kaufkraft zu sichern und eine gesamtwirtschaftliche Abwärtsspirale zu verhindern", betonen Wimmer und Dürtscher.

Planmäßig erfolgt der Start der diesjährigen KV-Verhandlungen für die rund 190.000 Beschäftigten in der gesamten Metallindustrie mit der Forderungsübergabe am 24. September. Dieser Auftakt für die Metaller-Herbstlohnrunde erfolgt für alle Sparten - Metalltechnische Industrie, Gießereiindustrie, Fahrzeugindustrie, Bergbau-Stahl, Nichteisen-Metallindustrie sowie Gas- und Wärmeversorgungsunternehmen - gemeinsam. Danach sind separate Verhandlungstermine für die einzelnen Branchen angesetzt. Trotz der auf Wunsch der Arbeitgeber getrennten Verhandlungen erreichten alle Fachverbände zuletzt immer dieselben KV-Abschlüsse.

Krise wirft die Metallindustrie um zehn Jahre zurück

Ihre pessimistische Einschätzung für das Gesamtjahr untermauern die Arbeitgeber mit aktuellen Zahlen und Einschätzungen aus den Betrieben. MTI-Obmann Christian Knill spricht vom schlimmsten Einbruch der Industrie seit dem Zweiten Weltkrieg. "Die Coronakrise wirft unsere Branche um mehr als zehn Jahre zurück", sagt er. Derzeit erwarteten die Arbeitgeber für 2021 ein Produktionsniveau auf Höhe des Jahres 2010.

Auf Basis der vorliegenden Zahlen werde die Produktion im Gesamtjahr 2020 um knapp ein Fünftel (19,5 Prozent) zurückgehen - und eine sich abzeichnende Erholung werde länger auf sich warten lassen als erhofft.

Im Jahr 2021 soll es zwar wieder aufwärtsgehen, damit dürfte den Schätzungen zufolge aber gerade einmal die Hälfte des Einbruchs wettgemacht werden. Insgesamt werde es wohl drei bis vier Jahre dauern, bis die Metalltechnische Industrie wieder auf das Niveau des Vorkrisenjahres 2019 zurückkehren kann - und auch das nur unter der Voraussetzung, dass es zu keiner neuen Krise kommt.

Den Einbruch von historischem Ausmaß in der Metallindustrie demonstriert Branchensprecher Knill anhand einer Zwischenbilanz. Bis Ende Mai sei der Produktionswert mit 14,16 Mrd. Euro um knapp 20 Prozent (preisbereinigt) unter dem Vergleichswert von 2019 gelegen. Die Exporte seien im ersten Halbjahr um 14,2 Prozent eingebrochen, wobei es die größten Rückgänge bei den Ausfuhren nach Großbritannien (-25 Prozent), nach Polen (-20,6), Italien (-20,2) sowie in die USA (-16 Prozent) gegeben habe.

Der Produktionsindex innerhalb der Branche sei bereits seit Mitte 2019 rückläufig. Den stärksten Einbruch dieser Kennziffer gab es im April mit einem Einbruch um satte 32 Prozent. In den Betrieben verbessere sich die Stimmung, aber relativ langsam, berichten MTI-Obmann Knill und Fachverbands-Geschäftsführer Berndt-Thomas Krafft. Laut einer Blitzbefragung von Anfang September erwartet ein repräsentativer Querschnitt der MTI-Betriebe für das dritte Quartal ein Minus von 21,3 Prozent zum Vorjahr, für das vierte Quartal wird im Durchschnitt ein Rückgang um 19,4 Prozent erwartet.

Erstmals wieder mehr positive als negative Erwartungen

Kleiner Lichtblick: Im August gingen erstmals seit Ausbruch der Coronapandemie wieder mehr Betriebe von einer steigenden denn einer fallenden Produktion in den nächsten drei Monaten aus, das Verhältnis belief sich auf 20,9 Prozent (steigend) zu 19 Prozent (fallend). Der Großteil der Befragten (60,1 Prozent) geht von einer gleichbleibenden Produktion aus.

Die MTI ist der größte und einflussreichste Fachverband in der Metallbranche. Ihre Mitglieder erwirtschafteten 2019 einen Produktionswert von 39 Mrd. Euro, ein Viertel der gesamten Industrie. Die 1200 Unternehmen der Branche beschäftigen rund 134.000 Mitarbeiter, rund 30 Prozent aller industriellen Arbeitsplätze des Landes.

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