Wirtschaft

"Homeoffice geht nicht für jeden"

Die Regierung empfiehlt, Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken. Berater warnen: Zu viel Homeoffice werde die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen weiter sinken lassen.

Zwischen persönlicher Wahrnehmung und Fakten liegen mitunter Welten. Geht es um das Thema Homeoffice, sei das nicht anders, sagt Andreas Kreutzer vom Beraternetzwerk Kreutzer, Fischer & Partner. Er ist der Überzeugung, dass ein zu hoher Anteil an Homeoffice die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen weiter sinken lasse.

Die Lohnstückkosten würden weiter steigen. "Es ist nicht egal, wo die Menschen arbeiten, das hat die Regierung in ihrer jüngsten Empfehlung für das Homeoffice überhaupt nicht berücksichtigt", erklärt Kreutzer. So seien in einem Produktionsbetrieb vielleicht zehn Prozent der Jobs homeofficefähig, "der große Rest nicht".

Kreutzer stützt sich in seiner Einschätzung auf eine empirische Studie, die das Beraternetzwerk 2017 für einen großen deutschen Chemiekonzern durchführte und dabei die Arbeitsproduktivität im Homeoffice umfassend evaluierte. Das Ergebnis: Im Durchschnitt lag die Fehlleistung bei 30 Prozent, in Spitzenwerten sei die Produktivität um bis zu 60 Prozent gesunken.

Davon ausgenommen seien nur Mitarbeiter gewesen, die sich von Berufs wegen wenig im Büro aufhielten, etwa Außendienstmitarbeiter. "Das sind Einzelkämpfer, die sind das gewohnt und sind auch dafür ausgestattet", sagt Kreutzer. Je stärker aber die Tätigkeiten eines Mitarbeiters mit der Büroorganisation verwoben waren und je mehr Platz die Koordination im Job einnahm, desto größer fielen auch die Produktionsverluste aus. Wer auch noch Betreuungspflichten zu Hause zu erfüllen hatte, bei dem sank die Arbeitsleistung noch einmal deutlich. Auch Hausarbeit lenke ab.

Warum aber schätzten in Coronazeiten zuletzt immer mehr Menschen ihre Arbeitsleistung zu Hause als effizienter ein als im Büro? In einer Befragung eines Personaldienstleisters unter knapp 700 im Homeoffice arbeitenden Beschäftigten gaben jüngst rund vierzig Prozent an, zu Hause mehr Arbeit zu bewältigen als in der Firma.

Für Berater Kreutzer resultiert die große Lücke zwischen subjektiver Wahrnehmung und empirischer Evidenz daraus, "dass praktisch kein Unternehmen im Verwaltungsbereich die Produktivität tatsächlich auch misst". Anders als in einer Produktion, in der seit Jahrzehnten für die Produktionsplanungen genau gemessen werde, wie viel Zeit man für ein Teil brauche, passiere das im nicht-produktiven Bereich höchst selten. Dabei gebe es mit "Activity Based Costing" (ABC) seit den 1990er-Jahren ein dafür gut funktionierendes Instrument. "Man kann die aktive und passive Bildschirmzeit messen, die Anschläge auf der Tastatur oder geführte Telefonate", erklärt Kreutzer.

Warum sich diese Methode in den Büros bisher kaum durchsetzte, wundert wenig: "Der Widerstand von Angestellten bis hin ins mittlere Management ist einfach zu groß. Es ist nicht opportun, dass man deren Leistungen misst." Somit bleibe die Leistungsbeurteilung in großen Teilen eines Unternehmens subjektiv, Leistungen würden, etwa im Verkauf, über Provisionen gemessen. Das Argument, dass kreative Arbeit mit technischen Instrumenten nicht zu messen ist, lässt Kreutzer nicht gelten: "So viel haben wir nicht davon." Freilich gebe es Berufe mit hohem kreativen Anteil, "aber der Regelfall ist das nicht".

Hinsichtlich des Coronaherbsts und -winters ist er zuversichtlich, dass die Unternehmen mittlerweile vieles in puncto Homeoffice gelernt haben. "Es kommt nicht mehr so überfallsartig wie im Frühjahr, die Ausstattungen sind besser geworden." Und jene Unternehmen mit einem hohen Anteil an Einzelkämpfern würden sich auch leichter tun, dauerhaft auf Homeoffice umzustellen. Doch weder Vertriebsinnendienst noch Buchhaltung sieht Kreutzer langfristig in der Telearbeit, "es sei denn, ein Unternehmen ist schon komplett digitalisiert, aber davon kenne ich keines". In jeder Buchhaltung werde täglich mehrmals nach Belegen gesucht, "und dafür muss ich im Büro sein, das ist meine Ablage".

Zu viel Homeoffice konterkariere aber auch die Personalentwicklungen der jüngsten Vergangenheit. "Alle Firmen wurden auf Teamarbeit aufgebaut, und die ist digital einfach schwieriger umzusetzen." Und wenn man jetzt nur mehr auf Einzelkämpfer setze, sei das Personalrecruiting der letzten 25 Jahre umsonst gewesen. Ein schnelles Treffen in der Firma zusammenzutrommeln sei zudem wesentlich einfacher und weniger zeitaufwendig, als die Leute in digitalen Tools und auf Onlineportalen zusammenzuholen. "Und auf einem Bildschirm haben oft nur vier Leute Platz, damit ich sie auch noch sehe."

Die Telearbeit auch arbeitsrechtlich zu verankern, sieht Kreutzer weniger kritisch, "das wird notwendig sein". Auch, dass weiterhin Arbeitgeber sowie Arbeitnehmer dem Homeoffice zustimmen müssten.

Man müsse dabei allerdings bedenken, nicht Autobahnen zu bauen, die in eine falsche Richtung führten, anstatt zielführend zu sein. Teleworking habe durch Corona einen Schub bekommen, betont Kreutzer, "ich bin aber auch überzeugt, dass die allermeisten wieder ins Büro zurückkehren werden, wenn die Sache vorbei ist". Auch deshalb, weil die soziale Komponente, die mit einem Arbeitsplatz verbunden ist, wichtig sei.

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