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Lebensversicherungspolizzen werfen immer weniger ab

Lebensversicherungsverträge werfen künftig immer weniger Kapitalertrag ab. Die Zinsversprechen der Branche an ihre Kunden könnten bald Vergangenheit sein. Garantien werden immer seltener offeriert und womöglich mittelfristig ganz verschwinden, nimmt Wifo-Experte Thomas Url an. Grund ist die flachere Zinskurve, die bei kürzeren Laufzeiten nominell negativ ist, was die Verbindlichkeiten erhöht.

Lebensversicherungspolizzen werfen immer weniger ab SN/APA (dpa/Symbolbild)/Jens Büttn
Die Kapitalerträge sinken.

Lebenspolizzen mit einer Mindestertragsgarantie könnten wegen des hohen Eigenmittelbedarfs vom Markt genommen oder nur mehr mit abgeschwächten Garantieformen angeboten werden, nimmt der Wifo-Experte an. Das sei eine Folge der neuen, seit heuer geltenden Solvency-II-Eigenkapitalregeln, die Garantiezusagen teurer machen, weil zusätzliche Eigenmittel vorzuhalten seien und Versicherer vorsichtiger investieren müssten, sagte Url am Montag im Gespräch mit der APA.

Für Kunden, die einen Bedarf an Garantieprodukten hätten, sei das bitter. Wegen der langfristig niedrigeren Kapitalerträge scheine nämlich der Aufbau einer ausreichenden kapitalgedeckten Altersvorsorge gefährdet. Dabei würden die Kunden "von zwei Seiten gezwickt", durch die niedrige Verzinsung und das Risiko, wenn sie etwa auf Fondsprodukte mit Aktien ausweichen wollen.

Lebensversicherer kämen mit der Zinsstrukturkurve nur schwer zurecht, so Url. Das hätten bereits die Vorstudien zu dem heuer laufenden Stresstest der EU-Assekuranzaufsicht EIOPA gezeigt, die die Ergebnisse für die Branche bis Jahresende publizieren will. Die Zinskurve wurde flacher - und bei kürzeren Laufzeiten nominell negativ, was die Versicherungsverbindlichkeiten erhöht.

Zinssatzänderungen auf der Aktiv- und Passivseite der Versicherungsbilanz würden einander nur dann aufheben, wenn eine Fristenkongruenz gegeben sei - das sei aber in der Regel nicht gegeben, da es ja keine 40- oder 80-jährigen Staatsanleihen gebe.

Bei einer niedrigeren Zinsstrukturkurve würden sowohl die versicherungstechnischen Rückstellungen (passivseitig) wie auch der Marktwert der Veranlagungen (aktivseitig) steigen. Bei einer Verflachung der Zinsstrukturkurve - seit Ende 2015 erfolgte für mittlere und längere Restlaufzeiten im Gefolgte des erweiterten EZB-Anleiheankaufsprogramms (QE2) etwa ein Prozentpunkt Absenkung, wobei die Rendite für 10- bis 15-jährige Laufzeiten stärker zurückging - könne der Nettoeffekt auf die verfügbaren Eigenmittel deutlich negativ sein, wenn ein Versicherer wegen der aktuellen Unsicherheit über die künftige Zinsentwicklung überwiegend kurzfristig veranlagt ist, während die erwarteten Leistungen in der ferneren Zukunft anfallen, sagt der Fachmann.

Wie Banken - durch die Basel-III-Regeln - müssten auch Versicherungsunternehmen trachten, dass ihre Kapitalpuffer größer werden, weil künftig der Unterschied zwischen marktkonsistent bewerteten Veranlagungen und Rückstellungen schwankt. Diese Differenz, die durch Preisänderungen auf dem Finanzmarkt beeinflusst werde, bilde die Grundlage zur Berechnung des Mindestkapitalerfordernisses. Aufgefettet werden könnten die Kapitalpolster nur entweder aus den selbst erwirtschafteten Gewinnen, "oder ich muss eine Eigenmittelaufnahme unter den Aktionären zusammenbringen".

Bei den Veranlagungen werden die Lebensversicherer nach Einschätzung von Url "leider noch konservativer werden als sie eh schon sind" - also noch stärker in Staatsanleihen Investieren -, was sich negativ auf die Erträge für die Versicherungsnehmer auswirken werde. Andererseits könnten die Versicherer selbst Schwankungen im Eigenmittelbedarf dadurch besser absichern.

Auch der Wifo-Finanzexperte geht davon aus, dass der Realzins wohl bis mindestens 2020 negativ sein wird, wenn nicht sogar bis 2022/23. Entsprechend spät wird wohl auch die von der EU-Versicherungsaufsicht EIOPA langfristig angenommene Konvergenz zu einem Wert von 3,75 Prozent erreicht werden - zusammengesetzt aus 2 Prozent Inflation und 1,75 Prozent Durchschnittswert für den Realzinssatz im Euroraum. Dieser Wert, so Url, werde wohl erst in der ferneren Zukunft, in etwa 80 Jahren, erreicht sein, das sei aber eine für Versicherer relevante Zeitspanne, etwa "wenn die Oma fürs Enkerl bei der Geburt eine Lebensversicherung abschließt".

Die österreichische Finanzmarktaufsicht FMA dürfte den höchstzulässigen Zinssatz, den Lebensversicherer ihren Kunden bei Vertragsabschluss versprechen dürfen, im kommenden Jahr von derzeit 1,0 auf 0,5 Prozent absenken.

Quelle: APA

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