Wirtschaft

Lehrlinge am Bau zufrieden, im Handel nicht

Lehrlinge am Bau, in Banken und in der IT bewerteten die Ausbildungsqualität ihres Lehrberufes am besten. Am schlechtesten benotet wurde unter anderem die Lehre im Einzelhandel, in Restaurants und in Apotheken.

Lehrlinge am Bau bewerteten die Ausbildungsqualität am besten SN/APA (dpa/Symbolbild)/Patrick Ple
Lehrlinge am Bau bewerteten die Ausbildungsqualität am besten

Dies geht aus einer Online-Umfrage unter 6024 Lehrlingen des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung (öibf) im Auftrag der Arbeiterkammer und der Gewerkschaft hervor. Für den zweiten "Österreichischen Lehrlingsmonitor" wurden Lehrlinge im letzten Lehrjahr befragt. Das öibf führte die Umfrage zwischen November 2016 und Mai 2017 durch. Die Ergebnisse wurden nach Lehrberufen gewichtet, Detailaussagen gibt es zu 31 Lehrberufen.

Die Lehrberufe, wo die Ausbildungsqualität von den befragten Lehrlingen am besten bewertet wurde: Bankkaufmann/frau, Speditionskaufmann/frau, Maurer, Zimmerer, Steuerassistenz, Informationstechnologie, Karosseriebautechnik und Versicherungskaufmann/frau sowie Metalltechnik und Verwaltungsassistenz.

Am schlechtesten bewertet wurde die Ausbildungsqualität laut Umfrage in folgenden Lehrberufen: Friseur und Perückenmacher, Restaurantfachmann/frau, Elektrotechnik, Einzelhandel, Maler und Beschichtungstechniker, Kfz-Technik, Pharmazeutisch-kaufmännische Assistenz, Tischler, Konditor und Hotel- und Gastgewerbeassistent sowie Bäcker.

In einigen Bereichen der betrieblichen Lehrlingsausbildung gebe es Handlungsbedarf, um das heimische Modell zukunftsfit zu machen, sagten ÖGB-Chef Erich Foglar und Arbeiterkammer-Präsident Rudolf Kaske bei der Präsentation des Lehrlingsmonitors. Dies betreffe vor allem die Ausbildungsqualität, arbeits- und sozialrechtliche Fragen und das Arbeitsklima.

Jeder dritte Lehrling macht Überstunden

Bei der Umfrage gaben 29 Prozent der Lehrlinge an, (sehr) häufig ausbildungsfremde Tätigkeiten ausüben zu müssen. An gemeinsame Projekte zwischen Lehrbetrieben und Schulen konnte sich nur knapp ein Fünftel der Befragten erinnern. 58 Prozent der Lehrlinge gaben an, bei der Vorbereitung zur Lehrabschlussprüfung vom Lehrbetrieb unterstützt zu werden. Bei knapp der Hälfte habe der Lehrlingsausbilder mit ihnen über die Anforderungen der Lehrabschlussprüfung gesprochen. GPA-djp-Jugendvorsitzende Susanne Hofer verwies darauf, dass 17,5 Prozent der Lehrlinge die Lehrabschlussprüfung beim ersten Antritt nicht schaffen würden und 4,2 Prozent gar nicht zur Prüfung antreten würden. Bei der Integration der Lehrabschlussprüfung in die Lehrausbildung gebe es dringenden Handlungsbedarf, so Hofer.

36 Prozent der befragten unter 18-Jährigen gab an Überstunden zu leisten, mehr als ein Drittel davon unfreiwillig. Der Vorsitzende der Gewerkschaftsjugend (ÖGJ), Sascha Ernszt, erinnerte daran, dass für jugendliche Lehrlinge besondere arbeits- und sozialrechtliche Bestimmungen gelten und Überstunden für unter 18-Jährige verboten sind.

ÖGB-Chef und Arbeiterkammer-Präsident forderten die Regierung und die Betriebe auf, die Qualität der Lehrlingsausbildung zu verbessern und nicht nur eine Imagekampagne zu machen. Als positives Beispiel führte Kaske die Baubranche an, die deutliche Verbesserungen bei Lehrausbildung und -Entschädigung geschaffen habe und nun über "einen guten Ruf" verfüge. Im Gegensatz dazu, werde in der Gastronomie und Hotellerie der Fachkräftemangel beklagt und im vierten Lehrjahr nur eine Lehrlingsentschädigung von 1000 Euro brutto bezahlt.

Kostenloses Lehrlingscoaching bei Problemen und Sorgen

Lehrlinge, aber auch Lehrbetriebe, die Probleme oder Sorgen haben, können ein kostenloses Coaching in Anspruch nehmen (www.lehre-staat-leere.at). Seit 2016 stehen in jedem Bundesland Experten zur Verfügung. Im Vorjahr wurden 1779 Lehrlinge gecoacht und 230 Betriebe betreut. Viele Lehrlinge würden sich bei Lernschwierigkeiten melden, es gebe aber auch Fälle von Mobbing im Betrieb, sagt der Leiter der Abteilung für Bildungspolitik in der Wirtschaftskammer Österreich, Alfred Freundlinger. Oft funktioniere die Lehrlingsausbildung in einem kleineren Betrieb mehr auf dem Prinzip des Mitarbeitens, also "Learning by Doing". In größeren Betrieben gebe es zumeist eigene Lehrwerkstätten. "Dass das eine besser funktioniert als das andere, kann man nicht sagen", betont Freundlinger. Wohl aber, dass es weder geeignete noch ungeeignete junge Menschen für eine Lehrausbildung gebe. "Wichtig ist, dass jeder auf den richtigen Platz kommt, und das ist wesentlich komplexer als viele glauben."

Mit Ende Februar 2018 waren österreichweit 103.495 Lehrlinge in einer Ausbildung, das ist ein hauchdünnes Plus gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Deutlicher fallen die Zuwächse bei den Neueinsteigern im ersten Lehrjahr aus. Hier zählte man mit Ende Februar 33.559 Lehrlinge, das ist ein Plus von 3,3 Prozent. Ohne überbetriebliche Ausbildungsstätten fielen die Zuwächse mit plus 4 Prozent noch deutlicher aus, "das ist ein Lichtblick", sagt Freundlinger. Mit plus sechs Prozent überdurchschnittlich zugelegt haben der Tourismus, die Industrie sowie die Branche Transport und Verkehr. Insgesamt bilden österreichweit rund 28.000 Betriebe aus.

Schon viele Lehrlinge sind älter als 20

Auffallend ist: Das Alter der Lehrlinge steigt. Mittlerweile sind rund 18.000 Lehrlinge (17,1%) beim Einstieg in die Lehre 20 Jahre oder älter. "Der älteste Lehrling ist derzeit 66 Jahre alt", sagt Freundlinger. Bei den 30-Jährigen zähle man 68 Lehrlinge, bei den 27-Jährigen fast 1000. Der durchschnittliche Lehrling sei mittlerweile 17,9 Jahre alt, "also eigentlich 18".

Je älter die Lehrlinge, umso häufiger werden auch verkürzte Lehrzeiten aufgrund schulischer oder beruflicher Vorbildung. Mittlerweile steigt jeder fünfte Lehranfänger in einem höheren Lehrjahr als dem ersten ein.

(Apa-Schö)

Aufgerufen am 20.06.2018 um 09:16 auf https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/lehrlinge-am-bau-zufrieden-im-handel-nicht-25344898

Mehr Berufsschul-Stunden für alle Lehrlinge geplant

Wie viel Zeit Lehrlinge in der Berufsschule verbringen, ist derzeit je nach Sparte unterschiedlich: Im Tourismus sind es 1.080 Stunden, im Handel 1.080 bis 1.260, bei Friseuren, Floristen, Bäckern etc. 1.200 …

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