Lohnverhandlung außerhalb der Komfortzone

Streikdrohungen, scharfe Worte und hohe Lohnforderungen - das Ringen um einen Kollektivvertrag läuft diesmal härter ab als in vergangenen Jahren.

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Standpunkt Helmut Kretzl

Vor der heutigen entscheidenden Verhandlungsrunde für die Metalltechnische Industrie, die größte Industriesparte des Landes, hat sich die Wortwahl noch einmal verschärft. Da ist die Rede von "Kampfmaßnahmen", verhärteten Fronten, Stillstand, Entschlossenheit und Resolutionen, da wird der jeweiligen Gegenseite das Gefühl für Verantwortung und Vernunft abgesprochen, mag agiere mit Halbwahrheiten, unseriös und unprofessionell, nehme gar Mitarbeiter in Geiselhaft.

Das sind Töne, wie man sie aus Österreich so eher nicht gewohnt ist. Das liegt daran, dass die Ausgangslage diesmal wirklich etwas anders ist als sonst. Als wäre die Einigung auf einen neuen Kollektivvertrag (KV) für den größten Industriebereich des Landes für sich selbst genommen nicht schon Herausforderung genug, lastet diesmal über den Gesprächen noch die Vorgabe eines neuen Arbeitszeitgesetzes. Die Novelle erlaubt flexiblere Arbeitszeiten, Mehrarbeit wird bei Bedarf aus Sicht der Unternehmen einfacher und günstiger.

Die Vorgeschichte: Arbeitgeber und Arbeitnehmer hätten es in bewährter Tradition der Sozialpartner im Vorjahr in der Hand gehabt, sich bilateral auf eine einvernehmliche Lösung zu flexibleren Arbeitszeiten zu einigen. Diese Chance haben sie nicht genutzt. Daraufhin hat die Regierung die Initiative ergriffen und ihrerseits ein Gesetz beschlossen - ohne Einbindung der Arbeitnehmer. Wenn also bei den aktuellen KV-Verhandlungen der Metalltechnischen Industrie die Arbeitgeber sagen, sie seien nicht der richtige Ansprechpartner, mag das formal richtig sein - aber ohne Frage kommt die Neuregelung ihren Interessen mehr entgegen als jenen der Arbeitnehmer. Daher ist nachvollziehbar, dass die Gewerkschaften jetzt auf ihre Interessen pochen, schließlich ist das ihre Daseinsberechtigung.

Die verschärfte Wortwahl mag in Österreich nicht üblich sein, wirklich verwunderlich ist sie nicht. Sie zeigt letztlich nur auf, dass das Ringen um einen Kollektivvertrag ein Kampf um Verteilung und Macht ist. Geld und Arbeitsbedingungen, vor allem die Zeit, sind die großen Stellschrauben, an denen gedreht werden kann. Die markante Forderung nach mehr Lohn - die Gewerkschaft verlangt 5 Prozent mehr - und Streikdrohungen sind die Instrumente der Arbeitnehmer, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. So sieht das Ringen um neue Arbeitsbedingungen außerhalb der Komfortzone aus.

Wenn man davon ausgeht, dass letztlich sowohl Arbeitgeber wie auch Gewerkschaften ein Interesse an einem erfolgreichen Fortbestand der Unternehmen zu fairen Bedingungen haben, kann man auch heuer darauf vertrauen, dass sich beide Seiten wieder zu einem für beide tragbaren Kompromiss durchringen werden. Wie bisher noch jedes Jahr.

Aufgerufen am 26.08.2019 um 03:10 auf https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/lohnverhandlung-ausserhalb-der-komfortzone-60227548

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