Wirtschaft

Mattersburg-Bank: Es könnten bis zu 500 Mio. Euro fehlen

Im Bilanzskandal um die burgenländische Commerzialbank Mattersburg könnte mehr Geld fehlen als bisher angenommen, nämlich bis zu 500 Millionen Euro, berichtet der "Kurier" in seiner Freitag-Ausgabe. Darauf würden erste Befürchtungen der Finanzmarktaufsicht (FMA) schließen lassen, heißt es.

Viele Betroffene haben keine Ahnung, wie es weitergehen soll SN/APA/ROBERT JAEGER
Viele Betroffene haben keine Ahnung, wie es weitergehen soll

Der Ball liege nun bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft sowie bei den Ermittlern für Wirtschaftsdelikte des burgenländischen Landeskriminalamtes (LKA). Immerhin jene Abteilung, die schon vor 20 Jahren das 170-Millionen-Euro-Desaster rund um die Bank Burgenland auf Punkt und Beistrich untersucht hat. Nun dürfte den Kriminalisten eine ähnliche Mammutaufgabe bevorstehen.

Der Chef der Einlagensicherung, Harald Podoschek, rechnet damit, dass insgesamt rund 450 Millionen Euro ausbezahlt werden, wie es in der Mittags-"ZiB" des ORF-Fernsehens hieß. Das Geld dafür sei vorhanden. Aber es ist die größte Summe, die jemals an private Sparer gezahlt werden musste, immerhin seien geschätzte 55.000 Kundinnen und Kunden betroffen. Pro Kunde gibt es Entschädigung für maximal 100.000 Euro Einlage.

"Wir wissen, dass wir das Geld, das wir für die Entschädigung brauchen, zur Verfügung haben", so Podoschek: "Also ich kann alle Sparer, Einleger beruhigen. Die Einlagensicherung Austria hat das Geld bereits am Bankkonto, und wir werden alle Einleger entschädigen können."

Ab Montag würden Betroffene einen eingeschriebenen Brief mit einem Geheimcode erhalten, mit dem sie sich über die Website der Einlagensicherung einwählen können. Sie müssen ihre bisherige Kontonummer, die neue Kontonummer und den IBAN bekannt geben, so Podoschek. Wer noch kein neues Konto hat, sollte daher möglichst bald eines eröffnen.

Der Bilanzskandal um die Commerzialbank sorgte auch in der Stadtgemeinde für Entsetzen. "Ich war genauso geschockt wie viele andere. Das ist eine menschliche Katastrophe für viele Privatpersonen und Firmen", sagte Bürgermeisterin Ingrid Salamon (SPÖ) am Donnerstag im APA-Interview. Die Stadtgemeinde rechne mit keinem finanziellen Schaden, beim Rathaus-Projekt müsse man abwarten.

Viele Betroffene hätten sich bereits bei der Stadtgemeinde gemeldet, um nachzufragen, wie es nun weitergehe, erzählte Salamon. Ihnen habe man Auskunft erteilt und auf die Initiativen des Landes verwiesen. Auf der Bezirkshauptmannschaft Mattersburg gibt es für betroffene Bankkunden etwa die Möglichkeit zur Beratung durch Mitarbeiter der Schuldnerberatung, des Konsumentenschutzes und der Bankenombudsstelle.

Die Stadtgemeinde selbst rechne mit keinem finanziellen Schaden durch den Bilanzskandal. "Wir haben keine Gesellschaft mit der Bank", sagte Salamon. Man habe zwar Konten und die Bank sei federführend in das Umbauprojekt beim Rathaus involviert gewesen, aber "in das Rathaus sind noch keine Summen geflossen", so die Bürgermeisterin.

Wie es mit dem Projekt nun weitergehe, sei momentan noch unklar. Dafür müsse man erst die Ermittlungen abwarten. "Dann können wir schauen, wie man es weiter vorantreiben kann", sagte Salamon. Die "menschliche Enttäuschung" sei jedenfalls groß. "Das ist ein schrecklicher Vorfall. Keiner hat damit gerechnet", betonte die Bürgermeisterin.

Die ÖVP Burgenland forderte indes Soforthilfe des Landes für die Gemeinden und Betriebe, die vom Bilanzskandal um die Bank betroffen sind. Das Land müsse nun einspringen und dafür sorgen, dass die Gemeinden und Betriebe zahlungsfähig bleiben, betonte Landesparteiobmann Christian Sagartz.

"In 14 Tagen müssen Gehälter für die Mitarbeiter ausbezahlt werden können. Wenn jetzt nicht rasch geholfen wird, folgt auf die finanzielle Katastrophe eine soziale", sagte Sagartz. Neben der rechtlichen Verantwortung gehe es auch um soziale und wirtschaftliche Verantwortung. "Hier ist das Land gefordert, Soforthilfe zu leisten. Jetzt müssen wir die Arbeitsplätze in der Region sichern", so der Landesparteiobmann.

Auf der Suche nach Schuldigen und Versäumnissen im Bilanzskandal wurden am Donnerstag erste Rufe nach Schadenersatz laut. Der Wiener Anlegeranwalt Ingo Kapsch hinterfragt die Rolle der Abschlussprüfer. Und in der Folge mögliche Haftungsansprüche. Die lägen bei Fehlverhalten bei mehreren Millionen Euro pro Jahresabschluss.

Die Mattersburger Bank wurde von 2006 bis 2018 von der TPA geprüft. Die Wirtschaftsprüfungskanzlei erklärte am Mittwoch, im Fall Commerzialbank selber Opfer von Täuschung und offenkundigem Betrug geworden zu sein. TPA sei mitten in internen Ermittlungen und prüft selber eine Anzeige gegen die Bankverantwortlichen. Dies sei Gegenstand von laufenden Diskussionen, hieß es aus der Kanzlei am Donnerstag zur APA.

Damit will sich der Anlegeranwalt Kapsch nicht zufriedengeben. Er würde sich im Fall eines Strafverfahrens in der Causa Commerzialbank - wie schon in früheren Bank- und Anlegeraffären - im Kundenauftrag als Privatbeteiligter einem Ermittlungsverfahren anschließen. Er habe schon Anfragen dazu, berichtete er.

Quelle: APA

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