Wirtschaft

Millionen-Schaden für Käufer von Wienwert-Anleihen?

Der Immobiliengesellschaft WW Holding AG hat am Donnerstag ein Insolvenzverfahren angekündigt. Wegen Zahlungsunfähigkeit und einer insolvenzrechtlichen Überschuldung werde ein Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens vorbereitet und so rasch wie möglich beim zuständigen Insolvenzgericht eingebracht, teilte das Unternehmen mit. Die Wienwert AG solle verkauft werden.

Symbolbild. SN/APA/HELMUT FOHRINGER
Symbolbild.

"Die WW Holding AG strebt ein Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung an, im Rahmen dessen Wienwert AG, eine wesentliche Beteiligung von WW Holding AG, verkauft werden soll", hieß es weiter. "Wienwert AG ist vom Insolvenzverfahren nicht betroffen."

Hintergrund ist das Bekanntwerden des Ermittlungsverfahrens der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) gegen Wienwert. Laut Medienberichten geht es um den Verdacht der Untreue und der Vollstreckungsvereitelung zugunsten eines anderen. Das Unternehmen hatte die Vorwürfe zurückgewiesen.

Nach Bekanntwerden der Ermittlungen sei Wienwert allerdings nicht mehr in der Lage gewesen, eine zu diesem Zeitpunkt in Emission befindliche Unternehmensanleihe erfolgreich am Kapitalmarkt zu platzieren, betonte das Unternehmen. WW Holding habe zudem eine fällige Unternehmensanleihe nicht bei Fälligkeit bedienen können.

Wienwert steht schon seit Jahren im Visier der heimischen Finanzmarktaufsicht (FMA). Seit 2014 hat die FMA vier Sachverhaltsdarstellungen an die Staatsanwaltschaft übermittelt und mehrere Verwaltungsstrafverfahren gegen die Vorstandsmitglieder der Wienwert verhängt. Der Grund waren irreführende Werbungen im Zusammenhang mit der Platzierung von Anleihen.

Zuletzt verhängte die Aufsichtsbehörde im vergangenen Jahr gegen Vorstandschef Stefan Gruze eine Strafe im Ausmaß von 85.000 Euro. Bestraft wurden auch die beiden ehemaligen Vorstände und Firmengründer Wolfgang Sedelmayer und Nikos Bakirzoglu, so FMA-Sprecher Klaus Grubelnik am Donnerstag zur APA.

Grubelnik betont, dass die Wienwert-Gruppe kein von der FMA konzessioniertes Unternehmen sei, es nicht der Aufsicht durch die FMA unterstand. Wienwert habe mehr als 23 Anleihen begeben, 19 davon unter einem Ausnahmetatbestand, wodurch sie keinen Prospekt veröffentlichen mussten. Der aktuelle Prospekt zu einer Anleihe sei von der Luxemburger Aufsicht gebilligt worden.

Der Schaden für die Käufer von Anleihen dürfte bis zu 40 Mio. Euro betragen, sagte FMA-Vorstand Helmut Ettl in einem Ö1-Mittagsjournal-Interview am Donnerstag. Bei den verkauften Anleihen habe es sich um einfache Finanzprodukte gehandelt. "Das Risiko war für Kundige erkennbar", sagte Ettl. Wie viele Anleger betroffen sind, sei noch unbekannt.

Wienwert sei von der FMA sehr kritisch beobachtet worden. Für die Beaufsichtigung des Unternehmens sei sie jedoch nicht zuständig gewesen. Der Verkauf von scheinbar sicheren Anleihen am Finanzmarkt, die suggerierte Nähe zur Stadt Wien und die hohen versprochenen Renditen verführten Anleger immer wieder, in solche Richtungen zu investieren.

Die FMA habe vom ersten Tag an sehr konsequent gehandelt, und alle Kompetenzen, die sie habe, ausgereizt, "weil wir gesehen haben, dass da was am Markt passiert, was ziemlich wichtig war und haben versucht, Öffentlichkeit herzustellen, haben unser Strafausmaß ausgenutzt", so Ettl. Allerdings sei es jedem erlaubt, etwas am Markt zu verkaufen. Wenn bestimmte Bedingungen eingehalten werden, könne man es nicht verbieten.

Seit Jahresbeginn sei es der FMA auch möglich, komplexe und gefährliche Finanzprodukte zu verbieten. Bei Wienwert hätte die FMA dennoch nicht anders gehandelt. Die Wienwert-Anleihen seien keine komplexen Produkte, sondern relativ einfache Anleihen. Das Risiko dahinter sei auch für jeden, der kundig ist und sich das genau angeschaut habe, erkennbar gewesen. "Solche Sachen wird es immer wieder geben, da können wir nur an die Anleger appellieren: Schauen Sie sich ganz genau das Risiko an. Wer hohe Renditen verspricht, da ist auch hohes Risiko dahinter, und nicht überall, wo Immobilie drauf steht, ist auch ein sicheres Investment".

Wieviele Anleger betroffen sind, könne man noch nicht sagen. Es seien auch noch nicht alle Wienwert-Anleihen im Status der Zahlungsunfähigkeit. In den kommenden Tagen werden auch die Gerichte zu entscheiden haben, wie es hier weitergeht.

Ettl rät betroffenen Anlegern, sich beraten zu lassen. Mit dem Verein für Konsumenteninformation (VKI), der Beratungen für Kleinanleger übernehme, habe die FMA schon Kontakt aufgenommen.

Hilfe für betroffene Anleger bietet auch der Verein Cobin claims an, der im Vorjahr die Ermittlungen gegen die Wienwert-Gruppe ausgelöst hatte. Die nicht gewinnorientierte Plattform prüfe rechtliche Optionen. Betroffene könnte sich online melden, so der auf Sammelklagen bei Massenschäden spezialisierte Verein in einer Presseaussendung.

"Tatsächlich wird man davon ausgehen müssen, dass der wirtschaftliche Insolvenzzeitpunkt deutlich früher anzunehmen ist", so Vereinsvorstand Manfred Biegler, der schon länger die Vorgänge in der Wiener Immobiliengruppe verfolgt, in einer Presseaussendung.

Das "Geschäftsmodell" durchlief laut Biegler seit den ersten Anleiheplatzierungen in 2010 einen typischen 7-Jahres-Zyklus bis zur Insolvenz. "Der Schaden wird - wie bei diesen 'Modellen' üblich - durchaus eine Größenordnung von bis zu 60 Mio. Euro erreichen können", so Biegler. Er ortet ein "typisches, multiples Kontrollversagen aller Instanzen wie wir es von zahllosen Finanzskandalen in der Vergangenheit kennen. Die von uns immer wieder vorgetragenen Kritik am Funktionieren der Finanzmarktaufsicht wird leider wieder einmal bestätigt."

KSV-Insolvenzexperte Hans-Georg Kantner geht davon aus, dass die Pleite der Wiener Immobiliengruppe bei Kleinanlegern zu einem Schaden von fünf bis zehn Millionen Euro führen wird. Genauer lasse sich das schwer einschätzen, weil das Volumen der zum Handel zugelassenen Anleihen nur schwer einschätzbar sei, sagte Kantner am Donnerstag zur APA.

Die gesamten Verbindlichkeiten belaufen sich laut Kantner auf Basis der Bilanzzahlen für 2016 auf 70 Mio. Euro. Dazu kämen noch Haftungen für die Töchter, die auch noch eine Rolle spielen könnten. Von diesen 70 Mio. entfielen knapp 40 Mio. Euro auf Anleiheverbindlichkeiten. Die Anleihen seien aber nur zu einem kleinen Teil an Kleinanleger gegangen, von den vielen in den letzten Jahren aufgelegten Anleihen seien nur zwei zum Börsenhandel zugelassen worden. Das zugelassene handelbare Nominale betrage in Summe 15 Mio. Euro. Tatsächlich sei aber schwer einschätzbar, wie viel davon wirklich gehandelt wurde. "Handfeste Informationen gibt es derzeit nicht, weil sich das Management einbunkert", so Kantner.

Mit einem baldigen Insolvenzantrag rechnet der KSV-Experte nicht. Dieser dürfte erst in einer Woche oder zehn Tagen eingebracht werden, weil er zuerst vorbereitet werden müsse und es sich um eine komplexe Unternehmensgruppe handle. "Ich glaube, dass das ein paar Tage oder Wochen brauchen wird", so Kantner. Ende nächster Woche könnte es vielleicht schon so weit sein.

Quelle: APA

Aufgerufen am 18.11.2018 um 11:52 auf https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/millionen-schaden-fuer-kaeufer-von-wienwert-anleihen-23087620

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