Wirtschaft

Nach Privatkonkursreform folgt Ruf nach höherem Existenzminimum

Eine größtenteils positive Bilanz über die Reform des Privatkonkursrechts in Österreich zogen die Schuldnerberatungen am Donnerstag. Im Gegenzug solle nun das Existenzminimum erhöht werden, um Familien während der Schuldenregulierung besser vor Armutsgefährdung zu schützen.

Die Reform des Privatkonkursrechts in Österreich hat viele neue Schuldenregulierungsverfahren bewirkt, sodass sich nun mehr Menschen ihrer Schulden etwas leichter entledigen können. SN/Gina Sanders - Fotolia
Die Reform des Privatkonkursrechts in Österreich hat viele neue Schuldenregulierungsverfahren bewirkt, sodass sich nun mehr Menschen ihrer Schulden etwas leichter entledigen können.

Seit November 2017 muss beim Privatkonkurs der Schuldner nicht mehr eine Mindestquote von zehn Prozent erreichen. Die Dauer des sogenannten Abschöpfungsverfahrens, während dessen man auf das Existenzminimum (aktuell 909 Euro pro Monat für Alleinstehende) gepfändet bleibt, wurde von sieben auf fünf Jahre gekürzt. Das sind Erleichterungen, doch einen Privatkonkurs gebe es weiterhin keinesfalls "gratis", betonte Clemens Mitterlehner, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der staatlich anerkannten Schuldnerberatungen. Denn zuvor werde ja das gesamte Vermögen des Betroffenen verwertet. "Die Menschen leben jahrelang, gerichtlich verordnet, in Armut."

Im ersten Quartal 2018 wurden in Österreich 2711 Schuldenregulierungsverfahren eröffnet, gegenüber Jänner bis März 2017 ist das ein Plus von 63 Prozent. Die starke Steigerung "ist für uns eine Erfolgsmeldung, denn sie zeigt, dass viele Menschen nun eine Entschuldung angehen können, die bisher vom Privatkonkurs ausgeschlossen waren", sagte Mitterlehner. Heuer würden wohl mehr als 10.000 Privatkonkurse erreicht, künftig werde die Zahl wieder sinken. Gestiegen ist die durchschnittliche Höhe der Schulden (64.000 Euro), denn es gebe nun auch mehr Ex-Unternehmer, die im Schnitt fast doppelt so hoch in der Kreide stehen.

Gemeinsam mit Martin Schenk von der Armutskonferenz fordern die Schuldnerberater nun als nächsten Schritt eine Anhebung des gesetzlichen Existenzminimums. Vorgeschlagen werden 1238 Euro (für Alleinstehende), bei weniger Einkommen gilt man in Österreich als armutsgefährdet. "Das erhöht die Zukunftschancen für ganze Familien", sagt Mitterlehner.

Es beginnt mit der Kontoüberziehung und leichtfertigen Kreditvergaben

Die Hauptgründe für Überschuldung sind laut dem Experten Arbeitslosigkeit bzw. Einkommensverschlechterung, gescheiterte Selbstständigkeit sowie die fehlende Sicherheit im Umgang mit Geld. "Einstiegsdroge" seien der Kontoüberzug und Konsumkredite. Auch die viel umworbenen Sofortkredite würden dazu einladen, unüberlegt zu handeln und "überrumpelt" zu werden. Mitterlehner hofft, dass Kreditgeber künftig strengere Bonitätsprüfungen durchführen, damit weniger Menschen in die Schuldenfalle tappen.

2017 gingen 60.197 Personen zu einer der 10 staatlich anerkannten Schuldnerberatungen in Österreich. Zum Vergleich: 2011 waren es noch rund 52.000. Ein Viertel derer, die um Rat gesucht haben, hatte weniger als das Existenzminimum zur Verfügung. Bei den Unter-30-Jährigen war es sogar ein Drittel. Einen großen Brocken der Schulden machen laut den Beratern Mahnspesen, Inkassokosten, Zinsen und Zinseszinsen aus, der offene Betrag liege meist nur bei der Hälfte. "In fünf Jahren verdoppeln sich die Schulden", nennt Mitterlehner dazu eine Faustregel.

41 Prozent der Klienten haben laut dem aktuellen Schuldenreport 2018 einen Job, 38 Prozent sind arbeitslos. 42 Prozent der im Vorjahr Betroffenen hatten nur einen Pflichtschulabschluss, bei den Jungen bis 30 Jahren war es sogar die Hälfte. "Bildung beugt Armut vor", sagt Mitterlehner.

Haben Eltern finanzielle Probleme, wirkt sich das auch auf die Kinder aus: Sowie sich das Bildungsniveau der Eltern beim Nachwuchs fortsetzt, ist das auch bei der Armut und Überschuldung der Fall, machen die Berater aufmerksam.

Auch die gesundheitlichen Folgen von Schulden werden oft nicht beachtet. Allein das Denken an finanzielle Probleme hat den selben Effekt, wie eine durchzechte Nacht, meint der Sozialexperte und Psychologe Martin Schenk. Aus seiner Arbeit mit Betroffenen berichtet er von Kopf- und Rückenschmerzen, Schlafproblemen und Depressionen. "Je länger Menschen unter diesem Druck leben, desto langfristiger sind die Folgen", so Schenk.

Dabei bringt jeder Euro, der in die Beratung von Schuldnern fließt, rund fünf Euro zurück, betont er die wirtschaftliche Bedeutung, die in einer Studie der Wirtschaftsuniversität Wien 2013 erhoben wurde.

Quelle: SN-Gs, Apa

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