Österreich

Neue Impulse braucht der Lehrberuf

Peppige Videos, Talentecheck, Förderungen: Die Wirtschaftskammer lässt nichts unversucht, um die Attraktivität der Lehre zu heben. In der Berufsschule sieht man noch keine Trendwende.

Mit 19 Jahren soll ein junger Mensch im Idealfall sowohl eine abgeschlossene Schul- als auch eine Berufsausbildung besitzen. "Das ist meine Vision", sagt der Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, Christoph Leitl. Um dieses Ziel zu erreichen, bedürfe es im Schulsystem und in der Lehrausbildung einiger Änderungen.

Entscheidend dürfe nicht sein, ob junge Menschen die vorgeschriebene Zahl an Schuljahren absolviert haben, sondern ob sie die nötigen Standards erreichen, um im Berufsleben reüssieren zu können. Wenn 15-Jährige nicht lesen, schreiben und rechnen können, laufe etwas falsch. Man dürfe auch nicht hinnehmen, dass zehn Prozent eines Geburtsjahrgangs die Schule nicht positiv abschließen oder die Lehre abbrechen, sagt Leitl, "wir dürfen Talente nicht vergeuden".

Damit Jugendliche herausfinden können, ob sie ihre Schullaufbahn fortsetzen oder doch besser eine Lehre beginnen sollen, müssten die sogenannten Talentechecks verpflichtend eingeführt werden. Die Wirtschaftskammer hat dafür 10 Mill. Euro in die Hand genommen, und erreicht, "dass drei Viertel aller 13-bis-14-Jährigen teilnehmen". Um alle einzubeziehen, müsste es auch in den Schulen mehr Unterstützung geben, vor allem Gymnasien agierten hier oft zurückhaltend, in Salzburg sei die Lage diesbezüglich besser. Zudem wünscht sich die Wirtschaftskammer, dass Schwerpunkt-Berufsschulen eingerichtet werden.

Um Jugendliche direkt anzusprechen, gibt es ab sofort im Internet (www.probierdichaus.at) ein neues Informationsangebot der WKO. Das reicht vom "Self Check", bei dem die eigenen Interessen mit Berufsbildern abgeglichen werden, über eine Liste der Lehrbetriebe in der Nähe bis zu Videos, die Jugendliche porträtieren, die Jobs ausprobieren.

Österreich werde um das System der dualen Berufsausbildung international beneidet, sagt Leitl, der Iran wolle im Jänner ein Abkommen darüber schließen. Dass es der Lehre nicht an Attraktivität fehle, zeigten auch die wieder steigenden Lehrlingszahlen. Ende Oktober war die Zahl der in Betrieben ausgebildeten Lehrlinge im ersten Lehrjahr mit 30.497 um 4,2 Prozent höher als 2016, bei der überbetrieblichen Ausbildung gab es ein Minus in diesem Ausmaß. Die Lehre "atmet" gewissermaßen mit der Konjunktur. Das höhere Wirtschaftswachstum lässt die Lehrlingszahlen steigen.

An der Lehrlingsausbildung festzuhalten, sei angesichts des Mangels an Fachkräften auch im Interesse der Betriebe. "Wer nicht selbst ausbildet, sorgt nicht für die Zukunft vor", sagt Leitl. Die Sozialpartner seien angesichts der Digitalisierung der Wirtschaft gefordert, die Inhalte der Lehre anzupassen.

Dass ein Fünftel der Lehrlinge die Abschlussprüfung beim ersten Antritt nicht schafft, ist für Leitl "kein Grund, die Alarmglocken zu läuten". Im zweiten Anlauf seien es 95 Prozent. Das entspreche den Zahlen bei den Antritten zur Matura.

Das Können eines Lehrlings hängt für Johann Rautenbacher, Direktor der Landesberufsschule in Hallein, maßgeblich auch von der Förderung in den Betrieben ab. Es gebe Firmen, die sich in der Lehrlingsausbildung "extrem viel antun", andere sähen den Lehrling phasenweise nach wie vor nur als billige Arbeitskraft. Eine Trendwende zurück zur Lehre kann Rautenbacher noch nicht erkennen. 1200 Schülerinnen und Schüler besuchen derzeit die auf Metalltechnikberufe spezialisierte Berufsschule in Hallein. "Vor vier, fünf Jahren waren es noch 1900. Wir haben heute so wenige Schüler wie noch nie." Zugleich werde aber von immer mehr Lehrlingen die Chance auf Weiterbildung, etwa den Maturaabschluss, genutzt.

Nach wie vor ziehe es das Gros der 14- und 15-Jährigen in die mittleren und höheren Schulen, obwohl viele das Zeug dazu hätten, gute Facharbeiter zu werden. Die berufsbildenden höheren Schulen habe man in den vergangenen Jahren "aufgeblasen", sagt Rautenbacher. "Die ersten Klassen werden vollgestopft, dann wird ausgesiebt." Aber auch jene, die bleiben, die Schule aber mehr schlecht als recht absolvieren, seien im Beruf nicht erfolgreich. Rautenbacher fordert für höhere Schulen wieder strengere Aufnahmekriterien, "das würde die Qualität in allen Bereichen heben".

Dass viele Schüler heute mit einem niedrigen Bildungsniveau die Pflichtschule abschließen, sieht er jedoch primär dem gesunken Interesse an Bildung in den Familien geschuldet. "Mit seinen Kindern sollte man sich halt ab und zu schon hinsetzen und beim Lernen helfen."

In Zukunft sieht Rautenbacher die Fachkräfte auf dem längeren Ast sitzen. "Wenn es durchs Dach regnet, aber nur mehr wenige da sind, die das reparieren, wird es ein Umdenken in der Gesellschaft geben."

Aufgerufen am 18.10.2018 um 07:27 auf https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/neue-impulse-braucht-der-lehrberuf-20821342

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