Wirtschaft

Rasanter Zinsanstieg bringt Häuslbauer und Wohnungskäufer in Nöte

In Österreich setzten überdurchschnittlich viele auf variabel verzinste Wohnbaukredite. Ein Umstand, der sich bitter rächt. Die AK berichtet von verzweifelten Schicksalen und Menschen, die vor dem Ruin stünden. Haben die Banken die Kundschaft schlecht beraten?

Je höher die Kreditsumme, desto stärker steigt die monatliche Rate. Bei 400.000 Euro langfristigem Kredit steigt die monatliche Rate um über 800 Euro. Mehrere hundert Euro sind es bei kleineren Kreditsummen. SN/robert ratzer
Je höher die Kreditsumme, desto stärker steigt die monatliche Rate. Bei 400.000 Euro langfristigem Kredit steigt die monatliche Rate um über 800 Euro. Mehrere hundert Euro sind es bei kleineren Kreditsummen.

"Vielen steht das Wasser bis zum Hals." Daniela Gabler vom Konsumentenschutz der AK Salzburg ist seit Monaten mit den neuen Nöten konfrontiert. Menschen, die ihre Wohnung oder ihr Haus mit Kredit finanziert haben, galoppieren die monatlichen Raten davon. Erst heute habe ihr eine alleinerziehende Frau geschildert, dass die monatliche Rate um 400 Euro gestiegen sei und sie nicht mehr wisse, wie sie das bezahlen solle. Viele Anrufer sagten, sie stünden vor dem Ruin, zumal die Kreditzinsen nur ein Teil der Teuerung seien. "Auch die Betriebskosten und Lebensmittelpreise steigen, der Alltag ist viel teurer geworden."

Die bedrohten Kreditnehmer eint, dass sie Verträge mit variablem Zinssatz abgeschlossen haben, für die mittlerweile 3,5 Prozent und mehr verrechnet werden. Trotz historisch noch immer niedrigem Zinsniveau wirkt der ungewöhnlich rasche Anstieg dramatisch. Vor einem Jahr zahlte man für variabel verzinste Kredite noch 0,5 Prozent, heute ist der Zinssatz rund sieben Mal höher. Mehrmals täglich höre sie dieselbe Klage, sagt AK-Beraterin Gabler. "Die Banken haben den Kunden geraten, auf variable Zinsen zu setzen. Das rächt sich jetzt bitter."

Markus Sattel, Vorstand der Salzburger Sparkasse, widerspricht. Man habe stets beide Varianten - fix und variabel - angeboten und darauf hingewiesen, was steigende Zinsen bedeuten könnten. Wer vor einem Jahr langfristig fixe Zinsen gewählt habe, zahle heute 1,5 Prozent und könne sich entspannt zurücklehnen. Viele hätten aber die damals günstigeren variablen Zinsen vorgezogen oder einen Mix aus variabel und fix gewählt.

Österreich hat Folgen der Zinswende unterschätzt

Ökonom Hanno Lorenz von der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Agenda Austria kann nicht beurteilen, ob Banken schlecht beraten haben. Dass die mögliche Zinswende in Österreich unterschätzt wurde, sei aber offenkundig. Der Anteil variabel verzinster Kredite sei mit 46 Prozent deutlich höher als im Euroraum (rund 20 Prozent).

Eine Untersuchung der Agenda Austria zeigt: Mit November 2022 waren 46 Prozent der Bestandsverträge variabel verzinst, 48 Prozent gemischt (teils variabel, teils fix) und sechs Prozent setzten ausschließlich auf langfristig fixe Zinsen. Dass manche die Gefahr steigender Zinsen witterten, zeigt der Umstand, dass die variablen Neuabschlüsse im März 2022 mit 30 Prozent deutlich geringer waren. Mittlerweile würden viele aber wieder variabel bevorzugen. Dahinter stecke die Hoffnung, dass die Zinsen wieder sinken könnten. Zumal auch Fixzinsvereinbarungen mittlerweile vier Prozent und mehr kosten. Sparkasse-Vorstand Sattel relativiert das auch angesichts des Umstands, dass die EZB weitere Zinserhöhungen plant. "Es wird weiter beides nachgefragt. Selbst fix verzinste Bausparverträge sind wieder attraktiv geworden."

Verlängerung der Laufzeit ist teuer, kann aber Linderung bringen

Was aber ist mit jenen, die ihre Kreditrate wegen der höheren Zinsen nicht mehr zahlen können? AK-Expertin Daniela Gabler setzt vor allem darauf, die Laufzeit der Kredite bis zu den maximal möglichen 35 Jahren zu verlängern. "Das erhöht zwar die Zinszahlungen über die gesamte Laufzeit, ist aber das gelindeste Mittel." Bei Umschuldungen ist sie vorsichtig, weil Nebenkosten und Pönalen anfallen. Sie wären daher nur eine Option, wenn man am Beginn der Laufzeit stehe. Die Banken zeigten sich kulant, kurzfristige Lösungen zu finden. Für Sparkasse-Vorstand Sattel sind das noch immer Einzelfälle. "Das große Thema ist das bei uns noch nicht." Es bestehe bislang auch kein Grund, Risikovorsorgen anzuheben. Auch Raiffeisen Salzburg sieht keine Häufung von Stundungsanfragen, wie ihr Sprecher Sigi Kämmerer sagt.

"Die Augen vor der Gefahr nicht verschließen"

Man weise Kunden schon länger darauf hin, zumindest für einen Teil ihrer Kredite fixe Zinsen zu vereinbaren, sagt Wolfgang Layr, Sprecher der Volksbank Wien. Mit der hohen Inflation schaue die Haushaltsrechnung gleich anders aus, wenn es da eng werde, suche man das Gespräch. Eine Variante, die Belastung zu senken, sei eine längere Laufzeit. Im Volksbankensektor lägen die Kreditzinsen für Laufzeiten von 10 bis 15 Jahren derzeit bei etwas mehr als vier Prozent und damit beim Doppelten wie vor einem Jahr. Wer sich mehr als 20 Jahre fix binde, zahle etwas weniger. Aber jeder Private mit einem variablen Kredit sollte sich damit beschäftigen, "die Augen zu verschließen und nichts zu tun, ist die falsche Strategie".


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