Wirtschaft

Senioren fühlen sich bei Banken-Apps oft diskriminiert

Die Digitalisierung führt dazu, dass sich auch immer mehr ältere Menschen IT-Neuerungen nicht mehr entziehen können. Im Gegensatz zu sogenannten "Digital Natives" tun sich "Digital Immigrants" hierbei naturgemäß schwerer. Etwa bei Bankgeschäften kommt man der Nutzung von Apps immer seltener aus, auch wegen der Ausdünnung der Filialdichte. In Spanien gab es schon Seniorenproteste. Auch österreichische Seniorenvertreter fordern gegenüber der APA mehr Schutz vor Diskriminierung.

Auch ältere Menschen können sich der modernen Technik nicht entziehen SN/APA (Symbolbild)/BARBARA GINDL
Auch ältere Menschen können sich der modernen Technik nicht entziehen

Laut Angaben des ÖVP-Seniorenbundes nutzen weniger als die Hälfte der Über-60-Jährigen Online-Banking. Es herrsche beim "Mobile Banking" nicht ein "easy" sondern ein "difficult" oder sogar "impossible" Banking, kritisiert der SPÖ-Pensionistenverband. Die Bankensparte in der Wirtschaftskammer verweist auf Initiativen der Institute und auf aus ihrer Sicht fehlende Rahmenbedingungen seitens der Politik.

In Spanien hat zuletzt der 78-jährige Carlos San Juan mit seinem Protest für verständlichere Banken-Apps einen Nerv getroffen, berichtete Reuters kürzlich. Die vom Pensionisten gestartete Kampagne "Ich bin alt, kein Idiot" sammelte innerhalb weniger Wochen mehr als 640.000 Unterschriften. Spaniens Regierung setzte den dortigen Geldhäusern daraufhin eine Frist, um Pläne vorzulegen, wie sie den Bedürfnissen älterer Menschen besser Rechnung tragen wollen.

"Das Gute an der Carlos-'Rebellion' ist, dass er damit öffentliche Aufmerksamkeit auf das wichtige Thema Altersdiskriminierung am Beispiel Online-Banking gelenkt hat", sagt die Präsidentin des Seniorenbundes, Ingrid Korosec, dazu der APA. "Das Enttäuschende dabei ist aber, dass Altersdiskriminierung nichts Neues ist. Auch in Österreich gibt es viele 'Carlos', die auf Missstände aufmerksam machen. Sie finden jedoch wenig Gehör und noch weniger Bereitschaft der diskriminierenden Unternehmen oder Organisationen, etwas zu ändern." Der spanische Senior bringe die Sache auf den Punkt: "Die aktuelle Generation 60+ sind keine Idioten", so Korosec. "Sie sind aber nicht mit dem Internet aufgewachsen, also 'Digital Immigrants'. Erst die Menschen, die in etwa 15 Jahren in Pension gehen, werden sich ganz selbstverständlich in der digitalen Welt zurechtfinden können."

Altersdiskriminierung ist laut Korosec "ein absolutes No-Go, aber leider immer noch gang und gäbe, besonders bei Banken und Versicherungen". Wie Peter Kostelka vom Pensionistenverband fordert sie eine Ausweitung des Diskriminierungsschutzes auf ältere Menschen. Die Institute sollen "umdenken" und in diesem Zuge analoge und digitale Angebote in den nächsten 15 Jahre als Übergang parallel verfügbar bleiben.

Aus Sicht des Pensionistenverbandes sind die Menschen ursprünglich in die Bankfilialen "gelockt" worden, um dann Kontoführungsgebühren berappen zu müssen. "Im nächsten Schritt mussten sich die Kunden trotz Gebühren ihr Konto selber 'führen', denn man musste alles im Automatenfoyer selbst durchführen. Dann wurde die Filiale überhaupt geschlossen", so Präsident Kostelka. Oft sei auch noch der Bankomat nicht weiter betrieben worden, beim Onlinebanking komme man aber nicht zu Bargeld. Das sei für ältere Menschen im Gegensatz zu jüngeren oft ein Problem.

"Viele ältere Menschen können oder wollen schlicht und einfach ihre Bankgeschäfte nicht online durchführen", sagt Kostelka. "Sie haben große Sicherheitsbedenken, ob nicht doch ihre Daten irgendwo landen könnten, wo sie nicht hingehören. Und für viele stellen die Banken-Apps - nur auf teuren Smartphones oder Tablets zugänglich - eine große Hürde dar." Das gelte zwar nicht für den gerade aus dem Berufsleben kommenden Neupensionisten. Aber für viele betagtere Menschen sei das definitiv ein Problem. Die Zwei-Faktor-Authentifizierung oder Tan-Apps führten zu zusätzlichen Schwierigkeiten.

Korosec und Kostelka verwiesen auf ihre Vorstöße gegen Altersdiskriminierung mit einhergehenden Anträgen zu einer Novellierung des Gleichbehandlungsgesetzes oder zur Erweiterung der Verfassung, wonach es zu keiner Diskriminierung aufgrund des Alters kommen darf. Ebenso gebe es Anträge bezüglich Kreditvergabe an ältere Menschen. Denn dabei komme es besonders häufig zu Altersdiskriminierung, bekräftigten beide.

"Natürlich muss Digitalisierung freiwillig sein. Das stellt niemand in Abrede", sagte Franz Rudorfer, Geschäftsführer der Bundessparte Bank und Versicherung in der Wirtschaftskammer Österreich, im Gespräch mit der APA. Es dürfe aber auch nicht so getan werden, als hätten die Älteren gar keine Ahnung von Smartphone und Co. "Ich wehre mich dagegen, Ältere als digitale Muffel darzustellen." Und: "Wir wehren uns gegen jede Form der Altersdiskriminierung. Ältere sind besonders wertgeschätzte Kunden."

Apps mit stärkeren Farbkontrasten oder Vorlesesoftware für Ältere gibt es hierzulande - wie in den allermeisten Ländern - noch nicht. Rudorfer verwies auf die Umsetzung einer Barrierefreiheitsrichtlinie, die er hierzulande heuer erwarte. Die einzelnen Bankhäuser in Österreich hätten eigene Initiativen, ein "großer Wurf vom Gesetzgeber", stehe bisher aber aus. Rudorfer verwies auch auf Initiativen wie Fit4Internet, das etwa eigens Hilfestellungen für Ältere auch für Bankgeschäfte bietet. Der Branchensprecher betonte auch, dass es in Österreich gerade im internationalen Vergleich immer noch eine sehr hohe Dichte an Bankstellen gebe (siehe auch http://go.apa.at/cFMQd7g9).

"Die Institute bemühen sich für jede Altersgruppe das richtige Angebot verfügbar zu haben", hieß es weiters aus der WKÖ-Sparte. "Verständliche Sprache, einfache, intuitive Bedienbarkeit und gute Lesbarkeit werden bei jeder neuen digitalen Entwicklung berücksichtigt." Insbesondere bei einer Multikanalbank könnten Kunden den präferierten passenden Kanal wählen - Beratung in der Filiale oder telefonisch oder eben digital. "Festzuhalten ist, dass Barrierefreiheit ein Entwicklungsprozess ist."

"In Deutschland gibt es bereits eine Verordnung, die Altersdiskriminierung bei Bank- und Versicherungsgeschäften unterbindet", so Korosec. Sie stehe hierzulande dazu in Gesprächen mit Justizministerin Alma Zadic (Grüne). Diese habe "ihre Bereitschaft für Änderungen signalisiert".

Deutsche Banken wollen laut Reuters bei der Weiterentwicklung von Online-Banking und Banking-Apps auf eine kontrastreiche Darstellung, einfache Bedienbarkeit, eingängige Navigation und verständliche Sprache achten. Dazu komme Vorlese-Software. In Italien, das bei der Digitalisierung nicht zu den schnellsten Ländern zählt, bekämen Ältere immer noch all die nötige Hilfe in den Bank-Filialen, sagte der Chef der Bankgewerkschaft Fabi, Lando Maria Sileoni. Beispielsweise will Italiens größte Bank Intesa Sanpaolo in den nächsten vier Jahren jede fünfte Filiale schließen. Das Institut hat eine Partnerschaft gestartet, um Basisdienstleistungen, wie das Zahlen von Rechnungen, in 45.000 Cafés und Kiosken zu ermöglichen.

Hierzulande wurde zuletzt bekannt, dass Raiffeisen in Oberösterreich 60 Filialen schließen will, sagte RLB-OÖ-Generaldirektor Heinrich Schaller den "OÖN": "Wichtig ist, dass man alle Stakeholder einbindet, dass man versucht, die Gebäude zu nutzen, indem man zum Beispiel Arbeitsplätze für jene einrichtet, die dann nicht mehr pendeln müssen, für Mitarbeiter von Raiffeisen, aber auch für andere." Mit der Zusammenlegung gebe es auch "ausgedehntere und individuellere Öffnungszeiten in größeren Einheiten". Die Mobilität der Menschen sei "ja enorm gestiegen. Und wenn es ältere Menschen gibt, die nicht so mobil sind, kann man diesen Taxigutschein für den Weg zur Bank zur Verfügung stellen."

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