Österreich

Stimme ist das Auto für den Inhalt

Wer Gesagtes falsch transportiert, bringt sich um berufliche Erfolge. Ein Versuch.

Stimme ist das Auto für den Inhalt SN/ingrid amon

Wenn Sie - ähm-räusper - diesen Artikel - ähm-räusper - lesen, werden Sie - ähm-räusper - mit diesen Räusperern hier erschöpft aufhören. Sprechen der Chef bei der Besprechung oder der Redner während eines Vortrags inklusive ständig knarrender Töne tief aus dem Rachenraum, werden die Zuhörer bald selbst beginnen, einen Frosch im Hals zu spüren. Der interessanteste Inhalt geht sprichwörtlich bei einem Ohr hinein und beim anderen wieder hinaus, wenn die Stimme des Sprechers monoton, zu schrill oder zu hoch ist, jedenfalls nicht gut klingt.

Im Wirtschaftsleben ist das mehr als ein "Wohlklingfehler". Laut einer Studie des Europäischen Netzwerks der Stimmexperten sagen 80 Prozent der Personalentwickler, Geschäftsführer und Führungskräfte, dass die Stimme wesentlich zum Erfolg beiträgt. Was diese Menschen aber in den seltensten Fällen sagen, ist, dass ihre Stimme nicht gottgegeben ist, sondern sie das Sprechen ganz gezielt trainieren.

Stimmtrainerin Ingrid Amon sagt: "Die Stimme ist keine Eigenschaft, sie ist eine Fähigkeit und sie ist unter den sogenannten Soft Skills im Berufsleben die wichtigste." Etwa die Hälfte der Manager in Österreich habe dies erkannt, sagt Amon. Übrigens sind nur sieben Prozent der Führungskräfte mit ihrer eigenen Stimme zufrieden. Und noch eine Zahl: 91 Prozent der Entscheider bevorzugen Bewerber mit einer guten Stimme.

Amon beschreibt die Stimme als Auto, mit dem der Inhalt von A nach B gebracht wird - die Stimme ist also Transportmittel. Je besser das Auto in Schuss ist, desto sicherer, effizienter und schneller kommen Insassen oder zu liefernde Güter ans Ziel.

Die Veränderung ist frappierend. Neun Frauen trainieren seit dem frühen Vormittag ihre Stimme. Am Abend klingen manche wie andere Menschen, schließt man die Augen, sind sie nicht wiederzuerkennen. Eine klingt souveräner und tiefer, die andere sympathischer, die dritte viel klarer, ihre "Ähhmms" sind verschwunden. Dabei ist das Training nicht einfach, werden die meisten Menschen doch von Kindheit an trainiert, keine komischen Geräusche und Laute von sich zu geben. Darum kostet es Überwindung,

vor anderen "ssss" und "fff" und "schschsch" in sämtlichen Tonlagen von sich zu geben, zu summen und zu schnalzen. Die Suche des eigenen Zwerchfells und das Spüren der Funktion dieses tüchtigen Muskels ist hingegen einfach. Die Übungen fürs Zwerchfelltraining sollte man allerdings am besten allein zu Hause machen, sie erinnern ein bisschen an Atemübungen bei der Geburtsvorbereitung.

Menschen mit tieferen Stimmen gelten als kompetenter. Amon hat auch eine Erklärung dafür, warum die deutschen Nachbarn dank ihrer Sprechweise inhaltsschwerer wahrgenommen werden als Österreicher. "Im Gegensatz zum österreichischen Deutsch betonen Deutsche die Konsonanten stärker, während die Österreicher mehr auf Vokale setzen und damit charmanter klingen. Denn in den Vokalen steckt die Emotion."

Wer also die nächsten Schritte auf der Karriereleiter plant, sollte stärker die Konsonanten betonen - Der KKKies unter meinen Füßen kkkrachttt. Das kkklingt allerdings alles noch ein wenig kkkomisch und kkkünstlich.

Dabei ist Stimmtraining nicht besonders aufwendig. Zehn Stunden im Jahr plus 3 bis 5 Minuten täglich zu Hause genügten, sagt Stimmtrainerin Amon. "Am besten, Sie lesen die Schlagzeilen der Tageszeitung laut." Eine Trainingskollegin tat dies prompt am Flughafen auf dem Weg nach Russland und las die "Salzburger Nachrichten" laut und betont vor. Ihr anschließendes E-Mail: "Einige haben irritiert geschaut."

Die richtige Stimme sorgt für mehr Effizienz bei Sitzungen und weniger Krankenstände bei Berufen, in denen sehr viel gesprochen wird, etwa bei Lehrerinnen und Callcenter-Beschäftigten.

Wenn es um die Stimme geht, wenden viele ein, der Inhalt sei doch wichtiger. Stimmtrainerin Amon sagt dazu: "Guter Inhalt und eine schlechte Stimme ist wie guter Rotwein im Zahnputzbecher, das mag man nicht." Barack Obamas "Yes we can" etwa sage nicht so viel aus, aber das Stimmungssetting habe gepasst, und damit sei ein Gefühl ausgedrückt worden. "Die Menschen werden sich nicht so sehr daran erinnern, was jemand sagt, sondern an die Stimmung, als sie mit jemandem zusammen waren, und das hat viel mit Stimme zu tun."

Einer der häufigsten Fehler von Menschen, die im Beruf sprechen müssen, ist übrigens stilles Training. Viele gehen ihren Text im Kopf durch und wundern sich dann, wenn die Stimme in der Sitzung oder beim Vortrag nicht mitspielt und sagt, "hallo, ich war bisher gar nicht involviert, worum geht es hier eigentlich?". "

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