Wirtschaft

Trotz Öffnung im Handel kann von Normalität keine Rede sein

Nach dem Ansturm auf die Bau- und Gartenmärkte am Dienstag hat sich der Andrang am zweiten Öffnungstag nach dem vierwöchigen Shutdown wieder normalisiert. "Gestern war der Andrang wirklich außergewöhnlich. Von in der Früh weg haben sich Schlangen gebildet. Heute ist es eindeutig wieder normaler", sagte die Sprecherin der Lagerhäuser, Michaela Fritsch, am Mittwoch zur APA.

Viele Händler beklagen die Umsatzeinbrüche SN/APA/ROBERT JAEGER
Viele Händler beklagen die Umsatzeinbrüche

Im Internet kursierende Videos von langen Menschenschlangen vor Baumärkten täuschen darüber hinweg, dass eine Normalität im Handel noch in weiter Ferne ist. In den vergangenen Wochen haben die Firmen Milliarden verloren. Experten gehen von bis zu einer Milliarde Euro Umsatzentfall pro geschlossener Woche im Einzelhandel aus. Aufholen kann man das kaum.

"Ich glaube nicht, dass man das aufholen wird können. Momentan werden Einkäufe gemacht, die eine Notwendigkeit haben", sagte der Chef der eigentümergeführten Elektrohandelskette Hartlauer, Robert Hartlauer, im APA-Gespräch. Seit gestern hat Hartlauer 152 seiner 160 Geschäfte wieder offen - allerdings eingeschränkt von 9 bis 15 Uhr. Die gesamte Belegschaft ist in Kurzarbeit. Für die nächste Zeit arbeiten die Beschäftigten in Schichten, eine Woche die Eine, in der nächsten die Andere, um einen Totalausfall im Falle einer Ansteckung zu verhindern.

Auf dem Niveau vor Corona sei man noch lange nicht, räumte Hartlauer ein. Die Kundenfrequenz sei zwar besser als erwartet, aber dennoch auf nur 25 Prozent der sonstigen Frequenz. Gekauft werde derzeit alles rund um das Thema Kommunikation und Homeoffice, wie etwa Smartphones, Drucker, Druckerpatronen und Notebooks. Er benötige viel mehr Notebooks, aber es gebe Lieferengpässe, erzählte Hartlauer.

Einen großen Nachholbedarf gebe es bei Brillen, sowohl bei neuen als auch bei Reparaturen alter Brillen. Kontaktlinsenanpassungen führt Hartlauer derzeit aus Sicherheitsgründen nicht durch. Brach liegt auch das Geschäft mit Passbildern - niemand will sich mit Maske ablichten lassen. Noch ist nicht klar, wie die Bilder künftig gemacht werden dürfen, zumal Mund- und Nasenschutz verpflichtend sind.

Blockabfertigungen wie in den Baumärken erlebte auch der Sportartikelhandel nicht. "Die Frequenz war normal bis gut, kein Run oder Ansturm", sagte Sport-2000-Chef Holger Schwarting. Von den rund 300 Sport-2000-Geschäften sind 140 wieder offen. Seit Dienstag dürfen ja - abgesehen von Bau- und Gartenmärkten - nur Geschäfte bis zu einer Größe von 400 Quadratmetern offen haben. Auch Schwarting geht nicht davon aus, dass sich das verlorene Geschäft aufholen lässt. Der Onlinehandel habe vieles abgezogen und auch die Lebensmittelhändler, die von Sportschuhen und -bekleidung bis zu Rädern und Heimtrainern alles verkauften, so Schwarting.

Ein großes Fragezeichen aus Sicht des Sporthandels sei, wie sich der Tourismus entwickelt. "Österreich ist ein touristisches Land. Die Sporthändler profitieren vom Tourismus. Die Frage ist, ob der erhöhte Österreich-Tourismus den Wegfall ausländischer Gäste kompensieren kann", sagte der Sport-2000-Chef. Die Branche könne aber noch von Glück reden, dass die Wintersaison noch halbwegs über die Bühne gebracht werden konnte.

Besonders hart tritt die Corona-Krise den Mode- und Schuhhandel. Viele dürfen erst am 2. Mai wieder aufmachen. Doch selbst in jenen Geschäften, die bereits wieder offen haben dürfen, war die Frequenz gestern vergleichsweise gering. "In A-Lagen wie der Mariahilferstraße verzeichnen die Händler Frequenzrückgänge von 40 Prozent, in B- und C-Lagen sogar von 50 bis 90 Prozent im Vergleich zu einer Durchschnittswoche vor Corona", so Handelsverband-Chef Rainer Will. Er habe noch keinen mit Maske gustieren gesehen, sagte etwa Peter Schnedlitz, emeritierter Vorstand des Instituts für Handel & Marketing an der Wirtschaftsuniversität Wien, zum Einkaufsverhalten in Zeiten der Krise.

Überproportionale Frequenzen und Umsätze hatten Buchhandlungen und auch Nischengeschäfte wie Stoffhändler (Stichwort: Masken selber nähen). Unter dem Strich und branchenübergreifend rechnet Will in der ersten Woche mit einem um 50 Prozent niedrigeren Umsatz im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten. Selbst in den Baumärkten griffen die Menschen eher zu Verbrauchsartikeln wie Pflanzen und Blumenerde statt zu Investitionsgütern wie Bohrmaschinen und Rasenmähern. "Alles, was teuer ist, war nicht so im Fokus", sagte Lagerhaus-Sprecherin Fritsch. Angesichts einer Rekordarbeitslosigkeit von über einer halbe Million Menschen und einer ungewissen Zukunft schrecken viele vor großen Investitionen zurück.

Quelle: APA

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