Wirtschaft

Türkei-Reisen kein Tabu mehr

Vernachlässigte Ziele in Nordafrika und Nahost legen bei den Sommerbuchungen kräftig zu. Der Ausfall von Niki könnte Engpässe bei Flügen nach Griechenland zur Folge haben.

Istanbul, aber auch die Badeorte an der türkischen Küste können sich wieder auf mehr Touristen freuen. SN/seqoya-stockadobe.com
Istanbul, aber auch die Badeorte an der türkischen Küste können sich wieder auf mehr Touristen freuen.

Reiseveranstalter brauchen einen langen Planungshorizont. Und sie sind eher Realisten als Optimisten. Während sich rund eine Handvoll Interessenten noch um die insolvente österreichische Fluggesellschaft Niki - beziehungsweise das, was davon übrig bleibt - bemüht, haben Reiseveranstalter längst ihre Vorsorgen auf eine Zeit ohne Niki getroffen.

Die erforderlichen Reisekontingente und Flugkapazitäten für das Jahr 2018 seien gebucht und vergeben, sagt Josef Peterleithner, Präsident des Österreichischen ReiseVerbands ÖRV, der Standesvertretung der heimischen Reisebüros und -veranstalter. Das heißt im Klartext: Selbst wenn Niki als intakte Einheit aus dem laufenden Insolvenzverfahren hervorgehen sollte, "dann stünden sie ohne Charter-Verträge für 2018 da", sagt Peterleithner. Derzeit habe man noch alle Hände voll damit zu tun, am Urlaubsort gestrandete Reisende zurückzufliegen oder überhaupt erst einmal ans Urlaubsziel zu bringen. In dem Zusammenhang fordert der ÖRV einmal mehr eine Absicherung der Kundengelder bei Flugbuchungen.

Überhaupt könnte die Konsolidierung der Luftfahrt durch den Wegfall von Air Berlin und wohl auch Niki eine neue Ära einläuten. Statt mehrerer Anbieter, die einander auf umkämpften Strecken mit Dumpingpreisen auszustechen versuchten, regiert nunmehr mit der Lufthansa-Gruppe ein dominanter Konzern, der zwar unter mehreren Marken wie Lufthansa, AUA, Eurowings, Germanwings und Swiss operiert, der aber auf manchen Strecken als Monopolanbieter de facto völlig freie Hand bei der Preisgestaltung hat.

Peterleithner nennt Beispiele für Rückflüge von Wien nach Innsbruck oder Frankfurt, die bei Buchung zwei Wochen vor Abflug 548 bzw. 722 Euro kosteten - und somit "mehr als eine Woche Badeurlaub in einem All-inclusive-Viersternhotel in Ägypten, der Türkei oder Tunesien samt Flug".

Eine Entwicklung, die "für Passagiere nicht unbedingt positiv" sei, sagt Peterleithner mit Understatement. Ein Profiteur dieser Entwicklung sind Bahn- und auch Busanbieter, die dank deutlich günstigerer Tickets auf manchen Strecken zweistellige Zuwachsraten verzeichnen.

Der Reisefreude insgesamt tut das freilich keinen Abbruch. Die Buchungen für den Sommer 2018 liefen "sehr erfreulich", sowohl bei Gäste- als auch bei Umsatzzahlen, zeigen ÖRV-Zahlen. Beliebte Ziele wie Griechenland, Spanien, Portugal oder Zypern zeigten bereits zweistellige Zuwächse, insbesondere für Griechenland zeichneten sich bereits Kapazitätsengpässe ab. Noch deutlich stärker ist der Run auf die Türkei, Ägypten oder Tunesien mit Zuwachsraten von über 100 Prozent - alles Ziele, die zuletzt aus politischen oder Sicherheitsgründen gemieden wurden.

Anders als früher, als das Reisen vielfach ein Privileg begüterter Schichten war, ist es längst zu einem Grundbedürfnis für die Mehrzahl der Österreicher geworden, sagt Statistik-Austria-Experte Peter Laimer. Im Durchschnitt begeben sich rund 60 Prozent der Österreicher mindestens ein Mal im Jahr auf eine größere Reise, mehr als doppelt so viele wie Ende der 1960er-Jahre. Die Zahl der Inlandsreisen hat sich seither mehr als verdoppelt, während die Zahl der Auslandsreisen auf das fast Sechsfache explodiert ist. Rund die Hälfte der Auslandsreisen entfällt traditionell auf Italien, Kroatien und Deutschland, bei der Anzahl der Nächtigungen liegt Griechenland vor Deutschland auf Rang 3.

Ein Viertel der Österreicher verreist nicht. Das Hauptmotiv ist: "Zu Hause ist es am schönsten", gefolgt von gesundheitlichen, zeitlichen oder finanziellen Argumenten. Sicherheitsbedenken folgen erst dahinter.

Aufgerufen am 20.01.2018 um 08:37 auf https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/tuerkei-reisen-kein-tabu-mehr-21940048

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