Wirtschaft

Ukraine-Krieg schiebt Insolvenzen in Europa an

Der Ukraine-Krieg wird die Weltwirtschaft heuer spürbar bremsen. Der internationale Kreditversicherer Euler Hermes rechnet für 2022 mit einem geringeren Wachstum der globalen Wirtschaft und des Handels, massiven Problemen bei den Lieferketten und einem regelrechten Insolvenzschub in Europa, wie aus einer Studie von heute, Mittwoch, hervorgeht. Ohne Gegenmaßnahmen sei bei Firmenpleiten ein Zuwachs von 23 Prozent zu erwarten - plus 7,7 Prozentpunkte alleine wegen des Krieges.

Bei weiterer Eskalation des Krieges droht 2023 weltweite Rezession SN/APA/dpa /Themenbild/Daniel Reinh
Bei weiterer Eskalation des Krieges droht 2023 weltweite Rezession

"Bei einer weiteren Eskalation des Konflikts droht 2023 eine Rezession für die gesamte Weltwirtschaft, für die Eurozone und auch für Deutschland", teilte der Chefvolkswirt von Allianz und Euler Hermes, Ludovic Subran, am Mittwoch mit.

Für 2022 haben die Volkswirte des Kreditversicherers ihre Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft bereits auf 3,3 Prozent (davor: 4,1 Prozent) gekappt; für 2023 wird ein Plus von nur noch 2,8 Prozent gesehen. Die Lieferketten stuft der Kreditversicherer als "gefährdet" ein - vor allem in der Automobil- und Halbleiterbranche.

Die Erwartung für den heurigen BIP-Anstieg in Deutschland wurde von 3,2 Prozent auf 1,8 Prozent fast halbiert. Dort dürften die Insolvenzen heuer laut Euler Hermes um 4 Prozent nach oben gehen. Das gesamte Welthandelsvolumen wird 2022 den Experten zufolge voraussichtlich nur um 4 Prozent wachsen, vor Invasion der Russen in der Ukraine war noch ein Plus von 6 Prozent erwartet worden.

Russland stürze infolge der westlichen Wirtschaftssanktionen schon heuer vor einer scharfen Rezession - das Bruttoinlandsprodukt sollte dort um 8 Prozent schrumpfen, bei einer weiteren Eskalation des Krieges sogar doppelt so stark, um 16 Prozent. Für den Welthandel insgesamt sei Russland zwar "nicht systemrelevant", in einigen Bereichen dürften die jüngsten Entwicklungen "dennoch spürbare Schockwellen auslösen", so die Volkswirte. "Insbesondere die stark abhängigen Exporteure in Zentral- und Osteuropa könnten herbe Einbußen erleiden", so Subran.

"Zudem geraten Lieferketten in einigen Branchen erneut unter großen Druck, insbesondere in der Halbleiter- und Automobilindustrie. Benötigte Metalle, spezielle Gase und Kabel sind knapp und könnten zu unterbrochenen Lieferketten führen." Umwege von Containerschiffen setzten Lieferketten aus Fernost unter Druck. Die Schiffe vermeiden den Angaben zufolge zudem konfliktbedingt aktuell das Schwarze Meer und nehmen weniger direkte und deutlich zeitaufwändigere und kostspieligere Routen in Kauf.

"Die Umleitung von Frachtschiffen hat zusammen mit den hohen Energiepreisen Auswirkungen auf Frachtraten und Lieferzeiten - und damit auch auf die Lieferketten aus Fernost", betonte der CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Milo Bogaerts. Hinzu kämen die strikten Covid-Maßnahmen in China, die zu Produktionsunterbrechungen und teilweise zu vorübergehenden Schließungen von einzelnen Häfen führten. "Eine Stabilisierung der angespannten Situation in der Logistik liegt dadurch aktuell auf Eis und bringt viele Unsicherheiten mit sich", hielt Bogaerts fest.

Durch die ausgebremste Weltwirtschaft steigt laut Euler Hermes vielerorts das Risiko von Zahlungsausfällen und auch Insolvenzen dürften wieder merklich ansteigen, insbesondere in Europa. "Der potenzielle Anstieg der Insolvenzen in Europa hat sich durch den Konflikt in diesem Jahr um 7 Prozentpunkte auf plus 23 Prozent erhöht und im kommenden Jahr um 4 Prozentpunkte auf plus 17 Prozent, sofern keine entsprechenden Gegenmaßnahmen implementiert werden", so Bogaerts.

Zahlreiche weitere Risiken stellten Unternehmen aktuell vor große Herausforderungen - insbesondere die Entwicklung der Energiepreise, die zu einer deutlich höheren Inflationsrate führten als ursprünglich erwartet. Für Deutschland rechnen die Kreditversicherer wegen des Ukraine-Krieges nun für 2022 mit einer Inflation von 6 Prozent, also um 2,2 Prozentpunkte mehr als zuletzt. Sollte der Konflikt weiter deutlich eskalieren, könnte die Teuerungsrate heuer sogar auf 7 Prozent emporschnellen.

Gewinner gebe es in der aktuellen Situation nur wenige. Lediglich Rohstofflieferanten in Mittelost sowie in einigen lateinamerikanischen Staaten könnten von den Bemühungen einiger europäischer Staaten profitieren, sich unabhängiger von russischen Gas- und Öl-Lieferungen zu machen.

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