Österreich

Ungleichheit sinkt weltweit, aber nicht in einzelnen Staaten

Weltweit betrachtet geht die Einkommensungleichheit zurück. Der große Vorsprung, den sich Industriestaaten ab Mitte des 19. Jahrhunderts erarbeitet hatten, geht verloren, weil China, Indien und andere Staaten aufholen. Innerhalb der einzelnen Staaten steigt die Ungleichheit aber sowohl im Westen als auch in den Schwellenländern, sagte der Wirtschaftsforscher Branko Milanovic am Mittwoch in Wien.

Die globale Angleichung der Einkommen dürfte weitergehen, vor allem falls Afrika aufholt, erwartet Milanovic, der an der City University of New York lehrt. Der Abstand zwischen Reichen und Armen Menschen innerhalb der einzelnen Staaten wachse aber noch. Dafür gebe es drei Auslöser: Die Globalisierung, bei der vor allem Unterschichten Verlierer sind, die Technologisierung, die ebenfalls derzeit vor allem repetitive weniger qualifizierte Jobs vernichtet sowie nationale Wirtschaftspolitik.

Milanovic ist unter anderem mit der "Elefantengrafik" bekannt geworden. Sie zeigt, welche Einkommensklassen weltweit gesehen am meisten Wachstum ihrer Einkommen erlebt haben. Die Niedrigverdiener im Westen, insbesondere in den USA, haben demnach von 1988 bis 2008 (Beginn der Finanzkrise) praktisch keine Einkommenszuwächse gehabt. Zugleich hat die chinesische Mittelklasse, die aber in absoluten Beträgen weniger verdient als die westliche Unterschicht, fast eine Verdoppelung der Einkommen erlebt. Auch die Allerreichsten (oberstes Prozent der Einkommen) konnten sich über einen massiven Einkommensanstieg freuen. Wobei die chinesische Mittelklasse zwar prozentuell stärker zugelegt hat als die ganz reichen Menschen weltweit, aber in absoluten Zahlen gingen 45 Prozent aller globalen Einkommensgewinne an die fünf Prozent mit den höchsten Einkommen, sagte Milanovic. Und räumt zugleich ein, dass seine Daten die Einkommen der Reichsten tendenziell unterschätzen, weil Vermögenserträge schlechter erfasst sind.

Milanovic hat auch die Entwicklung der "Mittelklasse" in verschiedensten Ländern des Westens untersucht und kommt zu dem Schluss, dass überall die Mittelklasse zwischen 1980 und 2013 geschrumpft ist. Ein Teil dieser Schicht sei auch reicher geworden, aber ein Teil eben ärmer, weil die Ungleichheit zugenommen hat. In den USA seien von 100 Menschen, die nicht mehr der Mittelklasse zuzurechnen sind, 60 nach unten und 40 Prozent nach oben gerutscht.

Als Maßnahme gegen die steigende Ungleichheit wäre eine Erbschaftssteuer ein gutes Mittel, sagt Milanovic, der sich mit seinen Arbeiten zur Einkommensverteilung international einen Namen gemacht hat. Erbschaftssteuern seien wichtig, um die Chancengleichheit zu erhöhen.

Vor allem die nächste Generation würde profitieren, sagte Milanovic vor Journalisten. Denn man könne ältere Menschen kaum mehr umschulen, um sie auf neue Herausforderungen und Technologien vorzubereiten. Aber man müsse darauf achten, dass die Armut nicht an die Kinder weitergegeben wird. Auch zusätzliche oder höhere Steuern bei den Top-Verdienern, insbesondere mehr Kapital- oder Vermögenssteuern, hält Milanovic für vertretbar. Allerdings würde eine reine Steuererhöhung ohne weitere Begleitmaßnahmen kaum zum gewünschten Ergebnis führen.

Milanovic erinnerte daran, dass im US-Wahlkampf 1981 Ronald Reagan mit dem Slogan angetreten sei, die Steuern auf Kapital auf das Niveau der Lohnsteuern abzusenken. Heute liegen die Kapitalsteuern (12-15 Prozent) in den USA bei einen Drittel der Lohnsteuer-Spitzensätze (39 Prozent).

Ungleichheit habe aber nicht nur sozial negative Effekte, sondern auch wirtschaftliche. Das allgemeine Wachstum werde gebremst, die Durchlässigkeit im Bildungssystem sinke, die Chance auf sozialen Aufstieg gehe zurück. Die Wohlhabenden bauen sich private Versorgungsstrukturen auf und verlieren das Interesse an einer gemeinsamen Vorsorge für alle.

Protektionismus, wie ihn der neue US-Präsident Donald Trump ankündigt, als Ausweg, um im eigenen Land für einen Aufschwung der Mittelklasse zu sorgen, hält Milanovic nicht für zielführend. Eine ganz spezifische Maßnahme könne einer spezifischen Gruppe helfen - würde Österreich den Import von Sesseln verbieten, würde dies den Sessel-Herstellern im Land vermutlich helfen, so Milanovic. Aber er bezweifelt, dass das ein sinnvolles wirtschaftspolitisches Ziel wäre. Konsumenten, andere Branchen und die Volkswirtschaft insgesamt würden nicht profitieren. Und man könne nicht einmal garantieren, dass die Sesselhersteller langfristig gewinnen.

Insgesamt bescheinigt Milanovic Trump eine "chaotische" Politik. Auch als Präsident der USA könne er nicht ohne weiteres die weltweite Wirtschaftsagentur mit Regeln von WTO, Weltbank oder Bank für Zahlungsausgleich außer Kraft setzen. Das werde auch Trump noch feststellen. Auch Maßnahmen gegen China würden "wie ein Bumerang" auf die USA zurückfallen, unter anderem weil viele aus China importierte Güter von US-Firmen dort produziert werden, die Gewinne fließen derzeit an US-Firmen.

Quelle: APA

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