Wirtschaft

"Verrückte Anfragen" wegen Coronavirus: Unternehmen suchen Schutzmasken

Die Industrie sucht Kontingente. Die Lager der Apotheken-Großhändler sind leer. Auch, wenn viele Käufer sie gar nicht bräuchten. Auch um Desinfektionsmittel herrscht ein "Griss". Davon profitiert ein Salzburger Unternehmen.

Salzburg schickt 100.000 Stück alte, aber funktionstüchtige Schutzmasken nach China. SN/stefanie schenker
Salzburg schickt 100.000 Stück alte, aber funktionstüchtige Schutzmasken nach China.

Konzernvorstände hätten bereits persönlich angerufen, aber da sei leider nichts zu machen: Die Zahl der verfügbaren Atemmasken ist begrenzt. "Verrückte Anfragen" habe der Vorarlberger Industriehändler Haberkorn in den vergangenen Tagen bekommen, erzählt Sortimentsmanager Bernhard Bär. Ein Kunde wollte zehn Millionen Stück kaufen. Das Coronavirus hat die Nachfrage nach Einweg-Atemschutzmasken drastisch erhöht.
"Viele Industriekunden versuchen derzeit, an deutlich mehr Ware zu kommen", erklärt Bär. Um sie an Standorte in China zu schicken, damit diese weiter produzieren können, um reisende Mitarbeiter zu versorgen oder um sicherzugehen, dass die Produktion im Inland nicht gefährdet ist. Denn in vielen Industriebetrieben sind Atemmasken ganz regulär vorgeschrieben, Corona hin oder her. "Die großen Hersteller können nicht über Nacht ihre Kapazitäten vervielfachen, deshalb gibt es jetzt Kontingente", sagt Bär. Bestehende Verträge werden eingehalten, weitere Großbestellungen können teils aber nicht berücksichtigt werden. "Die Mengen sind einfach nicht unendlich." Panik sei aber fehl am Platz. Europa sei abgesichert, auch weil viele Masken hier produziert würden, etwa in Großbritannien und Schweden.

Allerdings gibt es nur eine Handvoll großer Produzenten. Einer der größten ist der amerikanische 3M-Konzern, der die Produktion von Atemschutzprodukten bereits hochgefahren hat. Bei der globalen Versorgung räumt man den vom Virus betroffenen Ländern Vorrang ein. "Wir arbeiten daran, die Versorgung mit Atemschutzmasken in den Gebieten sicherzustellen, wo sie am dringendsten benötigt werden", erklärt eine Sprecherin.
Die Nachfrage nach Atemmasken ist auch dort gestiegen, wo es keine bestätigten Coronafälle gibt. Die Lager des österreichischen Arzneimittel-Großhandels sind mittlerweile leer. Atemschutzmasken seien ausverkauft, heißt es beim Großhändler-Verband Phago. Informationen der Hersteller, wann wieder geliefert wird, gibt es derzeit nicht. Die Großhändler beliefern unter anderem Apotheken. Krankenhäuser haben eigene Lieferketten.

3M ist einer der größten Hersteller. SN/APA/AFP/MARTIN BUREAU
3M ist einer der größten Hersteller.

Auf Amazon verlangen manche Händler bereits horrende Summen. Auch das Warenverzeichnis von Phago spuckt sehr unterschiedliche Preise aus: Die dünnen, blauen Einwegmasken sind bei dem einen Hersteller um 6,70 Euro für 50 Stück erhältlich, ein anderer verlangt für 20 Stück eines ähnlichen Produkts bereits 120 Euro.
In Salzburg gebe es in vielen Apotheken noch Lagerbestände zu herkömmlichen Preisen, sagt Apothekerkammerpräsidentin Kornelia Seiwald. 176 Stück sind es etwa in der Halleiner Stadtapotheke, in der sie arbeitet. Zuletzt griff eine Familie zu, die demnächst nach Südostasien fliegt. "Es gibt keine Hysterie, aber vermehrte Nachfrage", sagt Seiwald. Auch örtliche Unternehmen hätten sich eingedeckt.
Sie rät davon ab, dass gesunde Menschen Einwegmasken tragen. "Die Eintrittspforten bei einer Übertragung sind Mund und Nase. Wenn man eine Maske trägt, fährt man in der Regel mit der Hand viel öfter in diesen Bereich. Etwa weil die Maske rutscht." Regelmäßige Handdesinfektion sei wirksamer. "Vor allem aber, weil wir uns mitten in der Grippewelle befinden. Wegen der Influenza sollte man sich mehr Sorgen machen", sagt Seiwald.

Auch die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) empfiehlt Gesunden das Tragen von Masken nicht. "Wir können mit den vorhandenen Studien nicht belegen, dass das wirklich einen nachweisbaren Schutzeffekt hat", sagt Franz Allerberger von der AGES.


Weltweit rufen Experten die Bevölkerung bereits dazu auf, in nicht betroffenen Gebieten auf den Kauf zu verzichten und zu verhindern, dass etwa medizinisches Personal keine mehr bekomme.
In Salzburg sind die Lager des Landes noch gut gefüllt. Zwei Millionen Stück abgelaufener, aber noch funktionstüchtiger Masken werden gelagert. 100.000 Stück aus dem Vogelgrippe-Bestand sind gerade auf dem Weg nach Wuhan. In China können laut Angaben des Industrieministeriums derzeit täglich 15 Millionen Stück produziert werden. Das reicht längst nicht mehr aus. Das Land sucht deshalb weltweit nach Kapazitäten.

Bestellungen haben sich vervielfacht: Engpässe bei Hagleitner

Nicht nur Atemmasken, auch Handdesinfektionsmittel werden verstärkt benötigt. Ein Salzburger Betrieb profitiert davon: Beim Zeller Hygieneunternehmen Hagleitner haben sich die Bestellungen innerhalb weniger Tage vervielfacht. "Es gibt ein X-faches an Anfragen. Es ist unglaublich, was gerade passiert. Wir kommen mit dem Liefern nicht mehr nach", sagt Pressesprecher Roland Dick. Besonders gefragt sind mobile Desinfektionsständer, Nachfüllpackungen und Desinfektionsfläschchen. Die Produktion wurde bereits erhöht. "Wir produzieren mittlerweile in drei Schichten, haben aber trotzdem noch Engpässe."

Bei der Drogeriemarktkette dm gab es neben Mundschutzmasken zuletzt auch einen spürbaren Anstieg bei Handdesinfektionsprodukten. Auch der deutsche Chemiekonzern Lanxess verzeichnet eine stärkere Nachfrage nach seinem Desinfektionsmittel Rely+On Virkon. Derzeit werden die Produktionskapazitäten erhöht, um schneller liefern zu können. Vor allem in China wird es nun stärker eingesetzt, aber auch in Europa sei die Nachfrage signifikant gestiegen.

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Aufgerufen am 26.10.2020 um 10:42 auf https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/verrueckte-anfragen-wegen-coronavirus-unternehmen-suchen-schutzmasken-83092126

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