Wirtschaft

Arbeiten für ein sinnvolles Leben

400 junge Fachkräfte aus Europa zeigen bei den EuroSkills in Graz ihr Können. Die Besucher sehen eine Berufswelt im Wandel.

Die Smoothie-Bar ist der Renner. Sich nach eigenem Rezept einen frischen Shake zuzubereiten kommt bei den Jugendlichen gut an. Bei der richtigen Mengenwahl allerdings hapert es. "60 Gramm Honig? Glaubst nicht, dass das a bissel viel ist?", fragt Urs Bürki einen jungen Mann, der seine Mischung präsentiert. Der Koch aus der Schweiz ist nicht nur handwerklich ein Vollprofi. Er berät auch Tourismusbetriebe, wie sie auch morgen noch erfolgreich sein können.

Wiederkehrende Arbeiten rund ums Kochen, sagt Bürki, würden künftig immer mehr von Maschinen gemacht. "Beim Koch selbst werden andere Fähigkeiten im Vordergrund stehen. Er wird Rezeptieren, Kalkulieren, Planen und Innovationen bewusst angehen."

Die Berufswelt ist im Wandel, bei den EuroSkills in Graz wird das geballt spür- und sichtbar. 400 junge Fachkräfte aus 19 europäischen Ländern tischlern und programmieren, schneidern und elektrifizieren, hämmern und kochen im Wettkampf um Medaillen. Die Besten in 48 Berufen sind dabei. Erwin Heftberger war 2002 selbst Teilnehmer bei den WorldSkills in Paris, heute ist er bei den Bäckern Experte und Trainer. "Mit dem, was wir damals gemacht haben, hätten wir heute keine Chance mehr", sagt er. Backen sei bunter, kreativer, vielfältiger geworden, "das hat sich komplett verändert". Auch bei den Fleischern, die zum ersten Mal bei den EuroSkills antreten, wird zwar zerlegt, Hauptaufgabe aber ist die Zubereitung küchenfertiger Produkte. Teilnehmer Clemens Baischer aus Oberösterreich hat vor der Lehre ein Jahr lang eine landwirtschaftliche Schule besucht. Nicht mehr nur Spezialwissen ist gefragt, jedes Wissen ist wertvoll, je mehr vernetzt und quergedacht, umso zukunftsträchtiger und erfolgreicher ist man im Beruf.

Der große Fachkräftemangel spiele sich primär in der mittleren Qualifikationsebene ab, sagt Thomas Mayr vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft in Wien. Und davon sei beispielhaft etwa die klassische Kochlehre betroffen. Andere Bereiche wie Digitalisierung, persönliche Dienstleistung oder Pflege würden dagegen an Bedeutung gewinnen, "gleichzeitig müssen wir schauen, dass das Handwerk bestehen bleibt", betont er. Die Berufsprofile seien dabei, sich in Richtung Green Skills weiterzuentwickeln. "Vor zehn Jahren hat es in einer aufsehenerregenden Studie noch geheißen, die Hälfte der Jobs wird durch die Digitalisierung verloren gehen - bisher ist davon nichts passiert", sagt Mayr. Es veränderten sich klarerweise die Inhalte der Berufsbilder, "aber für Alarmismus gibt es keinen Grund".

Von den 56 internationalen Skills-Berufen nutzen im Schnitt bereits rund zwei Drittel digitale Technologien. Auch die langjährigen Bemühungen, Frauen für die Technik und das Handwerk zu begeistern, wirken langsam. Jeder fünfte Teilnehmer bei den Berufs-Europameisterschaften ist weiblich, bei den Malern sind doppelt so viele Frauen am Start wie Männer. In Österreich absolviert aktuell jeder zehnte weibliche Lehrling eine Lehre in bisherigen Männerdomänen wie Metalltechnik, Elektrotechnik, Tischlerei, Kfz-Technik oder Elektronik. Im Vorjahr setzten rund 3500 junge Frauen bei der Berufswahl auf ein Handwerk.

Nicht zuletzt auch die Coronapandemie hat die Rolle des Handwerks wieder gestärkt. "Die Kunden schätzen uns wieder, sie sind richtig dankbar, dass es uns gibt, das freut uns sehr", sagt Maßschneiderin Andrea Mandl-Binder. Leider gebe es in Österreich mittlerweile zu wenige Ausbildungsplätze, Modeschulabsolventen würden sich in Belgien oder Dänemark weiterbilden.

Aber wie als junger Mensch überhaupt herausfinden, welcher Beruf der richtige für einen ist? "Am besten, man erinnert sich zurück an die Talente, die man als Kind hatte, da liegt man meist nicht falsch", sagt Malerin Lisa Janisch, Goldmedaillengewinnerin bei den EuroSkills 2016 in Göteborg. Kritische Worte fand der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl zur Work-Life-Balance: "Es dreht sich heute zu viel nur um die Freizeit und zu wenig um die Arbeit, die mit Leidenschaft gemacht dem Leben so viel Sinn geben kann."

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