Wirtschaft

Wasserstoff braucht noch einen Schubs

Lkw lasten schwer auf der Klimabilanz. Heimische Firmen wollen das Problem mit Wasserstoff lösen.

In der Schweiz fährt die Spedition Gebrüder Weiss bereits mit einem Wasserstoff-Lkw. SN/gebrüder weiss
In der Schweiz fährt die Spedition Gebrüder Weiss bereits mit einem Wasserstoff-Lkw.

Gewichtige österreichische Unternehmen, darunter der Stromkonzern Verbund, die Post, aber auch der innovative Motorenspezialist AVL List, der Speditionskonzern Gebrüder Weiss und die Handelskonzerne Spar und Rewe, drängen auf mehr österreichisches Engagement in Sachen Wasserstoff. Das neue Konsortium "H2-Mobility Austria" hat sich vorgenommen, 2000 Schwerlaster mit Wasserstoffantrieb bis 2030 auf die Straße zu bekommen. Das wären zwar nur drei Prozent der schweren Brummer (über zwölf Tonnen), würde aber fünf Prozent von deren CO2-Ausstoß einsparen.

Die Zahlen stammen aus einer beim Beratungsunternehmen Deloitte in Auftrag gegebenen Studie. Die zeigt zugleich, wie schwierig die Umstellung des Schwerverkehrs auf nicht fossilen Antrieb wird, bei dem ein Elektroantrieb mit Batterie unwirtschaftlich wäre. Denn mit Ökostrom erzeugter Wasserstoff ist ungefähr drei Mal so teuer wie Diesel. Zudem kosten Wasserstoff-Lkw derzeit eine halbe Million Euro, verglichen mit 100.000 Euro für einen klassischen Diesel-Lkw.

Um den Umstieg zu schaffen, müsste der Staat 80 Prozent der Mehrkosten übernehmen und für die notwendige Ladeinfrastruktur sorgen - was bis 2030 rund 460 Mill. Euro kosten würde, rechnet Deloitte-Partner Alexander Kainer am Donnerstag bei der Präsentation der Studie vor. Im Gegenzug würden jedoch 475 Mill. Euro an Wertschöpfung und 3000 bis 4000 Arbeitsplätze entstehen, so Kainer.

Vorerst fehlt es noch an allem: Es gibt kaum grünen Wasserstoff, große H2-Laster nur in Kleinserien und de facto nur Betriebstankstellen. Die OMV hat H2-Pkw-Tankstellen, für den Schwerverkehr sind vier in Planung, bis 2030 sind 66 österreichweit notwendig, so die Studie.

Rolf Dreisbach, Geschäftsführer der AVL List GmbH, sieht die Initiative auch als Chance für heimische Unternehmen, die das Know-how international nützen könnten. "Aus unserer Sicht wird 2035 die Hälfte der Fahrzeuge für den Langstreckenschwerverkehr mit Brennstoffzellen und Wasserstoff unterwegs sein, die andere Hälfte mit E-Motor", sagt der Experte. Für lange Strecken wären Batterien in großen Lkw ungeeignet, weil zu schwer.  Die Post experimentiert seit einem Jahr - zusammen mit der OMV - mit grünem Wasserstoff. Bis 2030 soll die Zustellung von Briefen und Paketen auf der "letzten Meile" CO2-frei erfolgen, danach die gesamte Transportlogistik. "Wir wollen auch beim Schwerverkehr Pioniere sein", sagt Paket-Vorstand Peter Umundum, vorausgesetzt, die "Alternativen" schaffen 400 Kilometer Reichweite und lassen sich ähnlich schnell wie Diesel und überall an den Hauptstrecken tanken.

Dass Wasserstofflaster keine Utopie mehr sind, weiß Gebrüder-Weiss-Chef Wolfram Senger-Weiss. Der Vorarlberger Logistikriese hat in der Schweiz seit einem Jahr einen H2-Lkw im Einsatz - ohne Probleme und mit dem kleinen Nebeneffekt, dass die Lenker motivierter seien. Heuer sollen zwei weitere dazukommen. Die Konzentration auf (batterie)elektrische Nutzfahrzeuge reiche nicht, sagt Senger-Weiss.

Im Klimaministerium sieht man die komplexe Entscheidung, wie der Güterverkehr bis 2040 klimaneutral werden kann - ob mit batterieelektrischem Antrieb oder mit Wasserstoff -, noch offen. Hier gelte es "jedenfalls die weitere Marktentwicklung genau zu beobachten", heißt es aus dem Ministerium. Um eine effiziente und einheitliche Infrastrukturentwicklung in Europa sicherzustellen, mache sich Österreich für klare Ziele im EU-Fit-for-55-Paket stark. Ein Punkt dabei: den Güterverkehr auf langen Strecken wieder stärker auf die Schiene zu verlagern.

Die bestehenden - hohen - Förderungen auch für Lkw sind jedenfalls sowohl für batterieelektrische als auch für Wasserstoffantriebe verfügbar. Im Rahmen der E-Mobilitätsoffensive, mit einem Rekordbudget von 167 Mill. Euro, werde ab diesem Jahr "ein umfassender Fokus auf unterschiedlichste Nutzfahrzeuge gelegt". Die Details zur Förderung werden laut Ministerium gerade festgelegt.

Zusätzlich zu den Budgetmitteln stehen für die betriebliche Förderung bis 2025 auch Gelder aus dem EU-Aufbaufonds zur Verfügung. Das Gros von 256 Mill. Euro dient allerdings der Umstellung auf emissionsfreie Busse, etwa 50 Mill. Euro sind für emissionsfreie Nutzfahrzeuge reserviert.

Das H2-Mobility-Konsortium hofft weiter auf die Politik und hat laut Post-Vorstand Umundum bereits Kontakt mit Klima- und Finanzministerium aufgenommen. Wasserstoff für Schwerverkehr-Lkw sei auch eine Ergänzung zum System Bahn, keine Alternative, betont Deloitte-Experte Kainer.

Was tun die Nachbarstaaten?

Deutschland


Die Regierung in Berlin
hat im Juni 2020 eine nationale Wasserstoffstrategie verabschiedet. Das
Förderprogramm für Wasserstoff beträgt neun Mrd. Euro bis 2030 - davon  1,5 Mrd. Euro für Mobilität und 5 Mrd. Euro für Infrastruktur & Technologie. Es wurde eine zentrale Förderstelle zur Verfahrensbeschleunigung eingerichtet. Für die Entwicklung von Speicher- und Ladeinfrastruktur gibt es weitere 3,4 Mrd. Euro bis 2023. Für ausgewählte regionale Gesamtkonzepte gibt es 80 Prozent Förderung.



Schweiz


Eine Wasserstoffstrategie
ist dort seit Juni 2021 im Bundesrat in Arbeit. Die Befreiung emissionsfreier Laster von der Schwerverkehrsabgabe (rund 65.000 Franken) macht dort den wirtschaftlichen Betrieb von H2-LKWs schon möglich. Ein privater Förderverein für den Aufbau der Wasserstoff-Infrastruktur und zwei Joint Ventures für die H2 Produktion sowie Fahrzeuge treiben das System voran. Hydrospider  arbeitet am Aufbau von Produktion & Logistik von grünem Wasserstoff, um bis 2025 1600 LKW damit zu versorgen. Der private Förderverein H2 Mobilität Schweiz betreibt aktuell zehn "grüne" Wasserstoff Tankstellen für den Schwerverkehr, neun davon sind in den vergangenen zwölf Monate dazugekommen.



Österreich


H2-Mobility Austria
nennt sich das neue Konsortium mit elf Partnern: Verbund, OMV, AVL List, Magna, Worthington, Rosenbauer, Post, Gebrüder Weiss Rewe, Spar und Wirtschaftskammer.

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