Wirtschaft

WKÖ bezeichnet vollen Lockdown als "existenzbedrohend"

Die Handelsbranche warnt vor den wirtschaftlichen Auswirkungen von verschärften Corona-Maßnahmen. "Sollte es zu einem vollen Lockdown kommen, wäre das für den Handel existenzbedrohend", so WKÖ-Handelsobmann Rainer Trefelik am Freitagnachmittag in einer Stellungnahme gegenüber der APA. Die unterschiedlichen Teile des Handels würden dann "umfangreiche Unterstützung benötigen", auch weil das wichtige Weihnachtsgeschäft auf dem Spiel stehe.

Harter Lockdown würde Geschäfte noch stärker treffen SN/APA/BARBARA GINDL
Harter Lockdown würde Geschäfte noch stärker treffen

Sollte es zur Schließung aller Geschäfte - mit Ausnahme von Lebensmittelmärkten, Apotheken, Drogerien und Trafiken kommen - fordert der Wirtschaftskammervertreter, dass die Lieferung sowie Abholung von Waren bei den Geschäften jedenfalls erlaubt bleiben müsse. Der WKÖ-Handelsobmann appelliert auch an die Konsumenten, bei Online-Einkäufen primär bei österreichischen Händlern einzukaufen oder später die Einkäufe nach dem Lockdown in den Geschäften nachzuholen.

Der Handelsverband fordert angesichts einer möglichen Verschärfung der Corona-Maßnahmen "gute und rasche" Hilfen. "Wir befürchten ein Händlersterben von 6.000 Geschäften", sagte Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will am Freitag zur APA. Der aktuelle "Lockdown light" habe bereits bei vielen Händlern, etwa im Bereich Textil, Schmuck, Sport und Lebensmittelgroßhandel, zu massiven Umsatzeinbrüchen geführt. Die Forderungen werden auch von den Oppositionsparteien unterstützt.

"Der Handel hat Verständnis, dass immer die Gesundheit an erste Stelle steht. Wenn es weitere Restriktionen gibt, dann muss es aber auch dasselbe Verständnis für rasche Hilfen geben", so der Branchenvertreter. Die kommenden Wochen bis Weihnachten seien der "wichtigste Zeitraum" für die Handelsbranche. Viele Betriebe hatten gehofft, die Verluste aus den ersten Corona-Monaten vielleicht nun wieder aufzuholen.

Sollten erneut wie im März und April alle Händler außer dem Lebensmitteleinzelhandel, Drogeriemärkten, Trafiken und Apotheken schließen müssen, dann drängt der Handelsverband auf einen 80-prozentigen Umsatzersatz für die betroffenen Unternehmen. Diese Art von Hilfe gibt es bereits für Betriebe im Bereich Beherbergung, Veranstaltungen, Gastronomie und Freizeitangebote für den Monat November. Der Handelsverband ist eine freiwillige Interessenvertretung von rund 3.000 Unternehmen.

Nur Teile des Handels zu schließen, wie etwa größere Geschäfte und Einkaufszentren, hält Will nicht für sinnvoll. Die Erwerbsfreiheit nur für Teile der Branche einzuschränken wäre rechtlich äußerst kritisch und den kleinen Händlern würde bei einem harten Lockdown auch die Kundenfrequenz fehlen. "Wenn es nur eine Geisterstadt ist, dann bringt es nichts für den Handel", sagte der Handelsverband-Geschäftsführer.

Auch der Sporthandel spürt bereits deutlich die Auswirkungen des seit Anfang November geltenden "Lockdown light". "Die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie mit geschlossenen Seilbahnen, Hotels und Restaurants kommen für den Sportartikelhandel faktisch einer verordneten Geschäftsschließung gleich", so Intersport-Österreich-Geschäftsführer Thorsten Schmitz am Freitag in einer Aussendung. Vor allem die INTERSPORT-RENT-Standorte im Westen Österreichs seien stark betroffen und würden erhebliche Umsatzeinbußen aufgrund ausbleibender Kunden, Touristen und Tagesausflügler verzeichnen. Hoffnungsschimmer für den Intersport-Chef sind die Umsätze im Tourenskisektor und der ungebrochene Trend zu Fitness in den eigenen vier Wänden.

Mögliche coronabedingte Schulschließungen und die damit verbundene elterliche Aufsichtspflicht würden die Personaldecke in der Branche auch sehr ausdünnen. Laut Statistik Austria hatten zuletzt 177.000 Beschäftigte im Handel ein oder mehrere Kinder unter 15 Jahren.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hatte am Donnerstag größere Menschenansammlungen in manchen Einkaufszentren als "besorgniserregend" bezeichnet. Der Einkaufszentren-Branchenverband (ACSP) verwies in einer Aussendung darauf, dass die in den Medien verbreiteten Bilder von Menschenmassen vom vergangenen Wochenende nicht aus Einkaufszentren stammen, sondern von der Eröffnung eines Möbelhauses in Salzburg. Bis dato sei "kein einziger Covid-19-Cluster in Österreich in einem Shoppingcenter nachgewiesen worden bzw. entstanden", so der Branchenverband.

Mit unterschiedlichen Schwerpunkten forderten die Oppositionsparteien SPÖ, NEOS und FPÖ am Freitag in der Coronakrise mehr Unterstützung für Firmen und mehr Rechtssicherheit gefordert. Im Rahmen der Coronahilfen sollen nicht nur direkt vom Lockdown geschlossene Firmen sondern auch indirekt betroffene Unternehmen wie Zulieferer der Gastronomie "aliquot" entschädigt werden, fordert SPÖ-Wirtschaftssprecher Christoph Matznetter. Außerdem solle der Umsatzersatz von 80 Prozent "als Dauersystem sowohl für bundesweite, als auch für regional begrenzte Lockdowns" eingeführt werden.

Für die NEOS verlangen Budget- und Finanzsprecherin Karin Doppelbauer sowie Wirtschaftssprecher Sepp Schellhorn konkrete Richtlinien für den angekündigten Fixkostenzuschuss II. Sie kritisieren eine hohe Unsicherheit rund um einen zweiten harten Lockdown. "All jene Unternehmerinnen und Unternehmer, die zwar nicht behördlich geschlossen wurden, aber dennoch Umsatzeinbußen zu verzeichnen haben, können im Augenblick keine Zuschüsse beantragen. Sie gehen also defacto leer aus". Dabei gäbe es von der EU als auch innerstaatlich genug Möglichkeiten für die nötige Unterstützung, so die NEOS-Abgeordneten. Die Maßnahmen der Regierung seien "undifferenziert, die Budgetierung undurchsichtig und die Effekte zu hinterfragen". Die NEOS fürchten eine Ungleichbehandlung durch Überkompensation im Rahmen des Umsatzersatzes, insbesondere weil die Unterstützungen für Kurzarbeit dabei nicht abgezogen werde.

Auch in Bezug auf die drohende Verschärfung des Lockdowns müsse die oberste Priorität sein, "endlich die Corona-Hilfen gemäß dem EU-Beihilfen-Rahmen umzusetzen", so Schellhorn. Angesichts der mit Jahresende fälligen Bilanzen "ist es am 32.12. zu spät". 

FPÖ-Tourismussprecher Gerald Hauser wiederum bekräftigte am Freitag in einer Aussendung die Forderung seiner Partei, dass alle Betriebe, die im März gemäß dem Epidemiegesetz zugesperrt wurden, entschädigt werden müssen. Das dürfe nicht nur für die Hotellerie gelten. "Es müssen vielmehr alle Betriebe, die gemäß den Verordnungen durch die Bezirkshauptmannschaften behördlich geschlossen wurden, entschädigt werden", forderte Hauser. Er will dazu nächste Woche eine Gesetzesinitiative im Parlament einbringen.

Quelle: APA

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