Wirtschaft

Zweiter Lockdown dämpft Wirtschaft weniger als der erste

Der Teil-Lockdown ab 3. November hat bisher einen weniger großen Schaden in der Wirtschaft angerichtet als der komplette Shutdown im März/April. In der ersten Woche (2. bis 8. November) verringerte sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 7 Prozent - im Frühjahr war die Wirtschaftsleistung während des allgemeinen Stillstands um bis zu rund 25 Prozent eingebrochen. Das zeigt der wöchentliche Bruttoinlandsprodukt-Indikator der Nationalbank (OeNB).

Maßnahmen gegen Pandemie schränken Handel stark ein SN/APA/ROBERT JAEGER
Maßnahmen gegen Pandemie schränken Handel stark ein

Da sich die Corona-Neuinfektionen in Österreich derzeit aber weitaus dramatischer nach oben entwickeln als dies im Frühjahr der Fall war, ist bereits eine Diskussion um eine Verschärfung der Lockdown-Maßnahmen entbrannt - dabei geht es beispielsweise um massivere Restriktionen für den Handel und um die Schließung von Kinderbetreuungseinrichtungen bzw. Schulen. In der Woche vor dem November-Lockdown (26. Oktober bis 1. November) war die Wirtschaft coronabedingt ebenfalls angeschlagen - das BIP war um 2,3 Prozent gesunken.

Die im November von der Regierung verordneten gesundheitspolitischen Maßnahmen im Zuge des Teil-Lockdowns sind derzeit noch weniger weitreichend als während des ersten Lockdowns. Der dadurch bedingte Konjunktureinbruch falle "erwartungsgemäß deutlich geringer" aus als im Frühjahr, so die Oesterreichische Nationalbank am Freitag. Samstagnachmittag will die Regierung zur aktuellen Coronalage Stellung beziehen und allfällige neue Maßnahmen bekanntgeben.

Die wirtschaftlichen Verluste im Lockdown sind laut OeNB mehrheitlich auf tourismus- und freizeitnahe Dienstleistungen zurückzuführen. Im Handel habe es eine Verschiebung vom Nicht-Lebensmittel- zum Lebensmittelhandel gegeben. "Kaum beeinträchtigt" seien der Produktionssektor und die Nicht-Tourismus-Exporte. Sofern "nicht weitere gesundheitspolitische Maßnahmen getroffen werden, die das wirtschaftliche Geschehen beeinflussen", es also zu keinen Lockdown-Verschärfungen kommt, erwartet die Nationalbank keinen substanziellen Anstieg der Verluste in den kommenden Wochen.

Zu den von der Coronakrise besonders betroffenen Bereichen gehören einmal mehr beispielsweise Hotels und Pensionen, die Gastronomie und der Veranstaltungssektor in den Bereichen Kultur, Freizeit und Sport. Die tourismus- und freizeitnahen Dienstleistungssektoren haben "Umsatzrückgänge von teilweise deutlich mehr als 50 Prozent" erlitten, was sich in einer rückläufigen Entwicklung sowohl der Tourismusexporte als auch des privaten Konsums widerspiegle. Diese beiden Nachfragekomponenten zeichnen laut OeNB zusammen für "fast den gesamten Rückgang der Wirtschaftsleistung" in der ersten November-Lockdown-Woche verantwortlich.

Im Tourismus sei jedoch ein erheblicher Teil des Rückgangs nicht unmittelbar auf die gesundheitspolitischen Maßnahmen des Teil-Lockdowns zurückzuführen gewesen. Die Reisewarnungen vieler wichtiger Urlauber-Herkunftsländer für Österreich und Beschränkungen im grenzüberschreitenden Reiseverkehr führten bereits im Oktober zu deutlichen Einbrüchen. In der ersten November-Woche löste dies den Großteil des Einbruchs der Tourismusexporte aus, der allein 3 Prozentpunkte zum Rückgang des realen BIP beitrug, erklärte die Nationalbank.

Beim privaten Konsum gebe es "eine divergente Entwicklung". Im Gegensatz zum Lockdown im Frühjahr - als grosso modo nur Lebensmittelgeschäfte und Apotheken offenhalten durften - ist der Einzelhandel vorerst nicht mit Geschäftsschließungen konfrontiert. Die Umsatzrückgänge waren daher begrenzt, auch aufgrund einer dynamischen Entwicklung im Lebensmittelhandel - in diesem Bereich dürften die Umsätze saisonbereinigt im Vergleich zu den Vorwochen um bis zu 10 Prozent gestiegen sein, schätzt die OeNB. Im Nicht-Lebensmittelhandel dürfte es hingegen zu Rückgängen zwischen 10 Prozent und 20 Prozent gekommen sein. Auch im Bereich der persönlichen Dienstleistungen waren die Umsätze deutlich schwächer als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Insgesamt habe der gedämpfte private Konsum in der ersten November-Woche knapp 4 Prozentpunkte zum Rückgang des realen BIP beigetragen.

Im Produktionsbereich kommen im Zuge des Lockdowns keine einschränkenden Maßnahmen zum Tragen. Auch der grenzüberschreitende Güterhandel läuft laut OeNB "weitgehend reibungslos", was für die exportorientierte heimische Industrie besonders wichtig sei. Das Exportvolumen ohne Tourismus liege daher trotz leichter Rückgänge gegenüber den Vorwochen noch immer knapp über dem Vorjahresniveau (plus 1 Prozent).

Die aktuelle Schätzung der wirtschaftlichen Folgen des Teil-Lockdowns sei noch mit beträchtlichen Unsicherheiten behaftet, betonte die Nationalbank. Am Montag, dem 2. November, dem Tag vor Beginn des Teil-Lockdowns, dürfte es in freizeitnahen Bereichen wie der Gastronomie noch zu starken Umsätzen gekommen sein. Die bis zu diesem Tag dauernden erstmals bundesweiten Herbstferien dürften zusätzlich verstärkend gewirkt haben. Es sei aber anzunehmen dass insbesondere in Wien der Terroranschlag am Abend des 2. November zu einer Ausnahmesituation mit in den nächsten Tagen geringeren Geschäftsaktivitäten geführt habe. Für die kommenden Wochen erwartet die OeNB, dass insbesondere die Verluste im Bereich des privaten Konsums etwas steigen könnten.

Im Großen und Ganzen gesehen hat die Wirtschaft im Euroraum die Coronakrise im Sommer etwas abgeschüttelt. Allerdings sorgen die aktuellen Einschränkungen wieder für trübe Aussichten. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Währungsraum stieg zwischen Juli und September in Rekordtempo um 12,6 Prozent zum Vorquartal, wie das Statistikamt Eurostat am Freitag mitteilte und damit eine frühere Schätzung von 12,7 Prozent leicht revidierte.

Nach dem beispiellosen Einbruch von 11,8 Prozent während des Lockdowns im Frühjahrsquartal erholte sich die Konjunktur deutlich.  In Österreich ging es mit 11,1 Prozent bergauf, in Deutschland mit 8,2 Prozent, in Frankreich mit 18,2 Prozent, in Italien mit 16,1 Prozent, in Spanien legte die Wirtschaft um 16,7 Prozent zu.

Quelle: Apa/Ag.

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