Wirtschaft

Sprachen lernen boomt, die Branche kämpft

Der Sprachschulen-Experte Berlitz meldete "vorsorglich" Mitarbeiter zur Kündigung an.

Sprachen lernen boomt, die Branche kämpft SN/castelberry - Fotolia


Wer Erfolg im Beruf haben will, muss auch Fremdsprachen beherrschen. Umso verwunderlicher erscheint es, dass die Sprachschulkette Berlitz in Österreich beim Arbeitsmarktservice rund 20 Mitarbeiter zur Kündigung vorangemeldet hat. Zudem will Berlitz noch heuer die Sprachschule Dorotheergasse in Wien schließen. Der Standort in Wien-Floridsdorf soll in einen Businesspark umziehen und verkleinert werden, die Sprachschulen in Salzburg und Linz werden ebenfalls verkleinert. Anfang Oktober wurde die Geschäftsführerin Ursula Rettinger von Heino Sieberath abgelöst.

Der neue Chef will lieber von "Raumoptimierungen" als von Schließungen sprechen und erklärt, warum. Das Geschäft verändere sich stark, sagt er. Lernen in Großgruppen sei nicht mehr gefragt, stattdessen wünschten die Kunden Individualtraining, zudem wachse der Bereich E-Learning. Das benötige weniger Raum, dafür Investitionen. Das Firmenkundengeschäft stagniert, gleichzeitig wollen die Unternehmen mehr Leistung, wie Bildungskontrollen und Online-Reporting. Und das AMS-Geschäft, auf das Berlitz stark gesetzt hat, ist rückläufig. 2013 musste Berlitz Österreich einen Verlust von 636.000 Euro hinnehmen. Der Umsatz sank um rund fünf Prozent auf 8,7 Millionen Euro.

Die Voranmeldung der Kündigungen beim AMS sei nur eine Vorsichtsmaßnahme, sagt Geschäftsführer Sieberath. Hintergrund ist, dass Berlitz, das zum japanischen Bildungskonzern Benesse gehört und in Österreich 500 Mitarbeiter hat, Altverträge von Trainern in für das Unternehmen günstigere Verträge umwandeln will. "Wir bauen darauf, dass die Trainer unser Angebot annehmen", sagt Sieberath.

Die Branche ist im Umbruch: Immer mehr Lernwillige greifen - gerade wenn es um Sprachen geht - auf Gratiskurse oder billige Angebote im Internet zurück. "Wer weiß, wo er suchen muss, findet im Internet zu so gut wie jedem Thema kostenlose Kursangebote, vom Stricken bis zu Englisch für Chemiker", sagt Martin Ebner, Medieninformatiker an der TU Graz. Gemeinsam mit Sandra Schön von Salzburg Research bietet Ebner seit dieser Woche einen Kurs "Gratis Online Lernen" (imoox.at) an. In acht Lerneinheiten (jede Woche wird eine freigeschaltet) trainiert man, wie man kostenlose Lernangebote im Internet findet und sie am besten nutzt. Der Kurs ist online und kostenlos, versteht sich. "Ziel ist, kostenlose Bildungsangebote über Internet einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich zu machen", sagt Ebner. Über 600 Teilnehmer haben sich bereits angemeldet. Dass kostenlose oder äußerst günstige Online-Kurse klassische Sprachkurse ersetzen, glaubt Ebner nicht. Freilich aber würden sie das derzeitige Lernsystem komplett verändern. "An den Universitäten spüren wir das massiv." Viele Lerninhalte könnten online vermittelt werden, in den Vorlesungen und Seminaren bliebe damit Zeit für Fragen, Diskussion oder praktische Experimente. Ähnliches gelte für Sprachschulen oder Weiterbildung für Erwachsene. Vokabeltraining oder Aufbau eines Grundwortschatzes funktioniere online bestens, meint auch Sandra Schön von Salzburg Research. Um zu sprechen und Gleichgesinnte zu treffen, blieben Präsenzkurse aber wichtig.

Andere Erfahrungen hat Renate Woerle, Leiterin des Wifi in Salzburg, gemacht. "Wir haben die Bedeutung von Online-Kursen in den vergangenen zwanzig Jahren völlig überschätzt. Leute, die eh schon im Beruf den ganzen Tag vor dem Computer sitzen, wollen nicht den Sprachkurs am Abend auch noch online machen, sondern lieber andere treffen und mit ihnen reden", sagt sie. Die Zahl der Sprachschüler sei beim Wifi in den vergangenen Jahren stets gestiegen. Reine E-Learning-Kurse habe man mittlerweile aufgegeben. Freilich nutze man E-Learning massiv als Ergänzung zu den Kursen.

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