Wirtschaft

Statt Eizellen fördern Firmen eine neue Arbeitswelt

In Österreich zahlen Unternehmen Mitarbeiterinnen zwar nicht das Einfrieren ihrer Eizellen, aber sie tun einiges für Frauen und die Vereinbarkeit von Job und Familie. Trotzdem fehlt noch viel.

Statt Eizellen fördern Firmen eine neue Arbeitswelt SN/Jochen Mittenzwey - Fotolia
Der skeptische Blick der beiden passt zur Situation.


Die IT-Unternehmen Apple und Facebook haben mit ihrem Angebot, Frauen das Einfrieren ihrer Eizellen zu bezahlen, damit sie zuerst Karriere machen und später Kinder bekommen können, Konfliktstoff geboten. Bei dem Thema geht es letztlich darum, wie Karriere und Beruf mit Kindern und Familienarbeit zu vereinbaren sind. Kaum ein Unternehmenschef lässt dieses Thema in Ansprachen aus, doch wie sieht die Realität aus?

Nur 43 Prozent der Mitarbeiter in der Privatwirtschaft nehmen die Arbeitszeit als positiv wahr. Das ergab eine repräsentative Studie der L& R Sozialforschung. Mehr als die Hälfte kann Beginn und Ende des Arbeitstages flexibel gestalten, und damit kurzfristig Kinderbetreuungspflichten übernehmen.

Doch ausgerechnet weiblichen Teilzeitbeschäftigten und Alleinerziehenden steht diese Möglichkeit in einem geringeren Ausmaß zur Verfügung. Das ist insofern bedeutend, als Kinderbetreuung nach wie vor hauptsächlich Frauensache ist. Mehr als jede dritte erwerbstätige Person wünscht sich ein ganztägiges Betreuungsangebot, aber nur acht Prozent der Befragten haben eine institutionelle ganztägige Betreuung zur Verfügung.

Zumindest für die Mitarbeiter der Erste Bank in Wien wird sich dieses Problem 2016, wenn man zum neuen Hauptbahnhof übersiedelt, erledigt haben. Dort werde es dann auch einen Betriebskindergarten mit Öffnungszeiten von 7 bis 19 Uhr geben, sagt Diversity-Managerin Vera Budway-Strobach. "Wir reden aber generell von einer neuen Arbeitswelt, in der die Anwesenheitskultur von 9 bis 17 Uhr passé und stattdessen flexibles Arbeiten gefragt ist. Wir versuchen, alles zu unterstützen, was Flexibilität fördert, etwa Arbeiten nach Zielen oder das Schreibtischteilen."

Die Erste Group hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2019 im Topmanagement (Vorstand, Aufsichtsrat, Bereichsleitung) den Anteil der Frauen auf 35 Prozent zu erhöhen. In der Gruppe liegt man derzeit bei 30 Prozent, in Österreich bei 33 Prozent. Aber der Frauenanteil bei der Erste Group insgesamt beträgt 70 Prozent. Um die Ziele zu erreichen, hat die Erste unter anderem Talentförderung, Mentoringprojekte und ein Frauennetzwerk im Programm.

Bianca Schrittwieser, Expertin zum Thema Gleichbehandlung in der Frauenabteilung der Arbeiterkammer in Wien, sagt, das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei in der Beratung eines der wichtigsten. Ein Problem für viele Frauen sei, dass ihnen Arbeitgeber die Elternteilzeit verleiden wollten, etwa durch Versetzungen auf schlechtere Arbeitsplätze. "Hier haben wir im Vorjahr einige Fälle für Frauen vor Gericht gewonnen", sagt die Arbeiterkammer-Expertin. Und auch das Thema Schwangerschaft sei in der Beratung ein Dauerbrenner, sagt Schrittwieser. Die Palette reiche von unzulässigen Fragen nach der Familienplanung bei Einstellungsgesprächen bis zur Kündigung wegen Schwangerschaft in der Probezeit. Das Einfrieren der Eizellen hält Schrittwieser für eine Themenverfehlung. "Die Kinder sind keine Hürde, sondern die Vereinbarkeit soll Beruf und Kinder möglich machen, dazu müssen die Einkommensschere geschlossen, Arbeitszeiten angepasst und Kinderbetreuungsplätze geschaffen werden."

Auch für den Technologieriesen Bosch sind "flexible Arbeitsmodelle, die Wertschätzung von Familienpflichten und der Abbau von Vorurteilen wichtige Stellhebel, um mehr weibliches Führungspersonal zu gewinnen", sagt Österreich-Sprecherin Angelika Kiessling. Bosch habe deshalb Leitlinien festgelegt, die eine flexible Arbeitskultur fördern sollen und in denen familiäre Verpflichtungen genauso wertgeschätzt werden wie das berufliche Engagement. Das ist aber keine Betriebsvereinbarung, sondern ein Handlungsrahmen für Führungskräfte. Bosch bietet mehr als 100 Arbeitszeitmodelle von Jobsharing über Teilzeit bis hin zum Arbeiten von zu Hause an. Zudem ist es möglich, dass Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen anderen karrierefördernden Aktivitäten wie Auslandsaufenthalten gleichgestellt werden.

Welchen Einfluss die Unternehmenskultur auf das Thema Arbeit und Familie hat, zeigen etwa die Zahlen des Energieversorgers Salzburg AG. Heuer waren dort 23 Frauen und zehn Männer in Karenz, 2010 lag das Verhältnis noch bei 24:3. Die Väterkarenz wird bei der Salzburg AG aktiv angeboten. Darüber hinaus können Mitarbeiter warmes Essen aus der Kantine mit nach Hause nehmen, flexibles Arbeiten oder Homeoffice sind ebenfalls möglich.

Auch im Verbund-Konzern will man mehr Frauen haben, vor allem im technischen Bereich. Deshalb werden selbst karenzierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingebunden, um sie auf dem Laufenden zu halten und den Wiedereinstieg nach der Karenz zu erleichtern. Zudem nimmt der Verbund am Töchtertag teil, wo Mädchen für Technik interessiert werden sollen, oder vergibt Frauenstipendien an der Technischen Uni in Wien.

Die Bundesvorsitzende von Frau in der Wirtschaft, Adelheid Moretti, sieht ein "Bewusstsein der Betriebe dafür, dass sich Familienfreundlichkeit und Frauenförderung lohnt". Um die Betriebe dabei zu unterstützen, hat die Wirtschaftskammer das Handbuch Vereinbarkeit Familie und Beruf herausgegeben. Es soll zeigen, wie Familienfreundlichkeit im Betrieb umgesetzt werden kann. Als ein großes Problem erachtet Moretti das fehlende Kinderbetreuungsangebot, vor allem was die Flexibilität bei den Öffnungszeiten anbelangt. Besonders in den Ferien und an den Tagesrandzeiten seien sie nicht an die heutigen Gegebenheiten angepasst, sagt sie. Auffallend ist auch, dass größere Betriebe bei flexiblen Arbeitszeiten und Angeboten für Vereinbarkeit von Arbeit und Familie eher mehr anbieten als kleinere.

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