Warum viele doch noch etwas zu verschenken haben

Trotz aller Unkenrufe: Offenbar ist es ein menschliches Bedürfnis, mit seinem Geld zumindest symbolisch zu helfen.

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Wirtschaft | National & International Helmut Kretzl

Es ist interessant zu sehen, dass auch in Zeiten von "Geiz ist geil" zwei Drittel der Österreicher Geld spenden - für die unterschiedlichsten Ziele, letztlich aber für einen guten Zweck. Das Spendenaufkommen erreicht 2016 voraussichtlich einen Rekordwert von 625 Mill. Euro. Warum liegt Spenden also unverändert im Trend, auch heute, wo für viele die eigene wirtschaftliche Situation keineswegs rosig ist, die Arbeitslosigkeit Rekordwerte erreicht und auch geopolitische Entwicklungen Anlass zur Sorge bieten?

Das Thema Flüchtlinge war offenbar für die Hälfte der Zuwächse bei heimischen Spendengeldern verantwortlich. Das liegt an der Betroffenheit, die viele Bilder, TV-Beiträge oder persönliche Begegnungen ausgelöst haben. Aber das allein erklärt weder den Anstieg noch die allgemeine Spendenbereitschaft. Meinungsforscher sehen einen bunten Strauß an Motiven für die Spendenfreudigkeit. Das reicht von Solidarität mit Armen und Schwachen bis hin zu tragischen Einzelschicksalen oder schlicht Mitleid und Betroffenheit durch die Not anderer. Vielfach spielen auch ethische Gründe eine wesentliche Rolle. Gut ein Drittel spendet aus weltanschaulicher Überzeugung, ein Viertel nennt religiöse Motive.

Und rund ein weiteres Drittel versteht seine Spende pragmatisch als Ersatz für fehlende staatliche Unterstützung der Bedürftigen. Viele Mehrfach nennungen zeigen, wie sehr sich diese Gründe
überlappen und vermischen.

Aus wirtschaftlicher Sicht sind Spenden interessant, weil sie der herkömmlichen wirtschaftlichen Logik widersprechen. Da gibt jemand Geld aus, ohne etwas dafür zu bekommen. Offenbar ist es ein menschliches Grundbedürfnis, mit seinem Geld nicht nur egoistisch eigene Ziele zu verfolgen, sondern auch der Gesellschaft etwas zu geben. Man könnte es einen Beitrag zur Verbesserung der Welt nennen, jenes Geld, das professionellen Hilfsorganisationen die Mittel in die Hand gibt, konkrete Verbesserungen zu bewirken. Das Wissen, dass das auch heute noch geschieht, gibt Mut. Und es gibt den Spendern das gute Gefühl, Kriegen, Not und Elend auf der ganzen Welt nicht völlig hilflos gegenüber zustehen, sondern zumindest symbolisch einen kleinen Beitrag leisten zu können - und sei es nur eine Stelle hinter dem Komma.

Der Rekordwert bei den Spenden ist nicht unbedingt ein Anlass, sich zufrieden auf die Schulter zu klopfen. Das reiche Österreich liegt klar hinter vergleichbaren Ländern in Westeuropa.


Aufgerufen am 13.11.2018 um 05:01 auf https://www.sn.at/wirtschaft/warum-viele-doch-noch-etwas-zu-verschenken-haben-842008

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