Wirtschaft

Alitalia-Neustart: Luftfahrt auf italienisch

Vier Angebote privater Investoren liegen in Rom für einen Einstieg bei der verlustträchtigen Alitalia vor. Am Grundproblem wird sich nichts ändern, sagt ein Experte.

Die einstige Staatsairline hat das letzte Mal vor 15 Jahren Gewinn gemacht. SN/afp
Die einstige Staatsairline hat das letzte Mal vor 15 Jahren Gewinn gemacht.

Wer will eine Fluglinie kaufen, die täglich geschätzt 700.000 Euro Verlust macht? Diese Frage beschäftigt die Regierung in Rom, seit die Alitalia 2017 zum dritten Mal binnen zehn Jahren insolvent und vom Staat - mit 900 Millionen Euro Kredit - aufgefangen und weitergeführt wurde. Die Antwort sollte am Montagabend fallen. Und nach allem, was sich im Vorfeld abgezeichnet hat, wird die neue Konstruktion "nur die Misere um zwei, drei Jahre verlängern", wie der deutsche Luftfahrtexperte Horst Findeisen vom Beratungsunternehmen UNEX Group sagt. Denn in der Gestalt, wie sie ist, "hat Alitalia keine Chance, profitabel zu werden".

Doch laut italienischen Medien sieht der Plan der Regierung aus rechter Lega und populistischer Fünf-Sterne-Bewegung keine gravierenden Einschnitte vor, eher das Gegenteil: 35 Prozent der Anteile an der neuen Alitalia sollen bei den staatlichen Eisenbahnen Ferrovie dello Stato (FS) bleiben und 15 Prozent in der Hand des Finanzministeriums. Die andere Hälfte soll an private Investoren gehen, wobei an zehn bis 15 Prozent davon der US-Carrier Delta Airlines interessiert sein soll. Die Suche nach einem weiteren Investor für die restlichen 35 bis 40 Prozent gestaltete sich schwierig. Die Frist für Angebote wurde immer wieder verlängert.

Am Montag gab Vizepremier und Industrieminister Luigi Di Maio bekannt, dass vier Angebote eingelangt seien: von Atlantia, der Infrastrukturholding der italienischen Unternehmerfamilie Benetton, von der italienischen Baugesellschaft Toto mit Carlo Toto, Gründer der erfolglosen Air One, vom kolumbianisch-brasilianischen Multimillionär German Efromovich, Mehrheitsaktionär von Airline Avianca, und vom römischen Unternehmer Claudio Lotito, Eigentümer des Fußballclubs Lazio Rom.

Ein Einstieg der Benetton-Familie bei Alitalia würde nicht ganz freiwillig erfolgen, wird in Italien spekuliert. Hintergrund könnte der Einsturz der Autobahnbrücke bei Genua 2018 sein, denn die zuständige Autobahngesellschaft Autostrade per l'Italia gehört zum Konzern. "Atlantia ist ein starker Partner. Seine Beteiligung an Alitalia wäre wünschenswert", sagte Wirtschaftsminister Giovanni Tria.

Die AUA-Mutter Lufthansa ist nicht unter den Bietern. Sie wollte nur das Fluggeschäft von Alitalia übernehmen, ohne Bodenpersonal und Unternehmenszentrale - und keine staatliche Einmischung.

"Solange der Staat Eigentümer bleibt, sehe ich kein Licht am Horizont", sagt Findeisen - obwohl Italien mit dem Wirtschaftsraum Mailand, mit Rom und Vatikan und seiner geografischen Lage ein attraktiver Markt bleibe. Mit der bestehenden Kostenstruktur könne Alitalia mit Billigfliegern wie Ryanair oder Easyjet nicht mehr mithalten. Die Airline beschäftigt 11.600 Mitarbeiter und hat zuletzt vor 15 Jahren Gewinn eingeflogen. Zudem sei in Europa "eine Konsolidierung in der Luftfahrt überfällig", sagt Findeisen. "Der Trend ist nicht zu Ende."

Die EU-Kommission hat bei den Milliarden an Zuschüssen für die marode Alitalia bisher immer ein Auge zugedrückt. Und könnte es aufgrund des politischen Drucks aus Rom wieder tun.

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