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Bei Volkswagen geht es ans Eingemachte

Lange Jahre wurde darüber geredet, wie bei Volkswagen die Kernmarke wieder fit gemacht werden soll. Geholfen hat es wenig - jetzt muss inmitten der größten Krise des Konzerns am offenen Herzen operiert werden. Zehntausende Stellen fallen weg.

Bei Volkswagen geht es ans Eingemachte SN/AFP/TOBIAS SCHWARZ
Symbolbild

Es geht ans Eingemachte. Seit Monaten haben die Beteiligten in Wolfsburg um ein Regelwerk gerungen, das schon mit seinem Namen die Weichenstellung sein soll für die kommenden Jahre. Und das Ergebnis macht klar, warum Arbeitnehmer und VW sich auf den letzten Metern so schwer getan haben. Bis zu 30.000 Stellen sollen in den kommenden Jahren weltweit wegfallen, die Kosten um fast 4 Mrd. Euro pro Jahr sinken. Allein in Deutschland stehen 20.000 Stellen zur Disposition - der Abbau soll sozialverträglich geschehen, betriebsbedingte Kündigungen wird es nicht geben. Der Betriebsrat hatte schon vor Beginn der Verhandlungen rote Linien gezogen.

Doch VW muss sparen und gleichzeitig in neue Technologien investieren, um den Anschluss nicht zu verlieren. Ein Drahtseilakt unter Zeitdruck. Vieles stand auf dem Prüfstand, aber am VW-Fundament sollte nicht gerüttelt werden. Teilnehmer beschreiben die Gespräche als zäh, hart, aber insgesamt sehr fair. Die Lage für VW ist allerdings auch ernst, die Probleme sind groß. So groß, dass das Herz des Konzerns an der Belastungsgrenze operiert. Die Kernmarke VW Pkw mit den Verkaufsschlagern Golf, Tiguan und Passat balanciert nicht erst seit der Abgasaffäre gefährlich nah an der Verlustzone.

Von 100 Euro Umsatz blieben in den ersten neun Monaten nur rund 1,60 Euro als Gewinn vor Zinsen und Steuern hängen - zu wenig für das Aushängeschild des Konzerns. Die großen Gewinne fahren im VW-Konzern andere ein. Dass die Premiumschlitten von Porsche und Audi lukrativer sind, liegt auf der Hand. Aber selbst die Konzerntochter Skoda glänzt im Vergleich zu VW mit seiner Gewinnkraft.

Der Streit um das Warum hat Tradition im Konzern: Wessen Entwicklungsleistungen kommen allen zugute, welche gemeinsamen Kosten werden welcher Marke allein angelastet? Hinter den Kulissen soll es deswegen erneut gekracht haben. Der Stresstest Dieselkrise ist der Solidarität unter den bisher zwölf Marken des Konzerns scheinbar nicht sehr zuträglich.

Um ein Kammerflimmern in Wolfsburg zu vermeiden, haben Belegschaft und Unternehmen nun den Zukunftspakt geschnürt - doch ohne Schmerzen wird das nicht gehen. In Wolfsburg glaubt man nun, den Ausweg durch einen Personalabbau gefunden zu haben, der sich die zahlreichen Babyboomer an der Altersteilzeitgrenze zunutze macht. Sie sollen für Entlastung sorgen, wenn sie Frühpensionen oder Teilzeit in Anspruch nehmen. Ob die Sparbemühungen reichen, das bezweifeln viele. Schon Ex-Chef Martin Winterkorn hatte in seinem Effizienzprogramm vor zwei Jahren 5 Mrd. Euro als Einsparziel ausgerufen. Genutzt hat es bis jetzt wenig.

Ehemalige Sanierungsfälle wie der französische Rivale PSA Peugeot Citroen mussten ebenfalls durch eine Rosskur, Zehntausende Jobs fielen ihr zum Opfer. Nicht alle Werke kamen durch. Mittlerweile zeigen aber auch die Franzosen VW bei der Rendite die Rücklichter.

Wichtig wird sein, wie VW die Einsparungen nutzt, wie das Geld investiert wird - in Ausbildung, Fortbildung, neue Technologien. Auch deshalb galt der Zukunftspakt den Managern in Wolfsburg als Voraussetzung, um in der neuen Budgetrunde des Aufsichtsrats die Investitionen für die kommenden fünf Jahre festzuzurren.

Zu gewaltig sind die Verwerfungen, die den Autobauern bevorstehen. 2025 könnte der Anteil von E-Autos nach Vorstellungen von VW - aber auch von Daimler und BMW - bis zu rund ein Viertel der Neuwagen ausmachen. E-Antriebe gelten als weniger arbeitsintensiv. Das trifft die Branche gleichermaßen. Doch kaum ein Autobauer geht mit einem so schweren Handicap wie Volkswagen ins Rennen. Der VW-Konzern mag die Milliardenkosten der Dieselkrise schultern können - aber um welchen Preis?

Spar- und Umbauprogramme bei VW

VW hat bereits mehrere Spar- und Umbauprogramme hinter sich. Mit ihnen reagierte Europas größter Autohersteller teils auf interne Krisen, teils auf neue Herausforderungen für die gesamte Branche. Die drei bekanntesten Beispiele in der Übersicht:

1993: Im Jahr des Amtsantritts des späteren VW-Patriarchen Ferdinand Piëch als Vorstandschef steckt der Konzern in einer tiefen Krise. Er produziert im Vergleich mit der globalen Konkurrenz viel zu teuer, es droht die Kündigung von bis zu 30.000 Beschäftigten.

Peter Hartz, von Piech eingestellter Personalvorstand und späterer Entwickler der Arbeitsmarktreformen der Regierung Schröder, kann den Kahlschlag abwenden. Er führt in enger Abstimmung mit dem Betriebsrat und der IG Metall unter anderem die Vier-Tage-Woche bei Volkswagen ein - eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich. Auch der umstrittene "Kostenkiller" und Ex-General-Motors-Manager Jose Ignacio Lopez bringt den verlustreichen Konzern finanziell wieder auf Kurs.

2006: Die Hauptmarke Volkswagen-Pkw fährt chronisch niedrige Erträge ein - eine deutliche Parallele zur heutigen Lage. Nach monatelangen Verhandlungen zum neuen Haustarifvertrag bei VW einigen sich die Parteien auf eine Abkehr von der Vier-Tage-Woche. Als Gegenleistung für die wieder deutlich längeren Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich verlangt die IG Metall vom Unternehmen verbindliche Zusagen für die langfristige Zukunft der sechs westdeutschen Werke.

Nachdem Kernmarken-Chef Wolfgang Bernhard mit Stellenstreichungen und Produktionsverlagerungen gedroht hat, verlässt er den Konzern. VW kann dennoch die Kosten senken und die Wettbewerbsfähigkeit steigern.

2016: Nach Jahren satter Gewinne dümpelt die Marke mit dem VW-Emblem - gemessen an der Marge (Anteil des Gewinns am Umsatz) - im Branchenvergleich erneut vor sich hin. Zugleich muss der Gesamtkonzern die Milliardenlasten des Abgasskandals verdauen und sich stärker auf die Zukunftsthemen der Branche konzentrieren.

Der "Zukunftspakt" soll daher den Spardruck, den Umbau in Richtung E-Mobilität, Digitalisierung und Dienstleistungen sowie das Interesse der Belegschaft an sicheren Jobs und Standorten in die Balance bringen. Nach Monaten des Ringens steht fest: Dies wird nicht ohne Zugeständnisse bei den Jobs gehen. 30.000 Stellen sollen weltweit bis 2020 auslaufen, Kündigungen gibt es aber nicht.

Quelle: Apa/Dpa

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