Wirtschaft

"Corona ist fürs Klima zu 80 Prozent Chance"

Ökonom Martin Stuchtey glaubt an eine Systemwende. Warum die Pandemie Europas Wirtschaft grüner machen kann.

 SN/Maridav - stock.adobe.com

"Das jetzige Wirtschaftsmodell ist überholt", sagt Martin Stuchtey, Professor an der Uni Innsbruck und Unternehmer. Was es jetzt braucht? Unter anderem ein Datum für den Verkaufsstopp von Verbrennern - und mehr Ehrlichkeit in der Politik.

Ihr Lebenslauf ist bunt: Sie waren bei den Gebirgsjägern, Geologe in Afrika, Berater bei McKinsey und nun sind Sie Wirtschaftswissenschafter und Unternehmer. Wie kommt es, dass Sie sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben? Martin Stuchtey: Ich bin naturnahe groß geworden. Als Geologe habe ich mir beim Blick auf die Tagebaue irgendwann die Frage gestellt: Kann das dauerhaft unser Modell sein? Bei McKinsey hat sich durch den Aufbau der Nachhaltigkeitsabteilung die Möglichkeit eröffnet, Ressourcen- und Klimaschutz zu meiner Profession zu machen.

Was hat Corona Sie gelehrt? Es hat den Blick geschärft für die Dinge, die wichtig sind: Familie, Gesundheit, Ernährung, Orte. Die Pandemie hat mich vielen Menschen über die Distanz nähergebracht, weil man merkt, dass das eigene Schicksal mit dem von anderen verbunden ist. Und es hat auf einer politischen Deutungsebene gelehrt, mit welchen großen Risiken das jetzige Wirtschaftsmodell verbunden ist. Die Pandemie ist auch Ausdruck, dass wir unser Verhältnis zur Natur neu definieren müssen. Corona hat auch eine Aufbruchstimmung erzeugt. Ich glaube, wir sind erstmals an einem Punkt, an dem wir die innere Haltung, aber auch die politischen Möglichkeiten haben, das zu machen, was wir schon lange hätten machen sollen: eine Systemwende einzuleiten.

Inwiefern? Dass wir völlig neu definieren, was Wohlstand ist. Einer, der nicht nur materiell, sondern auch ideell gedeutet wird. Wir haben über die großen, umfänglichen Hilfsfonds die Möglichkeit, in die Industrien und Technologien zu investieren, die wir für die Zukunft brauchen.

Anfang 2020 war der Klimawandel das beherrschende Thema. Seit einem Jahr ist es Corona. Schadet die Pandemie dem Klimaschutz nicht? Ich glaube, Corona ist in Bezug auf das Klima zu 80 Prozent Chance und nur zu 20 Prozent eine Ablenkung. Es ist richtig, dass wir lange keine Fridays-for-Future-Demonstrationen mehr gesehen haben und in Summe die Aufmerksamkeit auf die Pandemie gelenkt wurde. Aber strukturell sind wir jetzt in einer besseren Situation. Die Klimapolitik hat jetzt größere Chancen als vor Corona. Da bin ich optimistisch.

Warum? Nicht wegen des oberflächlichen Arguments, dass wir wegen der erzwungenen Konjunkturbremse weniger Klimagase ausgestoßen haben. Das würde heißen, dass wir 30 Pandemien brauchen bis 2050, um unsere Klimaziele zu erreichen. Jeder versteht, dass das weder wünschbar noch realistisch ist. Wenn schon dieser konjunkturelle Einbruch uns gerade einmal, mit allen Einschränkungen und Opfern, auf Kurs in Richtung unserer Klimaziele bringt, kann das nicht das langfristige Modell sein. Jetzt geht es darum, einen intelligenten Neubau der Sektoren Energie, Industrie, Landwirtschaft, Infrastruktur und Mobilität herbeizuführen. Wir dürfen uns das eher zutrauen als vor Corona.

Die Gefahr, dass man zurück in alte Muster verfällt und diese Entscheidungen verschiebt, sehen Sie nicht? Die Gefahr besteht in der Tat und es ist die politische Schlacht unserer Tage. Aus rein unternehmerischer Sicht müssen wir uns wünschen, dass wir schnell in die neuen Technologien gehen. Ansonsten haben wir nicht nur klimapolitisch einen Fehler gemacht, sondern auch zehn Jahre Wettbewerbsfähigkeit verloren, weil wir wieder auf alte Lösungen, alte Verbrennungsmotoren oder alte Energieerzeugungsanlagen gesetzt haben.

Geht ein Umbau ohne Verlierer? Das ist die zentrale Frage. Man kann nett über die große Disruption reden. Aber am Schluss muss man sich auch die Frage stellen: Was ist mit den Menschen, die disrumpiert werden? Also mit jenen, die auf der Strecke bleiben? Natürlich wird es Industrien geben, die Mitarbeiter abbauen werden. Und andere, die mehr Mitarbeiter brauchen. Da muss die Gesellschaft Übergangsregelungen schaffen und in Weiterbildung investieren. Damit das funktioniert, müssen wir den Wandel planbar machen und klare Fristen setzen. Dann gelingt der Übergang besser, weil wir als Gesellschaft wissen, was auf uns zukommt.

Gemeinsam mit anderen EU-Ländern hat Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) von der Kommission eben erst per Brief ein Datum für den Verkaufsstopp von Verbrennern gefordert. Das kam bei Industrie und Koalitionspartner nicht gut an. Das ist ein gutes Beispiel. Es ist absehbar, dass es ab 2030 keinen Markt für Verbrennungsmotoren - zumindest in den wichtigen Passagiersegmenten - mehr geben wird. Der Mobilitätssektor wird weiter wachsen und bleibt hochattraktiv, doch die Herstellung von Verbrennungsmotoren wird einen immer kleineren und dann schwindenden Wertschöpfungsanteil ausmachen. Jetzt können wir, weil wir uns die Trendwende nicht zutrauen und Angst vor den politischen und wirtschaftlichen Folgen haben, die Laufzeiten deutlich verlängern. Das wird dann zu klaren Wettbewerbsnachteilen führen, weil andere - etwa China - viel konsequenter auf Elektrifizierung, andere neue Antriebe und neue Mobilitätslösungen gesetzt haben. Besser wäre, die Phase der Unsicherheit kurz zu halten. Dazu gehört ein politisches Signal, welches die Chancen betont: Das ist die Zukunft, und es wird eine Plus-Welt, keine Minus-Welt. Unsere Städte werden attraktiver, Mobilität wird günstiger, wir haben besseres Essen. Wir haben eine Energiewirtschaft, die weniger abhängig ist von außen. Wenn uns das gelingt, ist auch der Übergang leichter. Derzeit nähren wir politisch aber eher die Ängste als die Zukunftslust.

Wie schätzen Sie die Haltung Österreichs dabei ein? Österreich verpasst eine Chance. Das Land hat viele gute strukturelle und kulturelle Voraussetzungen, bei neuen nachhaltigen Lösungen groß mitzuspielen. Und Österreich hätte als kleines Land, das ja eine Neigung dazu hat, sich selbstbewusst im europäischen Konzert zu geben, eine klare Positionierungschance. Das ist politisches Kapital, das derzeit nicht abgerufen wird. Der Klimawandel ist das bestimmende Narrativ der nächsten Jahrzehnte. Die einzige Alternative ist, anderen das Feld zu überlassen und am Schluss keine markttauglichen Lösungen anbieten zu können.

In Europa wird das Thema Lieferkettengesetz diskutiert. Wie sehen Sie das? Das ist ein heißes Eisen, das hart umkämpft ist. Ich denke, dass die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards auch im Ausland eine Pflicht ist, die nur der Produzent erfüllen kann. Der Konsument kann es nicht richten. Wenn wir es schlau machen, werden das keine Bürokratiemonster, sondern intelligente Marktregeln. Meine Recherchen zeigen, dass Unternehmen in Ländern mit klaren Umwelt- und Sozialstandards langfristig im Vorteil und nicht im Nachteil waren. Es gibt sicher viele Fachfragen, die diskutiert werden müssen. Aber wir als Unternehmen, wir als Europa, können nicht sagen, dass wir verantwortungsbewusst handeln und gleichzeitig Instrumente wie Lieferkettengesetze ablehnen.


Zur Person:Der deutsche Wirtschaftswissenschafter Martin Stuchtey (52) lehrt an der Uni Innsbruck nachhaltiges Ressourcenmanagement. Er ist Mitgründer der Innovationsschmiede Systemiq. Stuchtey ist verheiratet, hat sechs Kinder und lebt am Starnberger See und auf seinem Biobauernhof in Osttirol. Der Ökonom war beim Ressourcenforum in Salzburg virtuell zu Gast.

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Aufgerufen am 20.10.2021 um 01:14 auf https://www.sn.at/wirtschaft/welt/corona-ist-fuers-klima-zu-80-prozent-chance-101387047

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