Wirtschaft

Der digitale Spalt in der Gesellschaft

Menschen ohne Internet oder Smartphone, vor allem ältere, sind zunehmend abgehängt. Das ist ein Thema für die Gesellschaft und die Wirtschaft.

Technologie verwenden zu können, ist eine gute Vorbereitung fürs Alter. FOTOLIA SN/fotollia
Technologie verwenden zu können, ist eine gute Vorbereitung fürs Alter. FOTOLIA

Die Generation 60 plus in Österreich nutzt das Internet viel weniger als die Alterskollegen in anderen Ländern. Noch dazu geht die Schere zwischen Männern und Frauen mit zunehmendem Alter noch weiter auf. Bei der jüngsten Erhebung der Statistik Austria gaben 28,7 Prozent der Männer an, noch nie das Internet genutzt zu haben, bei den Frauen waren es 51,8 Prozent. Nur 20 Prozent der Menschen über 60 Jahren und die Hälfte der Über-50-Jährigen verwenden ein Smartphone.

Das alles will die neue Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck ändern. Denn das Abgehängtsein ganzer Bevölkerungsgruppen ist nicht nur ein wesentlicher wirtschaftlicher Faktor, sondern hat gesellschaftliche Relevanz. Menschen ohne Internetzugang und zunehmend jene ohne Smartphone werden immer öfter vom sozialen Leben ausgeschlossen.

Wenn man ohne App keine Fahrscheine mehr lösen und ohne Smartphone die Parkgebühr nicht mehr zahlen kann, die neue Waschmaschine erst einmal eine App benötigt, um in Gang gebracht zu werden, sieht man, wie weit die Gesellschaft mittlerweile von Smartphones durchdrungen ist. Aber eben nur ein Teil der Gesellschaft.

"Digitalkompetenzen sind eine zentrale Kulturtechnik im 21. Jahrhundert, um sich selbstbestimmt und verantwortungsvoll in der digitalisierten Welt bewegen zu können", sagt Hannes Schwaderer, Präsident der Initiative D21. Der Verein aus Berlin engagiert sich seit beinahe 20 Jahren dafür, den Diskurs zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zu verbessern.

Mit den Bemühungen, Ältere ins digitale Boot zu holen, rennt man beim einzigen österreichischen Handy-Hersteller, Emporia, offene Türen ein. Denn das mit Seniorenhandys bekannt und groß gewordene Unternehmen aus Linz ist mittlerweile selbst in die Smartphone-Straße eingebogen. Hatte man mit dem ersten Smartphone dank Tastaturflappe noch einen Mix aus Tasten- und Smartphone auf den Markt gebracht, ist das neue ein reines Smartphone - aber für Senioren. "Und ich sage bewusst ,Senioren' und nicht ,Silver Ager' oder andere Kunstnamen", sagt Geschäftsführerin und Eigentümerin Eveline Pupeter. Warum Ältere überhaupt andere Smartphones benötigen sollen, begründet Pupeter damit, dass die heute Älteren, die eben nicht mit Internet und Smartphone aufgewachsen sind, oft mit herkömmlichen Smartphones und ihren unzähligen technischen Möglichkeiten überfordert sind. Für Pupeter ist das Mobiltelefon als Hardware nur eine Säule von mehreren. "Klar müssen wir die Benutzeroberfläche so gestalten, dass das Gerät einfach zu bedienen und übersichtlich ist." Bei Emporia gibt es daher statt einer Vielzahl an Anwendungen nur die wichtigsten Funktionen wie Telefon, Kamera oder Internet auf dem 5-Zoll-Display. Doch ebenso wichtig seien Wissenstransfer und Schulungen, sagt Pupeter.

Emporia bietet daher in Kooperation mit Volkshochschulen sowie dem Elektronikhändler Hartlauer Kurse für Smartphone-Einsteiger an, zudem wurde ein eigenes, verständlich aufgebautes Trainingsbuch entwickelt. Auch der Service hat mit herkömmlichen Hotlines wenig zu tun: "Wenn ein Kunde anruft und nicht weiß, was eine SIM-Card ist, weil er die bisher nicht gebraucht hat, dann braucht man eine spezielle Kommunikation, um ihn zu führen", erklärt Pupeter.

Dass Smartphones für Ältere ein Riesenmarkt sind, lässt sich an Fakten ablesen. 2030 werden in Europa 100 Millionen Menschen über 60 Jahre alt sein. Allein in Deutschland gehören 18 Millionen Menschen (26 Prozent der Bevölkerung) laut Untersuchung von Kantar TNS (früher TNS Infratest) zu den digital Abseitsstehenden, die kaum oder sehr wenige Digitalkompetenzen haben.

In Österreich verkauft Emporia jedes Jahr noch immer 150.000 Tasten-Seniorenhandys - diese Zahl ist stabil. Der österreichische Gesamtmarkt für diese Tastengeräte ist doppelt so groß und entspricht einem Marktanteil bei Handys von rund zehn Prozent. "Wenn allein wir in Österreich 150.000 Handys mit Tasten verkaufen, dann sehen wir, dass es hier einen Bedarf gibt", sagt Pupeter. "Und diese Menschen würden auch gerne ein Smartphone haben, wenn man sie befähigt, damit umzugehen." Die Firmenchefin erwartet, dass im Jahr 2020 bereits zwei Drittel ihres Umsatzes von derzeit rund 30 Millionen Euro mit Smartphones für Ältere gemacht werden, derzeit sind es nur fünf Prozent. "Das Wachstum bei Mobiltelefonen findet derzeit in der Generation der Älteren statt."

Die Sorge, dass die heute mit Smartphones aufgewachsene Generation dann im Alter keine speziellen Handys mehr braucht, hat Pupeter nicht. Denn unabhängig davon, ob junge Menschen gelernt haben, mit Smartphones umzugehen, wird auch ihre Sehkraft im Alter schwächer beziehungsweise verliert die Haut an Feuchtigkeit. Das macht Probleme beim Bedienen von Touchscreens. Darum kann man mitunter ältere Menschen im öffentlichen Raum beobachten, die nervös auf Touchscreens hämmern. Die reagieren nicht, weil die Fingerkuppen zu trocken sind. Zudem zeigt die Forschung, dass Ältere auf Apps eher schräg mit dem Finger statt gerade tippen und dann noch eine kleine Bewegung hinzufügen. Bei kleinen App-Feldern wird das zum Problem. Professor Klaus Miesenberger von der Universität Linz sagt, die beste Vorbereitung auf ein selbstständiges und unabhängiges Leben im Alter sei, diese einfachen und universellen Elemente nutzen zu können. "Wir wissen, dass Technologien überall Verwendung finden. Sie bedienen zu können ist die beste Vorbereitung darauf, was immer kommen mag."

Neben Universitäten und Fachhochschulen zapft Emporia auch die Zielgruppen selbst an, um mehr über Ältere zu erfahren. Alle Produkte bis hin zu den Übungsbüchern testet das Unternehmen in kleinen Gruppen mit Älteren. Die nächste Stufe beim oberösterreichischen Handyhersteller wird der Einstieg in die Software sein. In der Pipeline stecken Applikationen für Ältere. Das Thema dabei wird Hilfe für ein selbstbestimmtes Leben sein. Details dazu will das Unternehmen im Februar beim Mobile World Congress in Barcelona präsentieren. Derzeit sind die Hauptmärkte von Emporia Österreich, die Schweiz, Deutschland, Frankreich, die Benelux-Länder, die nordischen Länder und Osteuropa.

Eveline Pupeter über Smartphones für Senioren

Aufgerufen am 23.09.2018 um 08:38 auf https://www.sn.at/wirtschaft/welt/der-digitale-spalt-in-der-gesellschaft-23154256

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