Wirtschaft

Der Kika/Leiner-Mutterkonzern steht vor dem Abgrund

Der Möbelriese Steinhoff taumelt, die Aktie befindet sich im freien Fall. Das Schicksal des Handelskonzerns liegt in den Händen der Banken - auch das der Österreich-Tochter Kika/Leiner.

Der Kika/Leiner-Mutterkonzern steht vor dem Abgrund SN/APA/HELMUT FOHRINGER
Der Kika/Leiner-Mutterkonzern steht vor dem Abgrund

Der Kika/Leiner-Mutterkonzern Steinhoff steht vor dem Abgrund, und Österreich ist in die Krise des Wirtschaftstankers stärker involviert als bisher bekannt. Nicht nur, dass Kika/Leiner in Österreich seit vier Jahren zum Imperium mit 130.000 Beschäftigten in mehr als 30 Ländern gehört, sind auch Österreichs Banken mit einer halben bis Dreiviertelmilliarde Euro an Krediten und Kreditlinien bei Steinhoff engagiert. Um dieses Geld bangen nun die Banken.

Am Mittwoch sind die Aktien des Möbelriesen auf ein Rekordtief gefallen. Die Papiere sackten um weitere 30,5 Prozent ab und kosteten 0,32 Euro je Aktie. Auf dem Rekordhoch vom August 2016 hatten die MDAX-Papiere noch mehr als sechs Euro gekostet. Die Gläubiger entziehen dem Unternehmen zunehmend die Unterstützung, dazu kommt die anhaltende Ungewissheit über das wahre Ausmaß des Bilanzskandals. Denn Steinhoff mit niederländischer Rechtsform und operativem Sitz in Südafrika befindet sich seit Anfang Dezember in einer schweren Krise, nachdem wegen Unregelmäßigkeiten in der Konzernbilanz ermittelt wird.

Bei einer Konferenz mit den kreditgebenden Banken in London erklärte Steinhoff am Dienstag, dass sich die ausstehenden Verbindlichkeiten auf 10,7 Mrd. Euro belaufen, rund 4,8 Mrd. Euro entfallen auf die Steinhoff Europe AG. Und die sitzt wie die Steinhoff Finance Holding GmbH im niederösterreichischen Brunn am Gebirge (siehe Grafik).

Die Holding hat Wandelschuldverschreibungen im Nominale von 2,68 Mrd. Euro ausgegeben, die zwischen 2021 und 2023 fällig werden. Von den knapp 4,8 Mrd. Euro der Steinhoff Europe AG entfallen 1,57 Mrd. Euro auf Anleihen sowie Schuldscheine, das Volumen der syndizierten Kredite beläuft sich auf 2,65 Mrd. Euro, dazu kommen 550 Mill. Euro bilaterale Kredite. Zusammen haften also Kredite von 3,2 Mrd. Euro aus, die eingeräumten Linien belaufen sich auf 4,2 Mrd. Euro. In den Unterlagen, die Steinhoff den Banken präsentierte, werden auch die Kredite an die jeweiligen Landesgesellschaften aufgelistet, die der Europe AG unterstehen. Bei Kika/Leiner beträgt der Rahmen vergleichsweise niedrige zehn Mill. Euro, er ist aktuell um drei Mill. Euro überzogen. Die größte Einzelposition entfällt auf die französische Landesgesellschaft Conforama mit 55 Mill. Euro. Insgesamt weisen die unter dem Dach der Finance Holding in Österreich, Europa und Australien ansässigen Gesellschaften Verbindlichkeiten von 8,55 Mrd. Euro aus, das sind 80 Prozent der 10,7 Mrd. Euro Schulden, die der Gesamtkonzern vor sich herschiebt.

Bei Kika/Leiner mit 50 Möbelhäusern und rund 6000 Mitarbeitern in Österreich sagt Geschäftsführer Gunnar George: "Wir stehen mitten im Weihnachtsgeschäft, das zu unserer Zufriedenheit läuft. All unsere Kräfte und unser Engagement sind darauf ausgerichtet." Besorgniserregend stimmt die Aussage der Konzernführung vom Dienstag, wonach man keine detaillierte Übersicht über den Cashflow in den individuell operierenden Gesellschaften habe, die Gesellschaften sind aber vom Konzern abhängig. Bloomberg News zog wegen der Vorgänge sogar den Vergleich zu Enron. Der Energiekonzern hatte 2001 wegen Bilanzfälschungen einen der größten Unternehmensskandale in den USA verursacht.

Offizielle Statements der Banken zu Steinhoff sind rar. Günther Reibersdorfer, Chef von Raiffeisen Salzburg, sagte, man sei Teil einer Syndizierung im Sektor und bei Steinhoff über ein Schuldschein-Darlehen mit 5 Mill. Euro engagiert. "Das wird uns nicht sonderlich belasten." Doch in der Branche ist man besorgt. Neben Raiffeisen sind die Bank Austria und die Sparkasse Oberösterreich/Erste Group stärker bei Steinhoff engagiert - alle Banken zusammen in besagter Größenordnung von 500 bis 750 Mill. Euro.

Als Erklärung geben Banker an, man habe Kika/Leiner schon als Kunden gekannt, bevor Steinhoff der neue Eigentümer wurde. Die Bonität und der Ruf von Steinhoff seien "zumindest auf dem Papier" hervorragend gewesen. Davon ist nun keine Rede mehr, am Montag langte die erste Anlegerklage gegen Steinhoff am Landgericht Frankfurt ein.

Der Kika/Leiner-Mutterkonzern steht vor dem Abgrund SN/sn
Der Kika/Leiner-Mutterkonzern steht vor dem Abgrund

Hart umkämpft und viel beworben

Im Möbelhandel ist Kika/Leiner mit über 20 Prozent Marktanteil Nummer 2. "Geht es um Möbel, gibt es weltweit keinen Markt, der so umkämpft ist wie Österreich", heißt es bei Ikea. "Keine andere Branche gibt im Verhältnis zu ihrem Umsatz so viel für Werbung aus wie der Möbelhandel", sagt auch Handelsforscher Wolfgang Richter von RegioPlan. "Da geht es ganz klar um Verdrängungswettbewerb."
2,7 Mill. Quadratmeter Einkaufsfläche umfasst der heimische Möbelhandel - und ist damit größer als das Fürstentum Monaco. Mit 65 Prozent Marktanteil beherrschen drei Giganten den Markt ganz klar, wobei Kika/Leiner heute mit etwas über 20 Prozent Marktanteil klar hinter dem lange etwa gleich starken Konkurrenten XXXLutz mit fast 30 Prozent Marktanteil liegt. Ikea (etwa 15 Prozent) ist Nummer 3.
4,4 Mrd. Euro setzt der Möbelhandel laut Kreutzer, Fischer & Partner in Österreich um, wobei der Online-Anteil mit 1,5 Prozent verglichen zu anderen Branchen noch marginal sei. Der durch den Siegeszug der Möbelgiganten in den 80er-Jahren begonnene Strukturwandel und das Wegsterben mittelgroßer Möbelhäuser sei weitgehend abgeschlossen, sagt Marktforscher Andreas Kreutzer. Spezialisten, regional verankerte Möbelhändler, aber auch Tischlereien mit Möbelhandel seien wieder erfolgreich. "Auch unter den Großen wird der Wettbewerb von außen härter wahrgenommen als er ist", sagt Kreutzer. Ikea habe völlig eigene Produkte, durch ihre Marktmacht könnten auch Lutz und Kika/Leiner Möbel einer Marke mit unterschiedlichen Details ordern -was einen Preisvergleich unmöglich mache.
"Wer glaubt, eine Küche 55 Prozent billiger zu kaufen, wurde schlicht getäuscht", sagt Möbelhandels-Obmann Hubert Kastinger. "So hohe Margen gibt es nicht." Er spricht von "vielen versteckten Fouls und undurchschaubaren Rabattschlachten". Und, dass nach vier Jahren Umsatzrückgängen die Branche heuer wieder leicht zulege.

Aufgerufen am 16.07.2018 um 06:11 auf https://www.sn.at/wirtschaft/welt/der-kika-leiner-mutterkonzern-steht-vor-dem-abgrund-21982996

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