Wirtschaft

Deutsche Wirtschaftsweise senken BIP-Prognose drastisch

Hohe Inflation, gestörte Lieferketten, große Unsicherheit: Die Wirtschaftsweisen haben ihre Wachstumsprognose für Deutschland wegen der Folgen der russischen Invasion in der Ukraine drastisch gesenkt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte heuer nur noch um 1,8 Prozent zulegen statt der noch im November erwarteten 4,6 Prozent.

Selbst eine schrumpfende Wirtschaft schließt der Sachverständigenrat in seinem am Mittwoch veröffentlichten Ausblick nicht aus, etwa bei einem Importstopp von russischen Energielieferungen wie Gas. "Dann stürzt Deutschland noch dieses Jahr in eine tiefere Rezession", sagte der Wirtschaftsweise Volker Wieland in Berlin. "Das heißt zwar nicht, dass die Wirtschaft zum Stillstand kommt, aber es wäre eine schwere Belastung." Und das umso mehr, da Deutschland anders als etwa die USA das Vorcoronaniveau noch nicht wieder erreicht hat. Das soll erst in diesem Sommer der Fall sein. Für 2023 sagen die Regierungsberater ein Wachstum von 3,6 Prozent voraus.

"Durch den Krieg werden die wegen der Coronapandemie bereits angespannten Lieferketten zusätzlich beeinträchtigt", sagte der Wirtschaftsweise Achim Truger mit Blick auf fehlende Rohstoffe und Vorprodukte wie etwa den in der Ukraine produzierten Kabelbäumen für die Autobauer. "Gleichzeitig belasten die nochmals kräftig gestiegenen Preise für Erdgas und Erdöl die Unternehmen und den privaten Konsum." Besonders die teurer gewordene Energie dürften die Verbraucher immer stärker zu spüren bekommen. Daher rechnet der Sachverständigenrat - dem neben Truger und Wieland noch Monika Schnitzer und Veronika Grimm angehören - noch heuer mit einer Inflationsrate von 6,1 Prozent. Bei weiter steigenden Öl- und Gaspreisen könnte die Teuerungsrate sogar auf 7,5 bis knapp 9 Prozent klettern, warnte Wieland. 2023 soll die Inflationsrate dann auf 3,4 Prozent zurückgehen, aber weit entfernt vom Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent bleiben.

Der Kaufkraftverlust könnte die anstehenden Tarifverhandlungen beeinflussen. "Die Dynamik für Lohnforderungen dürfte ab dem zweiten Halbjahr 2022 zunehmen", sagte die Volkswirtin Grimm. "Damit steigt das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale." Davon sprechen Fachleute, wenn sich Löhne und Preise gegenseitig immer weiter nach oben schaukeln. Für das laufende Jahr erwartet der Sachverständigenrat ein Wachstum der von den Unternehmen tatsächlich gezahlten Löhne (Effektivlöhne) von 2,5 Prozent, im kommenden Jahr dann von 4,4 Prozent.

Trotz aller Probleme rechnen die Experten mit einer Belebung am Arbeitsmarkt. Die Zahl der Erwerbstätigen soll in diesem Jahr um knapp eine halbe Million zulegen, 2023 noch mal um gut eine viertel Million. "Der Arbeitsmarkt zeigt sich weiterhin sehr robust", sagte Truger. Die Zahl der Arbeitslosen dürfte in beiden Jahren merklich nachgeben.

Wieland sprach sich angesichts der drohenden Energiekrise durch den Konflikt mit Russland für eine längere Laufzeit der Atomkraftwerke in Deutschland aus. "Wir müssen umsteuern und alle Hebel nutzen, um weniger abhängig von russischen Rohstofflieferungen zu werden", sagte der Sachverständige der Nachrichtenagentur Reuters. "Dazu gehört auch, dass wir Kernkraft länger nutzen und ebenso die Kohleverstromung - zumindest so lange, bis wir eine sichere Energieversorgung haben." Die drei noch laufenden deutschen Atomkraftwerke sollen eigentlich bis Jahresende abgeschaltet werden.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung wurde 1963 gegründet. Er unterstützt Politik und Öffentlichkeit in wirtschaftspolitischen Themen. Die fünfte Stelle im Gremium ist derzeit unbesetzt.

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