Wirtschaft

Erntearbeit: Frankreich ruft Arbeitslose auf, Österreich setzt auf Freiwillige

Laut dem französischen Dachverband der Landarbeiter fehlen bis 200.000 Saisonkräfte für die Ernte. Österreich setzt auf freiwillige Helfer. Deutschland verhängt ein Einreiseverbot für Saisonkräfte.

Für die demnächst anstehende Ernte von Gemüse und Obst suchen viele Länder dringend nach helfenden Händen. SN/dapd
Für die demnächst anstehende Ernte von Gemüse und Obst suchen viele Länder dringend nach helfenden Händen.

Frankreich ruft Arbeitslose in der Coronakrise zur Feldarbeit auf. Nach Angaben des französischen Dachverbands der Landarbeiter (FNSEA) vom Dienstagabend fehlen bis Mai rund 200.000 Saisonkräfte. Die Verbandspräsidentin Christiane Lambert rief Interessierte im Radiosender France Inter auf, sich auf einer Webseite zu melden, die mit Hilfe der Arbeitsagentur eingerichtet wurde.

Landwirtschaftsminister Didier Guillaume hatte zuvor alle derzeit unbeschäftigten Franzosen aufgerufen, sich freiwillig zur Verfügung zu stellen. "Wir müssen produzieren, um die Franzosen zu ernähren", betonte Guillaume.

Sorgen machen sich unter anderem die Erdbeerbauern. Ihnen fehlen für die bevorstehende Ernte rund 3000 Saisonkräfte, die normalerweise aus Spanien, Portugal, Marokko oder Polen nach Frankreich kommen, wie der größte Anbauverband AIFLG im Südwesten Frankreichs mitteilte.

Österreich setzt auf freiwillige Helfer

In Österreich haben sich bereits rund 7000 Arbeitskräfte beim vom Landwirtschaftsministerium gestarteten Portal "dielebensmittelhelfer.at" gemeldet. Die Coronavirus-Ausbreitung und Grenzschließungen haben in Österreich zu einem Mangel an osteuropäischen Erntehelfern, landwirtschaftlichen Saisonkräften und Arbeitskräften in der Nahrungsmittelindustrie, unter anderem in der Fleischverarbeitung, geführt.

Im Branchenverband für Obst und Gemüse spricht man aktuell von bis zu 5000 fehlenden Arbeitskräften. Noch größer ist der Bedarf in der Fleischverarbeitung, in der laut Landwirtschaftsministerium rund 9000 Arbeitskräfte aus den benachbarten Ländern in Österreich beschäftigt sind. Allerdings ist ein Großteil aufgrund der Reisebeschränkungen wegen der Coronavirus-Pandemie nicht mehr verfügbar. Gesucht werden außerdem Personen mit Lkw- oder Stapler-Führerschein für den Logistikbereich

Seit die Plattform vorigen Freitag online ging, haben bereits mehr als 100 Betriebe ihren Arbeitskräftebedarf angemeldet. Die Vermittlung an die Betriebe erfolgt nun über die Landwirtschafts- und Wirtschaftskammern der Bundesländer sowie den Maschinenring. Es wird der Kollektivvertrag der jeweiligen Branche angewendet. Bei Landarbeitern beträgt der kollektivvertragliche Mindestbruttolohn bei einer Vollzeitbeschäftigung rund 1500 Euro pro Monat. Der Mindeststundenlohn für Taglöhner liegt gemäß bäuerlichem Kollektivvertrag für Niederösterreich bei 9 Euro. Für Studienrichtungen der Universität für Bodenkultur und der Veterinärmedizin sowie der Hochschule für Agrar und Umweltpädagogik können diese Tätigkeiten auch als Praktikum angerechnet werden.

Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger ermuntert Interessierte, sich in den Dienst der Sache zu stellen. "Unsere Landwirtschaft produziert, was wir täglich brauchen. Sie braucht aber auch die Arbeitskräfte dafür, damit die Ernte nicht auf den Feldern verrottet."

Deutschland verbietet Saisonarbeitern die Einreise

Um die Ausbreitung der Corona-Pandemie in Deutschland zu bremsen, hat das deutsche Innenministerium ein Einreiseverbot für Saisonarbeiter angeordnet. Erntehelfern und anderen Saison-Arbeitskräften können Mittwoch, 17.00 Uhr, im Rahmen der bestehenden Grenzkontrollen nicht mehr einreisen.

Diese Regelung gelte für die Einreise aus Drittstaaten, aus Großbritannien, für EU-Staaten wie Bulgarien und Rumänien, die nicht alle Schengen-Regeln vollumfänglich anwenden, sowie für Staaten wie Polen oder Österreich, "zu denen Binnengrenzkontrollen vorübergehend wieder eingeführt worden sind". Diese Beschränkungen seien "zwingend erforderlich, um Infektionsketten zu unterbrechen", fügte ein Sprecher des Ministeriums hinzu.

Bauernpräsident Joachim Rukwied sagte, das Einreiseverbot treffe die Betriebe in der jetzigen Phase sehr hart. Der Stopp müsse so kurz wie möglich gehalten werden. Die Betriebe seien bereit, jegliche Maßnahmen zum Infektionsschutz umzusetzen. Insbesondere Obst-, Gemüse- und Weinbaubetriebe bräuchten dringend Arbeitskräfte.

In der Landwirtschaft sind jährlich knapp 300.000 Saisonarbeitskräfte beschäftigt, die vor allem aus Osteuropa kommen. Vielen Betrieben fehlen derzeit Arbeitskräfte für Ernte und Aussaat. Verbände und das deutsche Landwirtschaftsministerium haben Internet-Plattformen aufgesetzt, um Betriebe und Freiwillige, die auf den Feldern arbeiten könnten, in Kontakt zu bringen.

Quelle: Apa/Afp/Dpa

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