Wirtschaft

"Kein Crash, nur eine Korrektur"

Es hat ordentlich gerumpelt - an der Börse. Und schon ist von Panik die Rede. Zu Recht oder nicht?

Aufräumen nach dem Absturz an der New Yorker Börse. SN/APA/AFP/BRYAN R. SMITH
Aufräumen nach dem Absturz an der New Yorker Börse.

Die Börsen sind in die Knie gegangen. Investoren flüchteten panikartig aus fallenden Aktientiteln. Montag, drei Uhr nachmittags Ortszeit in New York, es herrscht Ausnahmezustand an der Wall Street. Der US-Leitindex Dow Jones büßt innerhalb von 15 Minuten mehr als 800 Punkte ein. In der Spitze verliert er fast 1600 Punkte - so viel wie nie zuvor an einem Tag. Am Ende geht es glimpflicher aus, der Dow schließt rund 1100 Punkte schwächer, was einem Rückgang um 4,6 Prozent entspricht. Am Dienstag erholten sich die wichtigsten US-Indizes, der Handel verlief aber sehr schwankungsreich. Der deutsche Leitindex DAX lag bei Börseschluss 2,32 Prozent tiefer, bei 12.392 Zählern.

Was bleibt, ist die bange Frage: Ist jetzt Schluss mit lustig? Ist der lang anhaltende Höhenrausch bei Aktien nun zu Ende? Diese Antwort ist seriös nicht zu geben. Aber das Herausarbeiten möglicher Gründe für den aktuellen Absturz und die Betrachtung der wirtschaftlichen Situation geben zumindest Hinweise darauf, wie es weitergehen könnte.

Die Arbeitslosigkeit in den USA ist niedrig, in Europa sinkt sie. Hier wie da gibt es Fachkräftemangel. Eine derartige Situation geht meist einher mit Lohnerhöhungen. Und gerade die für Millionen Amerikaner gute Nachricht vom vergangenen Freitag, dass ihre Löhne um zuletzt 2,9 Prozent im Jahresabstand gestiegen sind, könnte ein Mitauslöser für den Kursverfall gewesen sein. Denn höhere Löhne bedeuten in der Folge eine höhere Inflation, und das wiederum würde die amerikanische Notenbank Fed dazu bringen, ihre angekündigten und wohldosierten Zinserhöhungen für heuer zu überdenken und ein Schäuferl nachzulegen. Dieses Vorwegnehmen eines möglichen Handlungsstranges genügt gemeinhin, Investoren aktiv werden zu lassen.

"Die Ängstlichen haben reagiert, sie haben Angst vor der Zinserhöhung", präzisiert Gerold Humer von der Privatanlegerbank Schoellerbank das Verhalten. Und er verweist mit Blick auf die jüngsten Tarifabschlüsse der Metall- und Elektroindustrie in Deutschland (plus 4,3 Prozent) darauf, dass die Inflation auch in Europa ein Thema werden könnte. Höhere Löhne bedeuten eine höhere Inflation, so die klassische ökonomische Theorie der Lohn-Preis-Spirale.

Humer sagt, was Banker in Krisensituationen immer sagen. "Wir sind nicht beunruhigt. Eine Korrektur war zu erwarten - nicht, dass wir den Zeitpunkt gewusst hätten."

Erklärungsnotstand seiner Zunft sieht RBI-Chefanalyst Peter Brezinschek. Auch er verweist darauf, dass man bei all der Euphorie wegen guter Konjunkturerwartungen und Steuerreform in den USA etwas übersehen hat: "Das beschleunigte Wachstum der Löhne in den USA." Die lagen im Jahresvergleich um 2,9 Prozent höher, die höchste Jahresrate seit Juni 2009. Das schürt, wie schon beschrieben, die Inflationsängste. Auch die soeben ausgeschiedene US-Notenbankchefin Janet Yellen hat vor einer Woche gesagt, die Inflation werde über das Ziel hinausgehen. Das alles ist der Stoff, aus dem Zinserhöhungsängste gesponnen werden.

Analyst Brezinschek weist noch auf etwas anderes hin, das zu wenig gut beobachtet wurde: der Rentenmarkt. Der erlebe eine Korrektur, aber keiner habe reagiert, sagt er. Nun haben die Börsen reagiert. Zur Erklärung: In den USA und in Europa sind risikoarme Rentenwerte bei kurzen und auch längeren Laufzeiten zuletzt merkbar angestiegen. US-Staatsanleihen haben bei zweijährigen Laufzeiten ein Mehrjahreshoch bei über zwei Prozent Nominalrendite erreicht, zehnjährige US-Treasuries haben die 2,5-Prozent-Marke überstiegen. In der Eurozone ist die richtungsweisende zehnjährige deutsche Bundesanleihe von 0,28 auf über 0,56 Prozent hochgeschossen. Bei nur 0,5 Prozent jährlichem Kupon hat das innerhalb von wenigen Wochen zu Kursverlusten von rund drei Prozentpunkten geführt. Das ist der sechsfache Jahresertrag einer zehnjährigen Anleihe.

"4,6 Prozent minus beim Dow Jones, das ist kein Crash, sondern eine Korrektur", betont Brezinschek. Wenn sich in den nächsten Monaten die Wirtschaft nicht abkühle, was nicht zu erwarten sei, "dann sehe ich keinen Bärenmarkt". Der Begriff steht für lang anhaltend sinkende Kurse. Nun werde entscheidend sein, welche Schritte die US-Notenbank im März setzt.

Für den RBI-Analysten Brezinschek ist die Geldpolitik in den USA ein schönes Musterbeispiel für Europa, dass es zu Irritationen kommen könne, wenn man in der Geldpolitik zu lange wartet und die Zinszügel nicht rechtzeitig anzieht.

Wie bei jedem größeren Kursabsturz kommt auch diesmal die Frage auf, welche Rolle dem computergesteuerten, automatisierten Handel an den Börsen zukommt. Denn ein Großteil der Finanzmärkte ist mittlerweile auf Autopilot geschaltet. Werden bestimmte Kursmarken durchbrochen, werfen die "Algo-Trader" weitere Papiere auf den Markt und verstärken so den Kursverfall. Gerold Humer von der Schoellerbank sagt, der automatisierte Handel sei sicher auch diesmal ein Faktor.

Es wären keine Banker, würden sie nicht auch in Zeiten, in denen manche von Crash oder Krise reden, auch auf die Chancen hinweisen. Die jetzige Korrekturphase, die laut Brezinschek durchaus zehn bis 15 Prozent ausmachen könne, sei eine Möglichkeit, sich langfristig am Aktienmarkt zu beteiligen, sagt er. "Da gibt es interessante Kaufgelegenheiten. Aber man hat Zeit." Und Humer empfiehlt, auf Qualität bei den Titeln zu setzen und sich jedenfalls auf die Inflation vorzubereiten. Das sei ein Gebot der Stunde.

Aufgerufen am 16.11.2018 um 02:50 auf https://www.sn.at/wirtschaft/welt/kein-crash-nur-eine-korrektur-23907367

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