Wirtschaft

Neue EZB-Chefin will auf Sorgen der Sparer hören

Gerecht, nachhaltig und bürgernah: So legt Christine Lagarde ihre neue Rolle als Chefin der Europäischen Zentralbank an.

Christine Lagarde bei ihrer Anhörung im EU-Parlament. SN/afp
Christine Lagarde bei ihrer Anhörung im EU-Parlament.

Christine Lagarde macht nicht viel Aufhebens von sich. "Ich persönlich bin irrelevant", erwidert sie am Mittwoch in einer Anhörung im EU-Parlament einem Abgeordneten, der sie als "Königin des Euro" bezeichnet hat. Was zählt, ist die Aufgabe. Und die ist selbst für die bisherige Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) groß.

Am 1. November zieht die 63-jährige Französin als erste Frau in die Chefetage der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt ein. Sie folgt als EZB-Präsidentin Mario Draghi nach. In ihm sehen viele den Mann, der mit entschiedenem und ungewöhnlichem Vorgehen in den Jahren nach der Finanz- und Wirtschaftskrise den Euro gerettet hat.

Vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des EU-Parlaments erinnert sich Lagarde an die historische Rede Draghis. Sie sei dabei gewesen, als dieser im Juli 2012 versprochen habe, die EZB sei bereit, "innerhalb ihres Mandates alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein". Lagarde betont: "Ich hoffe, dass ich das nie sagen muss."

Draghi und die Währungshüter der EZB hielten den Euro vor allem durch Senkungen des Leitzinssatzes und den Aufkauf von Staatsanleihen in den Krisenjahren stabil. Dank dieser "unkonventionellen Maßnahmen" sei die Wirtschaftsleistung in der Eurozone seit 2013 um zwei Prozent gewachsen und es seien elf Millionen neue Jobs entstanden, sagt Lagarde. Sie mache klar, dass sie als EZB-Chefin an dieser Geldpolitik in der nächsten Zeit festhalten werde. Dies sei nötig angesichts der "insgesamt zu niedrigen" Inflation und der großen Herausforderungen.

Die Niedrigzinspolitik hat Wirtschaft und Wachstum angekurbelt, aber auch Nachteile gebracht. Ein niederländischer Abgeordneter sagt es so: "Wir haben eine Inflation von drei Prozent, aber keine Sparzinsen. Das Ersparte der Menschen löst sich auf. Die Leute sind wirklich sehr wütend."

Lagarde verspricht, die Sorgen der kleinen Sparer zu hören und der Bevölkerung die Maßnahmen der EZB besser zu erklären: "Ich will, dass die Menschen in der Eurozone unsere Entscheidungen verstehen." So könne eine finanzpolitische Initiative zunächst negative Folgen haben, aber richtig und nötig sein, weil im Endeffekt die positiven Auswirkungen überwögen. Auch eine Währung sei "ein öffentliches Gut, das den Menschen gehört".

Acht Jahre stand Lagarde an der Spitze des IWF. Im Juli 2011 musste die damalige französische Finanzministerin gleichsam über Nacht das Ruder übernehmen, nachdem Dominique Strauss-Kahn wegen Vorwürfen sexueller Übergriffe zurückgetreten war.

Ihre Führungsprinzipien umreißt sie so: "Ich habe immer versucht, mich auf die grundlegenden Themen unserer Zeit zu konzentrieren." Dem IWF unter ihrer Regie sei es daher darum gegangen, "die zunehmende Ungleichheit zu bekämpfen, den Klimawandel in den Griff zu bekommen und ein gerechteres und nachhaltigeres Wachstum zu fördern". Diese Ziele will sie auch als oberste Währungshüterin der Eurozone im Blick behalten.

Gerechtigkeit und Klimaschutz seien makroökonomische Faktoren. "Meine persönliche Meinung ist, dass jede Institution Klimaschutz ins Zentrum ihrer Aufgabe stellen soll", erklärt Lagarde. Gefragt, ob die EZB "karbonlastige Aktiva" in ihrer Bilanz abbauen wolle, antwortet sie: Das werde nicht von heute auf morgen möglich sein, sehr wohl aber schrittweise.

Lagardes erste Priorität als EZB-Präsidentin muss Preisstabilität sein. Gute Führung bestehe aber nicht nur darin, die richtigen Prioritäten zu setzen, erklärt sie. Gute Führung bestehe auch darin, "allen Stimmen zuzuhören und die Vielfalt der Gedanken zu fördern".

Aufgerufen am 18.10.2019 um 01:27 auf https://www.sn.at/wirtschaft/welt/neue-ezb-chefin-will-auf-sorgen-der-sparer-hoeren-75759124

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