Wirtschaft

Österreicher auf dem Weg an die Tech-Weltspitze

Wer kennt Tricentis? Im Silicon Valley die meisten. In Österreich, wo das Headquarter der revolutionären Software-Tester ist, kaum jemand. Zu den illustren Kunden zählen unter anderem HBO, Toyota, Allianz, BMW, Starbucks und Vodafone.

Entwicklung ist bei Software nur die halbe Miete. Erst Tests zeigen, ob etwas funktioniert. SN/redpixel-stockadobecom
Entwicklung ist bei Software nur die halbe Miete. Erst Tests zeigen, ob etwas funktioniert.

Sandeep Johri, früher Manager bei HP, ist eine bekannte Größe in der Tech-Branche und seit 2013 Vorstandsvorsitzender der österreichischen Tricentis. Das Start-up hat das Feld der Softwaretests revolutioniert und ist auf dem Weg zum Weltmarktführer. Doch in Österreich ist Tricentis, das von Wolfgang Platz und Franz Fuchsberger gegründet worden ist, kaum bekannt - "anders als im Silicon Valley", sagt Johri lachend.

Im Vorjahr wuchs das Geschäft mit Tricentis-Lizenzen um 85 Prozent. Das hat das Unternehmen gestern, Donnerstag, veröffentlicht. 130 neue globale Kunden kamen dazu, darunter First Data, Accenture, Whole Foods, Commerzbank und Toyota. Johri pendelt zwischen dem Tricentis-Standort im Silicon Valley und Wien hin und her. Derzeit ist er zum Jahresauftakt-Meeting des Unternehmens in Wien und erklärt, warum Wien für ihn als Headquarter erste Wahl ist und bleibt.

Die Menschen hier seien sehr gut ausgebildet, ihre technischen Fertigkeiten hervorragend. Dadurch, dass es in Österreich weniger Start-ups gebe, sei es auch einfacher, Talente zu holen, sagt er. "Im Silicon Valley bekommst du 15 Jobs in zwei Minuten. Dort Mitarbeiter anheuern zu wollen ist eine verrückte Sache geworden." Außerdem habe Wien die Vorteile einer internationalen Großstadt und sei dennoch erschwinglich. "Dadurch kommen Talente aus ganz Europa hierher. Im Silicon Valley gibt es Leute, die zwar einen tollen Job haben, aber im Auto wohnen, weil sie sich keine Wohnung leisten können."

Bei Tricentis hatten sich im Vorjahr 14.000 Jobsuchende beworben, 200 neue Mitarbeiter wurden angestellt. Insgesamt hat das Unternehmen 360 Mitarbeiter. Dazu kommen aber 39.000 von Tricentis ausgebildete und zertifizierte Partner in globalen Beratungsunternehmen dazu. Das sei notwendig, weil automatisiertes Testen von Software nicht nur das Installieren einer neuen Technologie bedeute, sondern dafür müssten Prozesse in Unternehmen, das Verhalten und Denken der Mitarbeiter geändert werden, erklärt Fuchsberger. Und wenn das nicht passiert? "Dann ist das so, als ob Sie ein Flugzeug haben und damit auf der Straße fahren." Wenn also ein globaler Mineralölkonzern die Tricentis-Technologie weltweit ausrollen will, kann Tricentis mit den 360 Mitarbeitern diese Prozessänderung beim Ölriesen allein nicht bewerkstelligen.

Tricentis peilt die globalen Konzerne als Kunden an, klingende Namen wie HBO, Allianz, BMW, Starbucks, Deutsche Bank und Vodafone zählen schon dazu. Darum hat man ein Beratungskomitee (Growth Advisory Board) installiert, in dem 35 IT-Chefs von Konzernen wie Coca-Cola, Nissan Motor, Verizon oder HSBC sitzen. "Software Testing befindet sich in einem beispiellosen und historischen Moment", sagt Todd Pierce, früherer Chief Digital Officer der Bill & Melinda Gates Foundation und Mitglied im Tricentis Growth Advisory Board. "Bislang haben viele nicht erkannt, was Testen für das Geschäft bedeuten kann. Die Technologie von Tricentis hat das verändert, damit können ungenutzte Umsätze lukriert und die digitale Transformation beschleunigt werden." Zur Erklärung: Bisher dauerte es oft Wochen vom Ende einer Softwareentwicklung bis zur Inbetriebnahme, weil die Tests so aufwendig waren. Noch dazu hatten sie eine geringe Risikoabdeckung. Tricentis hat das Testen neu gedacht, es automatisiert, richtige Test-Designs ermittelt und damit die Risikoabdeckung auf mehr als 90 Prozent erhöht. Wie viel Potenzial in dem Thema steckt, lässt sich auch daran ermessen, dass Insight Venture Partners im Vorjahr 165 Millionen Dollar investierte - 2017 eines der weltweit größten Investments in ein Start-up. Mit dem Geld wird die weitere Expansion vorangetrieben. "Denn in der Software gilt die Regel: Der Größte, also der Marktführer, macht unvergleichlich mehr Geschäft als die Kleineren", sagt Johri. Darum hat Tricentis in Australien ein Unternehmen aus dem Testumfeld zugekauft und hält weiter Ausschau nach interessanten Zielen. In drei oder vier Jahren werde man Weltmarktführer sein, nicht nur qualitativ, sondern dann auch quantitativ, sagt Johri. Der globale Testmarkt wird mit 32 Milliarden Dollar angegeben, Tricentis machte im Vorjahr rund 50 Millionen Euro Umsatz.

Für das Ziel Weltmarktführer wird in der Tricentis-Hexenküche an weiteren Testneuheiten getüftelt: Das Testen will Tricentis für die Kunden künftig noch einfacher machen. Damit soll ständiges Prüfen möglich sein: Die Programmierer entwickeln am Tag, und in der Nacht wird automatisch getestet. "Das ist eine unglaubliche Zeitersparnis. Wochenlanges Warten hat damit ausgedient", sagt Johri. Eine Vision betrifft den Bereich Turing-Tests, mit denen man feststellen kann, ob ein Computer ein dem Menschen gleichwertiges Denkvermögen hat. Heute sind Menschen in diese Tests involviert. Tricentis will hier automatisierte Tests entwickeln, die erkennen, ob man mit einer Entwicklung das erreicht, was man erreichen will. Auch autonomes Fahren wird das Geschäft künftig befeuern. "Selbstfahrende Autos sind fürs Testen ein wichtiges Thema. Tests werden eine entscheidende Rolle spielen", sagt Fuchsberger.

Bei all dieser komplexen Technologie geht es in dem jungen Unternehmen aber auch um nur vermeintlich einfache Themen wie das Zusammenbringen von amerikanischer und europäischer Kultur. Dass man den Vorstandschef kritisch fragen soll, haben die Österreicher erst lernen müssen. In den USA fragt und kritisiert jeder, bis ihm gesagt wird, es sei nun genug. In Österreich müsse man den Leuten ausdrücklich die Lizenz zum Fragen erteilen, sagt Johri lachend und ist noch immer erstaunt.

Wie wird man Weltmarktführer?

Sandeep Johri gibt Tipps für Start-ups.

Aufgerufen am 16.10.2018 um 02:02 auf https://www.sn.at/wirtschaft/welt/oesterreicher-auf-dem-weg-an-die-tech-weltspitze-22828591

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