Coronavirus: In der Weltwirtschaft wird der Notfall ausgerufen

In der Wirtschaft sucht man nach der richtigen Behandlung der Infektion durch das Coronavirus. Placebos zu verabreichen ist der falsche Weg.

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Standpunkt Richard Wiens

Mehr als 90.000 Infizierte, mehr als 3000 Tote, 76 betroffene Länder - das Coronavirus zieht seine Spur durch die Welt. Und obwohl sich die Gesundheitsbehörden gegen die Ausbreitung des Virus stemmen, wird nach und nach klar, dass es auch eine tiefe Bremsspur in der Weltwirtschaft hinterlassen wird. Das ruft andere Akteure auf den Plan. Die Weltbank schnürt ein zwölf Mrd. Dollar schweres Hilfspaket für besonders stark betroffene Länder, um sie beim Eindämmen und der Bewältigung der Folgen des Virus zu unterstützen. Und die US-Notenbank schaltet in den Notfallmodus und senkt den Leitzins kräftig.

Da werden Erinnerungen an die große Finanzkrise wach. Ist es schon wieder so weit, dass die Notenbanker ausrücken müssen, um die Welt zu retten? Dass die Federal Reserve die Zinsen senkt, ist sinnvoll. In den USA ist der Aktienmarkt von überragender Bedeutung für das Wohlergehen der Volkswirtschaft. 80 Prozent der Unternehmensfinanzierung laufen über den Kapitalmarkt, Private haben ihre Ersparnisse zu einem großen Teil in Aktien investiert. Niedrige Zinsen tun der Börse gut, das hält Investitionen und den Konsum am Laufen. Nebenbei tut es auch dem Präsidenten gut, der beim Rennen um die Wiederwahl Rückenwind von der Geldpolitik und einer florierenden Wirtschaft gut brauchen kann.

Nun wird gerätselt, ob und wie die EZB der Realwirtschaft zu Hilfe kommen könnte. Sie gerät durch die Aktion der Fed unter Druck, hat aber wesentlich weniger Handlungsspielraum. Die Börsen spielen mit Ausnahme Großbritanniens in Europa für die Unternehmensfinanzierung und für die private Vorsorge der Menschen eine untergeordnete Rolle, niedrigere Zinsen wirken hier nicht so unmittelbar wie in den USA. Was sollte eine Zinssenkung bringen? Weil Europa im Zinszyklus weit hinter den USA herhinkt, dümpeln sie hier an der Nulllinie, für Bankeinlagen bei der EZB sind sie ohnehin negativ. Treibt man den Einlagezinssatz weiter ins Minus, wird es für Banken nur attraktiver, Speicher für Bargeld anzumieten, das kommt billiger. Selbst wenn die EZB wieder mehr Anleihen kauft und Banken Geld zur Vergabe von Krediten freibekommen, werden ihnen ihre Kunden die auch nicht aus der Hand reißen. Es fehlt eben nicht an billigem Geld, es fehlt an der Möglichkeit, es zu investieren. Der wirtschaftliche Abschwung in China zieht andere Weltregionen mit und führt dazu, dass dort Produktionen stillstehen, weil Rohstoffe und Vormaterialien fehlen. Kein Unternehmen wird mit Kredit Kapazitäten ausbauen, wenn schon die bestehenden nicht ausgelastet werden können.

Nicht die EZB, sondern die Regierungen sind jetzt gefordert, Unternehmen und Arbeitnehmer zu unterstützen. Die öffentliche Hand kann Geld bereitstellen, um Kurzarbeit mitzufinanzieren - um so die erzwungenen Stillstände abzufedern und den Verlust von Arbeitsplätzen zu verhindern. Sie kann auch Bürgschaften für Unternehmen übernehmen, um zu verhindern, dass sie unverschuldet in Schieflage geraten und im schlimmsten Fall pleitegehen.

Bei all den Rufen nach finanzieller Hilfe sollte man aber nicht vergessen, dass es sich beim Coronavirus um eine medizinische Krise handelt. Die muss man mit Mitteln des Gesundheitssystems bekämpfen. Behörden leisten den besten Dienst, wenn sie dafür sorgen, dass sich das Virus nicht weiter ausbreitet und erkrankte Menschen bestmöglich behandelt werden. Wenn man ein Medikament findet, umso besser. Placebos zu verabreichen bringt nichts, weder den Menschen noch der Wirtschaft.

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