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Was ist bloß mit den BRICS-Ländern los?

Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika: Sie galten als die starken Wachstumslokomotiven der Weltwirtschaft. Jetzt aber stecken etliche von ihnen selbst in der Krise. Wer aber soll dann für das künftige Wachstum sorgen?

Was ist bloß mit den BRICS-Ländern los? SN/AP
Die berühmte Christusstatue von Rio de Janeiro, dem Austragungsort der diesjährigen Olmypischen Sommerspiele, im Mondlicht. Sie drückt auch die Stimmung im Riesenland aus, das sich in einer politischen und wirtschaftlichen Doppelkrise befindet.

Aus sportlicher Sicht mögen die Olympischen Sommerspiele in Brasilien ein Erfolg sein. Aber die erhoffte Selbstdarstellung als aufstrebendes Land der Zukunft geht gründlich daneben. Denn das einst vielversprechende Land steckt in einer wirtschaftlichen und politischen Doppelkrise. Das Riesenland ist damit geradezu ein Symbol für enttäuschte Hoffnungen in die großen Schwellenländer. Dazu gehören noch Russland, Indien, China und auch Südafrika - nach ihren Anfangsbuchstaben kurz BRICS.

Die nach der Suspendierung von Präsidentin Dilma Rousseff eingesetzte Interimsregierung versinkt in einem Korruptionssumpf. Gerade stimmte das Plenum des brasilianischen Senats mit großer Mehrheit für die Einberufung eines Tribunals, an dessen Ende die endgültige Absetzung der in Ungnade gefallenen Präsidentin stehen könnte.

Wirtschaftlich machen die gefallenen Rohstoffpreise dem Land zu schaffen, allen voran der tiefe Ölpreis. Dazu kommen hausgemachte Probleme wie Korruptionsskandale um den staatlich kontrollierten Ölkonzern Petrobras. Der steckt selbst mit einem Verlust von 8,6 Mrd. Euro bis zum Hals in den roten Zahlen. Petrobras soll sich jahrelang von Baufirmen schmieren lassen haben und sich Politiker mit Geldzuwendungen gefügig gemacht haben. Brasilien steckt in der tiefsten Rezession seit den 1930er Jahren, die Wirtschaft dürfte heuer wie im Vorjahr um knapp vier Prozent fallen. Die Inflation kletterte auf über zehn Prozent. Noch höher lag zuletzt die Arbeitslosigkeit (11,2 Prozent), Tendenz steigend.

Hoffnung auf kurzfristige Besserung gibt es nicht: Das hohe Staatsdefizit verbietet massive Investitionen in die unzureichende Infrastruktur, auch die Industrie hält sich angesichts der politischen Unsicherheit zurück. Zudem ist das Land mit 200 Millionen Einwohnern stark von der Binnenkonjunktur abhängig. Doch angesichts hoher Inflation und Arbeitslosigkeit ist der Konsum eingebrochen. Autoverkäufe stürzten im ersten Halbjahr um 25,4 Prozent ab.

Strukturell ähnliche Probleme hat Russland, das mit seinem Fokus auf Öl und Gas sogar noch abhängiger von den Rohstoffpreisen ist. Dazu kommen die Folgen der Wirtschaftssanktionen wegen des Ukrainekonflikts und eine ebenfalls hohe Inflation, welche die Kaufkraft der Bevölkerung schwächt.

Dort sorgt ein leicht erholter Erdölpreis aber für einen Silberstreif am Horizont. Nach einem Rückgang um 3,7 Prozent im Vorjahr dürfte sich der Wachstumsrückgang auf rund ein Prozent verlangsamen, für 2017 erwartet der Internationale Währungsfonds wieder 1,2 Prozent Plus. Erst zu Beginn dieser Woche hat die Russische Zentralbank das Ende der eineinhalb Jahre andauernden Rezession ausgerufen.

In einer anderen Liga spielen China und Indien. Erstens von der Einwohnerzahl, es sind die beiden einzigen Länder mit mehr als einer Milliarde Menschen. Und zweitens von der Struktur. Monika Rosen, Chefanalystin im Private Banking der Bank Austria, sieht nämlich eine klare Zweiteilung der Emerging Markets in Rohstofflieferanten und andere, die eher auf der Produzenten- und Verbraucherseite zu finden sind.

Nach zweistelligen Wachstumsraten hat sich Chinas Wirtschaft nun auf ein Niveau um 7,7 Prozent eingependelt. Der Rückgang hat zusammen mit Kapitalabflüssen wiederholt die weltweiten Aktienmärkte in Atem gehalten. Doch Experten halten solche geringeren Raten für eine von Industrie auf Dienstleistung umstellende Volkswirtschaft noch immer für gut. Sorgen macht dem Erste-Chefanalyst Friedrich Mostböck allerdings die hohe Gesamtverschuldung von über 200 Prozent (samt Unternehmen und Privatpersonen). "Ein solches Wachstum über Schulden ist für ein Schwellenland, noch dazu ein kommunistisches, völlig unüblich".

Die positive Ausnahme in der BRICS-Gruppe bildet Indien. Das Land profitiert von günstigen Ölpreisen, das Wirtschaftswachstum dürfte im Jahresschnitt auf 7,5 Prozent steigen. Zudem verweist BNP Paribas-Analyst Paul Milon auf die günstige demographische Konstellation: 52 Prozent der Bevölkerung Indiens sind unter 25 Jahre alt. Dazu kommt eine boomende Mittelschicht und erfolgreiche Reformen.

Ist also die Zeit der BRICS vorbei, übernehmen andere Länder die Rolle der wirtschaftlichen Zugpferde? Kurzfristig könnten das die Länder Mittel- und Osteuropas (CEE) sein, die kaum Verflechtungen mit dem BRICS-Raum haben.

Längerfristig aber führt kein Weg an den heutigen BRICS vorbei, dafür sorgen schon die hohen Bevölkerungszahlen. Eine BNP-Prognose sieht die Gruppe im Jahr 2050 in Summe sogar besser platziert als heute. Demnach liegt dann China auf Platz 1 (jetzt 2.), vor Indien (jetzt 10.), es folgt auf Platz 6 Brasilien (jetzt 7.) vor Russland (jetzt 8.).

Aufgerufen am 24.09.2018 um 02:30 auf https://www.sn.at/wirtschaft/welt/was-ist-bloss-mit-den-brics-laendern-los-1166644

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