Wirtschaft

Wirecard meldet nach Bilanzskandal Insolvenz an

Der in einen Milliardenskandal verstrickte deutsche Zahlungsdienstleister Wirecard, der bis vor kurzem eine aus Österreich stammende Firmenspitze hatte, ist am Abgrund. Das Unternehmen reichte am Donnerstag wegen Überschuldung und drohender Zahlungsunfähigkeit Insolvenzantrag ein, teilte das Münchner Amtsgericht mit. Die Insolvenz ist die erste eines DAX-Konzerns überhaupt.

Die rosigen Zeiten von Wirecard sind vorbei SN/APA (AFP)/CHRISTOF STACHE
Die rosigen Zeiten von Wirecard sind vorbei

Auch Wirecards Tochtergesellschaften könnte es treffen, ausgenommen bleiben soll die Wirecard Bank. Diese wird laut Wirecard mit Einverständnis der deutschen Finanzaufsicht Bafin finanziell und organisatorisch von der Muttergesellschaft abgekoppelt. Weltweit beschäftigt Wirecard etwa 5.800 Menschen.

Bei Wirecard geht die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die den Jahresabschluss 2019 prüfte, von schwerer Kriminalität in quasi weltumspannendem Maßstab aus: "Es gibt deutliche Hinweise, dass es sich um einen umfassenden Betrug handelt, an dem mehrere Parteien rund um die Welt und in verschiedenen Institutionen mit gezielter Täuschungsabsicht beteiligt waren", erklärte EY in Stuttgart.

Vorläufiger Insolvenzverwalter bei Wirecard ist der Anwalt Michael Jaffe, der Erfahrung bei der Aufarbeitung von Luftgeschäften hat: Jaffe ist bereits Insolvenzverwalter der Kapitalanlagegesellschaft P&R, die nichtexistente Container vermietete und tausende Anleger betrog.

An der Börse kam es zu Panikverkäufen: Die Wirecard-Aktien hatten innerhalb der vergangenen sieben Tage bereits neunzig Prozent ihres Wertes verloren, nach der Insolvenzmitteilung rauschten die Papiere auf unter 4 Euro in die Tiefe. Das Unternehmen war am Donnerstag bei einem Kurs von knapp 4 Euro pro Aktie weniger als eine halbe Milliarde wert. Wirecard hat nun keine Chance mehr, bei der turnusmäßigen nächsten Einstufung des Leitindex am 3. September noch zu den 30 Börsenschwergewichte zu gehören.

Der Fall Wirecard ist nun auch zum Politikum geworden: Die Finanzaufsicht Bafin hätte frühzeitig eingreifen können, kritisierte Grünen-Fraktionschef Toni Hofreiter. "Olaf Scholz und Peter Altmaier als die zuständigen Minister stehen hier in einer besonderen Verantwortung. Sie müssen das Fehlverhalten ihrer Behörden erklären." Das Finanzministerium will eine Stärkung der Aufsicht prüfen: "Wir müssen bei der Bafin schauen, was schiefgelaufen ist. Wir müssen überlegen, ob die Möglichkeiten der Bafin einzuschreiten, ausreichen", sagte Finanzstaatssekretär Jörg Kukies dem Nachrichtenportal "The Pioneer".

Laut Wirecard laufen Mitte nächster Woche insgesamt 1,3 Milliarden Euro an Krediten aus. Die Fortführbarkeit des Unternehmens ist unsicher. Nach Informationen der Nachrichtenagenturen dpa und Bloomberg hatten die Banken Wirecard gerade erst einige Tage Aufschub gewährt, um die langfristige Überlebensfähigkeit des Unternehmens zu prüfen.

Damit ist ein vor einer Woche noch als solvent und zukunftsträchtig geltender Dax-Konzern in atemberaubender Geschwindigkeit abgestürzt. Die Anlegervereinigung DSW fordert rückhaltlose Aufklärung. "Das ist eine Katastrophe", sagte Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler auf Anfrage. "Bei Wirecard hat das System versagt" - das bezieht sich auf Vorstand und Aufsichtsrat ebenso wie auf die Bilanzprüfer von EY, die die Jahresabschlüsse testierten, und die behördliche Aufsicht durch die Bafin.

Die Wirtschaftsprüfer bei EY setzen sich zur Wehr: "Konspirativer Betrug, der darauf abzielt, die Investoren und die Öffentlichkeit zu täuschen, geht oft mit umfangreichen Anstrengungen einher, systematisch und in großem Stil Unterlagen zu fälschen." Auch mit umfangreich erweiterten Prüfungshandlungen sei es unter Umständen nicht möglich, diese Art von konspirativem Betrug aufzudecken.

Im Mittelpunkt des Skandals stehen mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro. Unmittelbarer Auslöser der Krise war das Eingeständnis finanzieller Unregelmäßigkeiten am Donnerstag vergangener Woche.

Am Freitag war der österreichische Vorstandschef Markus Braun zurückgetreten, am Montag räumte Wirecard dann die Luftbuchungen ein - die 1,9 Milliarden, die angeblich auf philippinischen Treuhandkonten lagern sollten, existieren mit "überwiegender Wahrscheinlichkeit" nicht, wie der Vorstand formulierte. Braun kam für eine Nacht in Untersuchungshaft, wurde am Dienstag aber gegen Kaution von fünf Millionen Euro wieder auf freien Fuß gesetzt.

Wirecard wickelt als Zahlungsdienstleister die bargeldlosen Geldflüsse zwischen Händlern auf der einen und Banken sowie Kreditkartenfirmen auf der anderen Seite ab. Die Aufklärung wird allein deshalb schwierig, weil sich ein wesentlicher Teil der Affäre in Südostasien abspielte: Zwei zentrale Figuren sind der ehemalige Wirecard-Finanzchef in Südostasien und ein Treuhänder, der bis Ende 2019 in Singapur für Wirecard aktiv war. Der Unternehmen betreute das - wie sich nun herausgestellt hat - in großen Teilen wahrscheinlich gar nicht existente Geschäft mit Drittfirmen, die angeblich für Wirecard Zahlungen im Mittleren Osten und in Asien abwickelten.

Ins Rollen gebracht hatte die Affäre die britische "Financial Times", die Anfang 2019 über mutmaßliche Manipulationen in Singapur berichtete. Da es anschließend zu außergewöhnlichen Kursstürzen der Wirecard-Aktie an der Frankfurter Börse gekommen war, hatten die Finanzaufsicht Bafin und die Münchner Staatsanwaltschaft zuerst Untersuchungen eingeleitet, ob illegale Manöver von Börsenspekulanten dahinter steckten.

Quelle: Apa/Ag.

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