Wirtschaft

Wirecard-Milliarden offenbar nicht auf den Philippinen

Die in der Bilanz des deutschen Zahlungsabwicklers Wirecard fehlenden 1,9 Mrd. Euro befinden sich nach Angaben der philippinischen Zentralbank nicht in dem Land. "Der erste Bericht besagt, dass kein Geld auf die Philippinen gelangt ist", erklärte Benjamin Diokno, Präsident der Bangko Sentral ng Pilipinas. Die Zentralbank untersuche den Fall weiter.

Unklarheit über den Verbleib der Milliarden SN/APA (dpa)/Peter Kneffel
Unklarheit über den Verbleib der Milliarden

Am Freitag hatten zwei philippinische Banken dementiert, dass Wirecard Konten bei ihnen unterhalte. "Wirecard ist kein Kunde von uns", hatten die BDO Unibank und die Bank of the Philippine Islands (BPI) erklärt. Dokumente, die externe Prüfer von Wirecard vorgelegt hätten, seien gefälscht, teilte BPI mit. Man werde den Fall weiter untersuchen. BDO erklärte, Papiere, die ein Konto von Wirecard bei der Bank bestätigen sollten, trügen gefälschte Unterschriften von Bankenvertretern.

Wirecard hatte am Donnerstag die Veröffentlichung des lange erwarteten Jahresabschlusses 2019 zum vierten Mal verschoben. Die Begründung dafür war, dass der Abschlussprüfer EY keine Hinweise auf die Existenz von Guthaben über 1,9 Mrd. Euro finden konnte. Der Betrag entspricht rund einem Viertel der Bilanzsumme.

Die Aktien des Unternehmens stürzten ab, Firmenchef Markus Braun trat zurück, der für das Tagesgeschäft verantwortliche Vorstand Jan Marsalek wurde suspendiert. Wirecard selbst sieht sich als Betrugsopfer. In Medienberichten wurde dem Konzern immer wieder die Manipulation von Bilanzen vorgeworfen, Braun hatte dies stets bestritten. Sein Nachfolger James Freis hätte eigentlich erst am 1. Juli als normales Vorstandsmitglied starten sollen und dafür sorgen müssen, dass bei Wirecard Recht und Gesetze eingehalten werden. Bei der Aufklärung des Bilanzskandals dürfte dem seit wenigen Stunden tätigen 49-Jährigen nun zugutekommen, dass er neu zu Wirecard kam - alle anderen Vorstände sind teils seit Jahrzehnten dort - und dass er bei seinem letzten Arbeitgeber Deutsche Börse das Ressort Compliance verantwortet hat.

Freis studierte an der Georgetown University in Washington Wirtschaftswissenschaften und promovierte im Fach Jura in Harvard. Unter anderem war er bei der New Yorker Niederlassung der US-Notenbank Fed und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich beschäftigt.

Unterstützung bei den Verhandlungen mit den Banken holte sich Freis von der Investmentbank Houlihan Lokey, die auf die Beratung von Restrukturierungsfällen spezialisiert ist. Die Banken können wegen des fehlenden Testats Kredite im Volumen von rund 2 Mrd. Euro fällig stellen, wie Wirecard selbst mitteilte. Insidern zufolge geht es um eine Kreditlinie eines aus 15 Instituten bestehenden Konsortiums.

Auseinandersetzen muss sich Freis künftig auch mit einer Flut an Klagen. Vertreter von Kleinaktionären sowie die Fondsgesellschaften DSW und Union Investment prüfen die Einleitung von juristischen Schritten. Darüber hinaus ermittelt die Staatsanwaltschaft München wegen des Verdachts auf Marktmanipulation.

Quelle: Apa/Ag.

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