Wirtschaft

Zehn Jahre Lehman-Pleite: Als der amerikanische Traum zerplatzte

Während der 11. September 2001 die Amerikaner zusammenbrachte, spaltete das "911 der Finanzmärkte" sieben Jahre später die Gesellschaft. Der Zusammenbruch von Lehman-Brothers markiert nicht nur den Beginn der "Großen Rezession", sondern auch eines politischen Wandels in Amerika.

15. September 2008: Die Banker packten ihre Sachen und verließen mit Kartons das Hochhaus, Bilder verstörter Börsianer machten die Runde. SN/AP
15. September 2008: Die Banker packten ihre Sachen und verließen mit Kartons das Hochhaus, Bilder verstörter Börsianer machten die Runde.

Isabella Martinez (51) kaufte ihre Wohnung in Silver Spring vor den Toren Washingtons im Sommer 2007. Freunde hatten der kleinen Angestellten der Stadtregierung von Washington geraten, es wie alle zu tun. Ohne eigene Ersparnisse einen Kredit aufzunehmen, und die eigene Immobilie zu erwerben. "Das war der Fehler meines Lebens", sagt Isabella heute über den 350.000-Dollar-Kauf.

Die Schulden hat sie immer noch, wie auch die Wohnung, die niemand haben will, weil sie in einer schlechten Nachbarschaft liegt und schwere Mängel aufweist. Kein Wunder, dass sie sich von dem Wertverlust seit dem Platzen der Immobilienblase 2008 kaum erholt hat. Sie liegt heute bei etwas über 200.000 Dollar.

"Als die Preise einbrachen, hat mir niemand geholfen, die Hypothek für meine wertlose Wohnung zu tragen", klagt Isabella, die ausreichende Einkünfte hatte, nicht "unter Wasser" verkaufen zu müssen. Anders als Millionen Amerikaner, die mit sogenannten "Short Sales" Verluste realisierten oder ihre Kredite einfach nicht mehr bedienten.

Am Ende wusste niemand mehr, wer welche Risiken hielt

Zu Beginn einer Kettenreaktion brachen erst die Immobilienpreise ein. Am stärksten in Landesteilen und Wohnlagen, in denen Banken die sogenannten "Subprime"-Kredite vergeben hatten. Dabei handelte es sich um Hypotheken an Menschen, die keine Anzahlung leisten konnten oder deren Bonität fraglich war.

Die Risiken versteckten die Banken, indem sie mehrere dieser Hypotheken zu sogenannten "Asset-Backed-Securities" bündelten und diese Wertpapiere dann scheibchenweise in Umlauf brachten. Am Ende wusste niemand mehr, wer welche Risiken in der Realökonomie hielt.


Ganz groß im Geschäft mit diesen Hypothekenpapieren waren die Lehman Brothers. Als das Bankhaus am 15. September 2008 unter der Last von 613 Milliarden Dollar Schulden zusammenbrach, löste das eine Panik an den Börsen aus. Erst verloren die Banken-Aktien massiv an Wert, dann erfasste die Krise den ganzen Markt. Binnen weniger Tage büßten die Kurse ein Drittel und mehr ein.

15. September 2008: Die Banker packten ihre Sachen und verließen mit Kartons das Hochhaus, Bilder verstörter Börsianer machten die Runde. SN/AP
15. September 2008: Die Banker packten ihre Sachen und verließen mit Kartons das Hochhaus, Bilder verstörter Börsianer machten die Runde.

Robert Blaine fühlt sich bis heute von der Politik betrogen

Auch Robert Blaine bekam es mit der Angst zu tun. Ein großer Teil der Lebensersparnisse des damals 79-jährigen steckten im Aktienmarkt. "Ich hatte Angst, dass es nicht mehr reichen wird", erklärt der pensionierte Kleinunternehmer aus Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina, warum er seine Fonds in sichere Anuitäten umwandelte.

Wie viele andere Rentner realisierte er die Verluste an der Börse, weil er nicht wusste, wieviel Zeit ihm noch blieb, auf eine Kurserholung zu hoffen. Robert fühlt sich bis heute von der Politik betrogen, "die mit Steuergeld die Banken gerettet und uns sitzen gelassen hat". Im November 2008 wählte er Barack Obama, acht Jahre später Donald Trump.

Kein Einzelfall, wie Wahlforscher wissen. Im Rückblick scheint die Wahl des ersten schwarzen Präsidenten ohne den drohenden Zusammenbruch des Finanzsystems kaum denkbar. Die Amerikaner hatten nicht plötzlich ihr multikulturelles Gleichheitsideal vom Schmelztiegel realisiert. Sie ignorierten in ihrer Not bloß, dass die Hand, die sie aus den tosenden Fluten retten wollte, eine farbige war.

Das "911 der Finanzmärkte" spaltet das Land bis heute

Auch der Aufstieg Donald Trumps lässt sich ohne die "Große Rezession" nur schwer erklären. Dank massiver Interventionen der Zentralbank FED blieb der Zusammenbruch der Finanzindustrie aus. Wie auch ein 820 Milliarden Dollar teures Konjunkturprogramm die Realwirtschaft vor dem Absturz rettete. Viele Amerikaner konnten das Gefühl nicht loswerden, von der Politik, der Wall Street, den Eliten betrogen worden zu sein.

Während die Terrorangriffe vom 11. September 2001 die Amerikaner zusammenbrachten, spaltet das "911 der Finanzmärkte" das Land bis heute. Trotz Vollbeschäftigung und Wachstum bleibt das einzig verbindende Gefühl, "in einem kaputten Land zu leben".

Es gibt Symbole, an denen die düstere Stimmung abzulesen ist. Nie zuvor hatten die Amerikaner so eine niedrige Geburtenrate wie heute. Die Selbstmordrate liegt so hoch wie zuletzt vor 30 Jahren. Die Opiate-Krise hat im ländlichen Amerika seuchenartige Ausmaße angenommen.

15. September 2008: Die Banker packten ihre Sachen und verließen mit Kartons das Hochhaus, Bilder verstörter Börsianer machten die Runde. SN/AP
15. September 2008: Die Banker packten ihre Sachen und verließen mit Kartons das Hochhaus, Bilder verstörter Börsianer machten die Runde.

Gleichzeitig haben die Amerikaner das Vertrauen in ihre Institutionen verloren: Die Politik, die Kirchen, die Medien, die Polizei und Justiz. Die Rassenbeziehungen sind angespannter denn je. Gesundheits- und Bildungswesen leiden massiv unter der Uneinigkeit. Straßen, Brücken, Flughäfen und andere Infrastruktur zerfällt.

Während die Regierung die "Wall Street" rettete und deren Akteuere reicher machte, ging das mittlere Vermögen der amerikanische Privathaushalte in den USA von 126.000 Dollar im Jahr 2007 auf 97.000 Dollar zurück. Die von Obama wieder hergestellte Vollbeschäftigung kam zum Preis niedrigerer Löhne.

Eine Trillion US-Dollar Kreditkartenschulden

Nur ein Drittel der Immobilien hat den Wertverlust von 2008 wieder gutmachen können. Die Kreditkartenschulden liegen heute mit über eine Trillion US-Dollar um 30 Prozent höher als 2007. Ungefähr soviel Amerikaner sagen, sie haben neben der staatlichen Grundrente keine Altersersparnisse.

Die uramerikanische Idee, mit harter, ehrlicher Arbeit den Aufstieg zu schaffen, scheitert schon bei den Kosten für den Universitätsbesuch. Wer heute mit bis zu hunderttausend Dollar an Ausbildungsschulden ins Berufsleben startet, muss Autokauf und Immobilienbesitz, aber auch Ehe und Kinderwunsch zurückstellen.

Sheila Bair, die unter Obama die staatliche Einlage-Sicherung FDIC führte, spricht von einer "verpassten Gelegenheit". Statt die Großbanken damals zu zerschlagen, blieb es bei einer Stabilisierung des Systems. "Außer Lehman hat niemand einen Preis bezahlt", klagt Bair. Ob dieses System einer künftigen Krise standhalte, sei ungewiss. "Das werden wir erst wissen, wenn eine dieser großen Banken wieder in Not gerät."

15. September 2008: Die Banker packten ihre Sachen und verließen mit Kartons das Hochhaus, Bilder verstörter Börsianer machten die Runde. SN/AP
15. September 2008: Die Banker packten ihre Sachen und verließen mit Kartons das Hochhaus, Bilder verstörter Börsianer machten die Runde.

Warnsignale einer neuen Krise gibt es bereits

Warnsignale einer neuen Finanzkrise gibt es reichlich. Die Börsen gelten seit langem als überhitzt. Zudem wuchsen weltweit die privaten und staatlichen Schulden. Allein in den USA legte die Staatsverschuldung während der "Großen Rezession" um 40 Prozent auf nun 105 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu.

Vertrauenserweckend ist das nicht. Zumal ein paar unschöne Realitäten bleiben. Isabella kann ihre Wohnung weiter nicht verkaufen und Robert hat seine Verluste realisiert. Was bleibt, ist die Wut und das ungute Gefühl, dass dieser Anschlag auf den amerikanischen Traum dauerhaften Schaden angerichtet hat.

Quelle: SN

Aufgerufen am 20.09.2018 um 07:36 auf https://www.sn.at/wirtschaft/welt/zehn-jahre-lehman-pleite-als-der-amerikanische-traum-zerplatzte-40050319

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