Leserbrief

Wir leben nicht in der gleichen Welt

Nicht unwidersprochen bleiben kann der Leitartikel vom 26. 3. "Sprit ist echt teuer?", in dem Sie eine schöne, neue Welt schildern, Herr Resch, in der man emissionsfrei fährt, bescheiden wohnt, nachhaltig heizt, mit dem Nachtzug fährt, gesunder und vor allem weniger Fleisch isst und die benötigte Energie selbst erzeugt. Das eigene Haus im Grünen, der schwere SUV, mit dem man zur Arbeit fährt und der mehrfache Traumurlaub samt Flug im Düsenflieger habe keine Zukunft mehr.

Attraktiv kann diese schöne neue Welt nur für jene sein, die in privilegierten Verhältnissen leben, d.h. im Zentrum mit Zugang zu allen öffentlichen Verkehrsmitteln, mit überdurchschnittlichem Einkommen (möglichst kündigungsgeschützt), das für gehobenen Konsum ausreicht, wozu ein teures Elektroauto oder allenfalls ein Carsharing gehört. Der durchschnittliche Österreicher muss anders leben. Er muss sein Geld dort verdienen, wo es einen Job für ihn gibt, und selbstverständlich die Kosten der Fahrt zum Arbeitsplatz und zurück selbst tragen. Der fleißige, nicht privilegierte Staatsbürger hat sein Eigenheim selbst geschaffen, aus Kostengründen ging dies aber nur auswärts. Daher benötigt er ein Fahrzeug für Einkäufe und den Transport der Kinder in die Schule, zum Kindergarten und zu Freizeitzwecken, ein Elektroauto kann er sich nicht leisten, mit einem gelegentlichen Carsharing ist ihm nicht geholfen. Am Wochenende liebt er es, zu grillen. Ihre propagierte schöne neue Welt ist für ihn ein Horror, weil man ihm alles wegnehmen will, wofür er sich geplagt hat. Die Notwendigkeit solcher einschränkender Lösungsvorschläge ist zu hinterfragen. In dieser Debatte fehlt die Rücksichtnahme auf legitime Interessen jener, die nicht privilegiert leben können.


Dr. Reinhard Tögl, 8010 Graz

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