Vom Flachs zum Leinen

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Die Brechel
Ein Flachsgarnsträhn

Vom Flachs zum Leinen ist eine Dokumentation über den Flachsanbau und Herstellung des Leinengewebes, die als Dauerausstellung im Museum Gererhof in Annaberg zu sehen ist.

Anbau

In den vergangenen Jahrhunderten wurde von den Bauernfamilien im Bundesland Salzburg zum Eigenverbrauch Flachs angebaut um in weiterer Folge daraus Leinen herzustellen. Die Aussaat des Leinsamens erfolgte nach geografischer Lage unterschiedlich, in etwa um den hundertsten Tag des Jahres. Gleich nach dem Aufgehen der Saat musste die Anbaufläche gejätet werden, weil sonst das "Unkraut" den Flachs überwuchert hätte. Weiters war die Regel, dass der Flachs nur alle sieben Jahre an der gleichen Stelle angebaut werden durfte.

Während des Sommers blieb das Feld weitgehend sich selbst überlassen. Wenn der Flachs verblüht war und die Halme sich bräunlich verfärbt haben, war die Zeit der Ernte gekommen. Da die Faser, welche zur Herstellung des Leinens benötigt wurde, bis in die Wurzel des Halmes reicht, wurde der Flachs aus dem Boden ausgezogen. Das nannte man "Flachsraufen". Einige Tage verblieb der Flachs zum Nachreifen noch am Feld. War dieser vollkommen trocken und nachgereift kam er zur weiteren Verarbeitung auf den Hof.

Verarbeitung

Die Riffel

Der Flachs wurde zu kleinen Bündeln zusammen gebunden, diese nannte man "Riaster". Die nächste Arbeit war das Abschlagen der Samenkapseln am oberen Ende des Halmes. Dazu benötigte man die "Riffel"

In den Samenkapseln befindet sich der Leinsamen, das "Linsat". Der Leinsamen war von untergeordneter Bedeutung, die kleinstrukturierte Landwirtschaft des Salzburger Landes erlaubte nur kleine Anbauflächen, so dass sich die Weiterverarbeitung des Leinsamens nicht rentiert hat. Dieser wurde zum Teil als Saatgut für das nächste Jahr aufbewahrt und der Rest hauptsächlich für tiermedizinische Zwecke verwendet.

Nach der Arbeit mit der Riffel kam der Flachs entweder wieder auf das Feld und wurde ständig befeuchtet, oder er kam in das "Brechelbad". Nach dem entsprechenden Wässerungsvorgang kam der Flachs in den Brechelofen, er wurde geröstet. Der ganze Vorgang diente dazu, den holzigen Teil des Halmes spröde oder "brüchig" zu machen um dann den Brechelvorgang zu erleichtern.

Die Brechel diente zum Brechen des verholzten Teiles des Flachshalmes. Die Faser ist aber nicht im Inneren des Halmes, sondern außen um den Halm herum.

Auskämmen und Spinnen

Der Flachswebstuhl

Der nächste Schritt war das Auskämmen der Fasern und das reinigen der Fasern von noch vorhandenen Halmteile mit dem Schwingrad. Zum Auskämmen hatte man die sogenannte "Hachel". Nach Beendigung dieses Arbeitsschrittes hatte man zwei Qualitätsstufen. Die feinen Fasern, diese nannte man Haar - "Hoa" und die groben, teilweise noch verunreinigten Fasern, das "Werch". Nun begann das Spinnen des Flachses mit dem Flachsspinnrad. Dieses war ähnlich wie das Wollspinnrad gebaut, hatte aber wesentlich breitere Spulen. Das Spinnen des Flachses war Frauenarbeit im Winter. Gelegentlich trafen sich dabei auch mehrere Frauen aus der Nachbarschaft, so dass die Arbeit auch Unterhaltung bot und eine kleine Abwechslungen im Alltag darstellte.

Die Störhandwerker

Das Garn muss nun noch auf Spulen gefädelt werden, dann konnte der Weber kommen. Der Weber war immer ein "Störhandwerker". Die Störhandwerker waren Handwerker, welche üblicher Weise im Dorf wohnten, auf Auftrag des Bauern sind diese aber auf den Hof gekommen und haben dort ihre Arbeit verrichtet, aber auch Kost und Quartier auf Dauer des Auftrages dort gehabt. Der Webstuhl war am Bauernhof vorhanden, wurde in der Regel in der Stube aufgestellt, die zusätzlich notwendigen Gerätschaften, das "Webergeschirr" hatte der Weber mit dabei.

Von den Historikern wird gerätselt, woher der Ausdruck "Störhandwerker" oder "Störgeher" kommt. Manche sind der Meinung, dass das Familienleben am Bauernhof von einem solchen Handwerker gestört wird und von daher die Bezeichnung Störhandwerker kommt. Dieser Meinung kann nicht zusgetimmt werden, da zum einen im Dialekt nicht von Stör, sondern von "Ster" gesprochen wird und zum anderen erfüllten diese Störhandwerker eine spezielle soziale Funktion. Durch das ständige Wechseln von einem Bauernhof zum anderen, waren sie potente Nachrichtenüberbringer und verstanden es auch, beim jeweiligen Bauernhof Neuigkeiten zu erfahren, damit sie beim Nachbarn auch wieder was zu berichten haben. Diese Störhandwerker waren deshalb immer gern gesehen und brachten wieder für einige Tage Abwechslung in den Alltag. Schließlich wäre noch zu bedenken, dass sich jemand der einen Handwerker ruft, sich kaum gestört fühlen wird, wenn dieser auch tatsächlich kommt.

Der Weber beginnt also seine Arbeit, nachdem er den Webstuhl aufgestellt hat, mit der Herstellung der Kette (die Längsfäden des Tuches). Die ist eine sehr diffizile Arbeit, musste schließlich jeder Faden von der Spule, über den "Zettgatter", durch das Register einzeln eingefädelt werden.

Für die Kette musste sehr gutes Garn verwendet werden, damit das Tuch möglichst glatt wird. Je nachdem, welche Qualität an Garn vorhanden war, wurde entweder ein feineres Leinen, das Harberne- oder aus dem Werch das Rupferne Tuch gewebt. Das Harberne Tuch wurde eher für Frauenkleidung, das Rupferne Tuch für Männerhosen, Säcke etc. verwendet. Das Rupferntuch war durch Reste der Schale vom Halm leicht "kratzig" und deshalb nicht sehr beliebt.

War der Weber mit seiner Arbeit fertig, war aber das Produkt noch nicht fertig. Nun musste es erst gebleicht werden. Dazu kam das Tuch wieder auf ein Feld und wurde ständig mit Wasser feucht gehalten. Durch die Sonneneinstrahlung wurde das nach dem Weben grau-braune Tuch heller, aber noch nicht weiß. Deshalb kam es noch in ein Aschenlaugebad.

Das Ende des Flachsanbaus

Nachdem die Industrie sowohl die Flachsverarbeitung und die mechanische Weberei genau so wie die chemische Bleichung durchgeführt hat, und zusätzlich Baumwolle eine übermächtige Konkurrenz zum Leinen darstellte, wurde der Flachsanbau fast schlagartig in den Jahren 1946 bis 1950 eingestellt. Die Nachfrage nach echtem Bauernleinen wird zwar immer größer, wenn man sich aber die vielen Arbeitsschritte der Leinenherstellung vor Augen hält, müsste dafür ein Preis angeschlagen werden, welchen wieder nur wenige Interessenten zu zahlen gewillt sein würden.

Quelle

  • Bernhard Ponemayr, Kustos des Denkmalhofes Gererhof – Heimatmuseum Annaberg im Jahre 2010