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Entführungsfall Nora Zwilling

Beim Entführungsfall Nora Zwilling handelt es sich um einen spektakulären Kindesentziehungsfall im Einkaufszentrum Europark in Salzburg.

Ablauf

Die später festgenommene Täterin, eine zum Tatzeitpunkt 32-jährige Frau aus Tirol, kidnappte am 9. Juni 2010 gegen 09:45 Uhr in der H&M-Filiale im Salzburger Europark die drei Monate alte Nora gekidnappt. Zuvor war sie im Bekleidungsgeschäft mit einem Maxi-Cosi unterwegs gewesen, der mit einer Windel abgedeckt war. Ob ein Kind darin lag, war nicht zu erkennen. Laut Zeugen interessierte sich die Frau aber mehr für kleine Kinder als für Gewand. Die Entführerin verwickelte Nina Zwilling, die Mutter des Kindes, in ein Gespräch und erzählte ihr, dass sie vor vier Wochen entbunden habe und ein vier Jahre altes Mädchen habe. Nach dem kurzen Gespräch trennten sich ihre Wege, als die Mutter des Kindes in das Obergeschoß des Bekleidungsgeschäfts fuhr. Dort stellte sie den Kinderwagen mit dem Säugling vor der Umkleidekabine ab und ging mit ihrem zweijährigen Sohn in die Kabine. Während der Zeit in der Kabine merkte sie, dass sich der Kinderwagen bewegte, glaubte aber, dass jemand dagegen gestoßen sei. Als sie die Kabine wenige Augenblicke später mit ihrem Sohn verließ, war das Baby weg. Nina Zwilling schlug sofort Alarm.

Der Europark, der zu dieser Zeit von gut 2 000 - 3 000 Besuchern frequentiert war, wurde von der Polizei abgesperrt und über einen Ausgang kontrolliert geräumt. Die Entführerin war zu diesem Zeitpunkt aber schon über die Tiefgaragenausfahrt geflüchtet. Die Polizei fahndete in Salzburg und im angrenzenden Oberösterreich und Bayern nach dem Fluchtfahrzeug der Kindesentführerin, einem silbernen Peugeot 206 mit Kitzbüheler Kennzeichen. Außerdem konnten die Fahnder auf exzellente Bilder aus der Überwachungskamera zurückgreifen. Die auffallend mollige Frau mit langem Zopf und einer türkisen Tunika mit weißer Stickerei wurde sowohl von der betroffenen Mutter als auch von Zeugen auf den Überwachungsvideos des Einkaufszentrums identifiziert. Die Polizei konnte binnen kurzer Zeit die richtigen Fotos aus dem umfassenden Datenmaterial filtern. Nachdem die Fahndungsfotos auch in den Medien verbreitet wurden, kamen konkrete Hinweise aus Tirol. Mehrere Personen gaben an, auf den Bildern eine 32-jährige Tirolerin erkannt zu haben. Sie soll ihrem Umfeld erzählt haben, in drei Monaten ein Baby zu bekommen, sei aber nie mit einem Kind gesehen worden.

Die Tirolerin war nach der Entführung mit dem Baby zunächst in ihre Heimat nach Kössen im Bezirk Kitzbühel gefahren. Sie besuchte dort eine Freundin und stellte ihr das Baby, laut Kriminalisten, als eigenes Kind vor. Danach dürfte sie von Bekannten erfahren haben, dass mit Fotos aus der Überwachungskamera nach ihr gefahndet wird, und sie machte sich wieder auf den Weg nach Bayern. Neben dem Parkplatz eines Supermarktes in Wössen setzte die Frau die kleine Nora in ihrem Maxi Cosi ab, wenige Minuten später wurde sie ganz in der Nähe von der Polizei angehalten. Um 15:15 Uhr wurde Nora Zwilling von einer bayerischen Polizeistreife wohlbehalten aufgefunden.

Bei einer ersten, kurzen Untersuchung stellte ein Psychiater einen "übersteigerten Kinderwunsch und eine Störung des Sozialverhaltens" fest. Zur genauen Abklärung wurde sie daher in die Klinik eingewiesen. Dort soll außerdem geklärt werden, ob die Verdächtige schuldfähig war. Bei der ersten Vernehmung vor dem Ermittlungsrichter hat die Tirolerin die Kindesentziehung zugegeben. Sie sprach von ihrem Wunsch nach einem Kind, der ihr bisher unerfüllt geblieben war. Eine Geburt vor vier Wochen, von der sie im Gespräch mit der Mutter der kleinen Nora kurz vor der Entführung gesprochen hatte, ist der Staatsanwaltschaft Traunstein aber nicht bekannt.

Von der Staatsanwaltschaft Traunstein wird der Frau "Entziehung einer Minderjährigen" vorgeworfen. Auch die Staatsanwaltschaft Salzburg ermittelt in Richtung Kindesentziehung und nicht Entführung, da es keinerlei Anhaltspunkte gab, dass die Tatverdächtige Lösegeld fordern oder das Kind etwa missbrauchen wollte.


Der Vater des Kindes, Mike Zwilling, ist der Sohn des Abfahrtsweltmeisters von 1974, David Zwilling. Die polizeilichen Ermittlungen leitete der Salzburger Kriminalist Josef Holzberger.

Quellen