Sowjetische Tote des Zweiten Weltkrieges

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Gedenkstätte am Russenfriedhof in Kaprun
Der Historiker Peter Sixl bei seiner Ansprache anlässlich der Enthüllung der Gedenkstelen vor dem Russenfriedhof (Sankt Johann im Pongau). Es ist vor allem sein Verdienst, dass heute Abertausende Namen von Sowjettoten aus dem Zweiten Weltkrieg bekannt sind.

Sowjetische Tote des Zweiten Weltkrieges im Bundesland Salzburg sind nicht auf Kampfhandlungen, sondern ausschließlich auf gezielte Fehl- und Mangelernährung, unzureichende Bekleidung, Unterbringung und medizinische Versorgung, auf Unfälle infolge schlechter Verfassung und fehlender Sicherheitseinrichtungen, sowie auf Misshandlungen und Tötungsdelikte zurück zu führen.

Allgemeines

Obwohl die Kampfhandlungen, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges stattgefunden und schließlich zur Befreiung Österreichs geführt haben, auf Salzburger Gebiet ohne Teilnahme sowjetischer Truppen erfolgten, kamen in den Kriegsjahren auch in der Stadt Salzburg und im Bundesland Salzburg zahlreiche Menschen aus der Sowjetunion zu Tode. Es handelte sich dabei vor allem um Kriegsgefangene und in wesentlich geringerer Anzahl auch um ehemalige Zivilarbeiter, die als sog. >Ostarbeiter< in Bau- und Gewerbebetrieben und in der Landwirtschaft Zwangsarbeit verrichten mussten.

Waren bisher so gut wie keine Namen verstorbener sowjetischer Kriegsgefangener bekannt, so hat nun die Liste >Sowjetische Tote des Zweiten Weltkrieges in Österreich< diesen Menschen ihren Namen zurück gegeben.

Sowjetische Tote im Bundesland Salzburg

Die meisten sowjetischen Kriegsgefangenen verstarben im Kriegsgefangenenlager "Markt Pongau". Ihrer wird am Russenfriedhof (St. Johann) gedacht. Auch eine Gedenktafel, die im Dezember 2013 bei der Krobatin-Kaserne enthüllt wurde, gedenkt der Toten dieses Lagers, ohne jedoch die Sonderbehandlung der Sowjetsoldaten und deren tödliche Folgen zu erwähnen. Aber auch auf der Kraftwerksbaustelle der Tauernwerke in Kaprun kam eine vergleichsweise hohe Anzahl sowjetischer Kriegsgefangener um. Sie wurden ohne weiteres Zeremoniell an der Salzach verscharrt und erst nach dem Krieg exhumiert und im Russenfriedhof (Kaprun), westlich der Burg Kaprun bestattet. Die Stadt Salzburg und die Gemeinde Grödig sind der dritte regionale Bereich, in dem sowjetische Kriegsgefangene in mehreren Lagern interniert, bei unterschiedlichen Projekten zur Zwangsarbeit eingesetzt und direkt oder indirekt infolge dessen zu Tode gekommen sind.

Kriegsgefangenenlager "Markt Pongau"

In St. Johann im Pongau sind neben den Toten anderer Nationalitäten fast 4.000 sowjetische Kriegsgefangene umgekommen. Sie sind verhungert, erfroren, wurden Opfer von Seuchen oder wurden erschossen. Viele von ihnen verstarben bereits kurz nach ihrer Ankunft, nach zwei Wochen Fahrt in Viehwaggons, zusammengepfercht und ohne Essen. Das fortgesetzte Sterben geschah vor den Augen der einheimischen Bevölkerung und mit Wissen zahlreicher Amtsträger wie Bürgermeister, hohe Offiziere der Wehrmacht, Kreisleiter, Landesräte und Gauleiter. Es handelt sich dabei um das größte Verbrechen der Wehrmacht in Westösterreich.

Kraftwerksbaustelle Kaprun

Neben Kriegsgefangenen und zivilen Zwangsarbeitern aus mehreren Ländern wurden ab 1942 bis 1945 auch Tausende sowjetische Kriegsgefangene an der Kraftwerksbaustelle in Kaprun eingesetzt. Sie gehörten zum Stammlager in >Markt Pongau< und waren in Kaprun in stacheldrahtumzäunten und ständig bewachten Barackenlagern interniert. Gemäß der herrschenden menschenverachtenden NS-Ideologie galten sie als >Untermenschen< und wurden entsprechend behandelt.

Ohne Rücksicht auf die Bestimmungen der Genfer Konvention und der Haager Landkriegsverordnung waren Unterbringung, Behandlung, Verpflegung, Arbeitsausrüstung und Arbeitsbedingungen - für die die Baufirmen als Arbeitgeber direkt verantwortlich zählten - so gestaltet, dass Tod durch Krankheit und Arbeitsunfälle zumindest in Kauf genommen wurde. Unternahmen in Kaprun eingesetzte sowjetische Kriegsgefangene einen Fluchtversuch, wurde schnell scharf geschossen. Wer nach einer Flucht lebend aufgegriffen wurde, kam in das KZ Dachau.

In Kaprun sind nach heutigem Wissensstand mindestens 90 Sowjetbürger und -bürgerinnen - Kriegsgefangene, zivile Zwangsarbeiter und Kinder ziviler Zwangsarbeiterinnen - infolge von Krankheiten, von Unfällen oder auch durch Erschießen im Zuge eines Fluchtversuches verstorben.

Grödig und Stadt Salzburg

Im Lager Niederalm bei Grödig (Russenfriedhof (Neu Anif)) und in mehreren Lagern in der Stadt Salzburg - wie dem bei der Glockengießerei Oberascher - waren sowjetische Kriegsgefangene interniert, die in der Stadt Salzburg und Umgebung meist bei Bauprojekten – wie die Errichtung der Staatsbrücke – oder in Betrieben als Zwangsarbeiter Schwerstarbeit leisten mussten. In der Stadt Salzburg und in Grödig geht man nach heutigem Wissensstand von insgesamt 36 Sowjettoten aus, wovon nunmehr fast alle namentlich bekannt sind.

Quellen

  • Peter Sixl (Hg.), Sowjetische Tote des Zweiten Weltkrieges in Österreich, Namens- und Grablagenverzeichnis. Ein Gedenkbuch. Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Institutes für Kriegsfolgen-Forschung, Graz – Wien – Klagenfurt. Herausgegeben von Stefan Karner, Sonderband 11, und Botschaft der Russischen Föderation in der Republik Österreich, Wien, 2011. Ein Projekt der Österreich-Russischen Historikerkommission.
  • Alltagsgeschichte, erzählt und erlebt, Arbeits- und Lebensverhältnisse in der Provinz, ein Projekt der Volkshochschule Salzburg, gefördert vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst, Projektleiter Norbert Ortmayr, Salzburg, April 1991
  • Nußbaumer, Alois, „Fremdarbeiter" im Pinzgau. Zwangsarbeit - Lebensgeschichten, Edition Tandem, Salzburg 2011
  • Oskar Dohle/Nicole Slupetzky, Arbeiter für den Endsieg, Zwangsarbeit im Reichsgau Salzburg 1939 – 1945, 2004 by Böhlau Verlag Ges. m.b.H. und Co. KG Wien – Köln - Weimar
  • Salzburgwikiartikel:
  • Kriegsgefangenenlager "Markt Pongau"
  • NS-Zwangsarbeit am Beispiel Tauernkraftwerke Kaprun