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Russenfriedhof (St. Johann im Pongau)

Gedenkstätte für die Gefallenen der Sowjet-Armee
Offiziersgräber der Sowjet-Armee
Gedenkstein für die Opfer aus Jugoslawien
Besucherinformation 2018

Der Russenfriedhof in St. Johann im Pongau an der Pinzgauer Straße ist eine Gedenkstätte für knapp 4 000 verstorbene Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter, die in St. Johann im Pongau bis zum Kriegsende 1945 umgekommen sind.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

In St. Johann im Pongau wurde während des Zweiten Weltkrieges das Kriegsgefangenenlager Markt Pongau eingerichtet. Nach heutigem Wissensstand (Mai 2018) haben 3 818 Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter im Gemeindebereich ihr Leben verloren. 3 542 Tote liegen in den Massengräbern des Russenfriedhofs, dazu kommen sieben tote Offiziere in den dort befindlichen Offiziersgräbern. 167 sowjetische Tote liegen in einem Massengrab im Ortsfriedhof St. Johann im Pongau begraben. Von 28 sowjetischen Opfern, die in St. Johann umgekommen sind, wurden die Leichen nicht bestattet, sondern dem medizinischen Institut Innsbruck zwecks anatomischer Verwertung zur Verfügung gestellt. 51 jugoslawische Kriegsgefangene und Zivilpersonen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg am Russenfriedhof beigesetzt. Jene Kriegsgefangenen aus Jugoslawien, die während des Krieges im Ortsfriedhof bestattet worden waren, wurden 1945 von der US-Amerikanischen Verwaltung umgebettet. 15 französische Opfer wurden im Ortsfriedhof bestattet, am 3. Juni 1948 exhumiert und in ihre Heimat gebracht. Acht italienische Opfer wurden im Ortsfriedhof beerdigt, am 5. September 1957 exhumiert, in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen bestattet und später in ihre Heimat überführt.

Die meisten Opfer stammten somit aus der damaligen Sowjetunion. Da 1942 der Ortsfriedhof nicht mehr ausreichte, wurden am heute sogenannten Russenfriedhof Massengräber errichtet.

Bei Straßenbauten und Streitereien von Grundbesitzern im Umfeld wurde die Anlage in den 1960er-Jahren vom öffentlichen Wegenetz abgeschnitten. Nur Friedhofspfleger des „Schwarzen Kreuzes“ engagierten sich und gelegentlich kamen Besucher. Dem Pongauer Historiker Michael Mooslechner und der Mittelschullehrerin Annemarie Zierlinger ist es zu verdanken, dass eine Unterschriftenaktion durchgeführt wurde, um aus Respekt den Opfern und Angehörigen gegenüber einen öffentlichen Zugang zum Russenfriedhof zu schaffen. Es wurden 600 Unterschriften gesammelt. Gymnasiasten dokumentierten Lager und Gedenkstätte im Projektunterricht. 2006 begannen Planungen für die neue Zufahrtsstraße, die von Land Salzburg und Gemeinde finanziert wurde.

Am 9. Juni 2009 wurde mit einer würdevollen Gedenk- und Eröffnungsfeier der Weg zum Russenfriedhof eröffnet. Seit Jahrzehnten betreut Adolf Schwaiger ehrenamtlich den Russenfriedhof. Für diese Tätigkeit im Rahmen des „Schwarzen Kreuzes“ ist er mit dem Alexander-Newski-Orden 2. Klasse, einem der höchsten Orden Russlands, ausgezeichnet worden. Der extra zur Eröffnung des Weges aus Moskau angereiste Präsident des "Nationalen Komitees für öffentliche Auszeichnungen", Viktor Schewtschenko, überreichte den Orden an Schwaiger und bedankte sich im Namen der Russischen Föderation für die Pflege der Grabstätte in St. Johann im Pongau.

Seit dem Bau der Zufahrt stiegen auch die Besucherzahlen. Ein Grund liegt darin, dass Touristen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion sich hier auf die Suche nach dem Schicksal ihrer Vorfahren machen.

Ende 2013 gründete sich auch der Verein "Geschichtswerkstatt St. Johann". Er hat es sich zum Ziel gesetzt, die furchtbaren Ereignisse während der Zeit des Naziregimes aufzuarbeiten. So setzte er sich auch dafür ein, auf dem Areal erläuternde Infotafeln aufzustellen.

Im April 2018 wurden drei Stelen aus Glas, die der Künstler Karl Hartwig Kaltner aus Puch bei Hallein gestaltet hat, vor dem Russenfriedhof aufgestellt. Der neue Eingangsbereich wurde am 5. Mai 2018 offiziell eröffnet. Das Gedenken stand unter dem Titel: "Den Opfern die Namen wieder geben". Die Veranstaltung war ein Beitrag zum Gedenkjahr 1938.

Stelen aus Glas

Historische Fotos und Aufschriften in vier Sprachen erinnern Besucher an das Schicksal der Opfer. "Die drastische Darstellung sei angebracht, das Schreckliche ist geschehen, es gäbe noch viel schrecklichere Bilder," sagt Kaltner. Der Künstler verwendete in der Glasmalerei Peters im deutschen Paderborn die Technik des Einbrennens. Das ist auch symbolisch zu verstehen. Auch die Erinnerung brennt sich in unser Gedächtnis ein. Da nützen alle Löschungsversuche nichts. Die eingebrannten Fotos sollen das Grauen visualisieren. "Weil das Thematisieren solcher Verbrechen gesellschaftlich in den Hintergrund tritt und gelegentlich sogar bagatellisiert wird, scheint mir das Mahnmal höchst wichtig", so Kaltner. Das Glas stehe für Transparenz und symbolisiere sowohl Verletzlichkeit als auch Bestand. "Weißt du, worauf du gehst und stehst?" Diese Frage der St. Johanner Künstlerin Hildegard Stofferin, steht auf einer der neuen Gedenkstelen.

Ursprünglich waren fünf Stelen im Bereich des Friedhofs selbst geplant. Das wollte aber die Bundesimmobiliengesellschaft hauptsächlich aus Haftungsgründen nicht. Und es war auch der Wunsch der russischen Botschaft, die Friedhofs- und Totenruhe zu wahren. Der Grund beim Eingang wurde vom Eigentümer, einem Unternehmer, zur Verfügung gestellt. Die Kosten für die Stelen von gut 30 000 Euro wurden von der Stadtgemeinde St. Johann im Pongau und der Kulturabteilung des Landes Salzburg getragen.

Veranstaltungen

Es werden jeden ersten Sonntag im Monat, jeweils um 14:00 Uhr, Führungen angeboten. Eine Anmeldung dazu ist nicht nötig.

Siehe auch

Bildergalerie

Enthüllungsfeier

Am Samstag, dem 5. Mai 2018, fand die Enthüllung der vom Künstler Karl Hartwig Kaltner gestalteten Glasstellen statt.

Die Glasstelen vor dem Russenfriedhof

Quellen

  • Salzburger Nachrichten vom 26. April 2018 - St. Johann erinnert an Tausende Kriegsopfer
  • Annemarie Zierlinger, Historikerin, betreffend Anzahl und Bestattung, bzw. Nichtbestattung der Opfer

Weblink