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NS-Zwangsarbeit am Beispiel Tauernkraftwerke Kaprun

Russendenkmal Kaprun
Gedenktafel an der Heidnischen Kirche am Speicher Mooserboden
Göring in Kaprun, Spatenstich, 16. Mai 1938

Die Schilderung der NS-Zwangsarbeit am Beispiel Tauernkraftwerke Kaprun steht stellvertretend für das Schicksal jener Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus im gesamten Bundesland Salzburg zur Zwangsarbeit verschleppt, ausgebeutet, menschenverachtend behandelt und ihrer Gesundheit beraubt wurden. Viele verloren vor Ort oder bei einem Fluchtversuch ihr Leben oder starben später an den Folgen der erlittenen Gesundheitsschäden. Alle wurden traumatisiert und mussten mit dieser Belastung - ohne professionelle Hilfe, wie sie heute selbstverständlich ist - ihr weiteres Leben fristen.

Inhaltsverzeichnis

Einführung und Allgemeines

Der Spatenstich zum Bau der Tauernkraftwerke Kaprun durch Hermann Göring erfolgte aus propagandistischen Gründen am 16. Mai 1938. Ein Zeitpunkt, an dem noch nicht einmal die Planung abgeschlossen, geschweige denn entsprechende Vorbereitungsarbeiten für den Bau getätigt waren. Während am Beginn des Baugeschehens neben den einheimischen Arbeitskräften noch viele freiwillige ausländische Zivilarbeiter tätig waren, hat sich das nach Kriegsbeginn schnell und umfassend geändert. Einheimische Arbeiter wurden einerseits mehr und mehr zum Militärdienst einberufen. In den eroberten und besetzten Gebieten wurden andererseits immer mehr Kriegsgefangene gemacht und es stand eine große Anzahl an zwangsrekrutierten Zivilarbeitern und Zivilarbeiterinnen und schließlich auch an KZ-Häftlingen zur Verfügung. Das gilt nicht nur für Kaprun sondern für das Reichsgebiet im Allgemeinen. Nach Edward Deuss waren im Jänner 1945 im Großdeutschen Reich 6 691 000 ausländische Arbeitskräfte tätig, davon ca. 4 795 000 ausländische Zivilarbeiter und etwa 1 873 000 Kriegsgefangene.

Das Projekt Tauernkraftwerke Kaprun

Die Tauernkraftwerke galten ursprünglich als eines der wichtigsten Projekte der ostmärkischen[1] Elektrizitätswirtschaft und wurde zum „bevorzugten Wasserbau“ erklärt. Diese Bewertung hat sich faktisch im Jahr 1943, als der Bau der Tauernkraftwerke nicht als „kriegswirtschaftlich dringend“ eingestuft wurde, geändert. Das Baugeschehen unterlag erheblichen Verzögerungen, die durch Material- und Treibstoffmangel, den kriegsbedingten Abzug von fachlich erfahrenen Arbeitskräften und der oben erwähnten Einstufung hervorgerufen wurde. Auch die besonders schwierigen Bedingungen einer Hochgebirgsbaustelle spielten dabei eine Rolle. So gab es in den Wintermonaten häufig Verzögerungen und Unterbrechungen der Bautätigkeit.

Die Entwicklung des Arbeitskräfteeinsatzes

Freiwillige Zivilarbeiter

Für die Deckung des Arbeitskräftebedarfs war das Landesarbeitsamt zuständig. 1939 strömten zahlreiche freiwillige Zivilarbeiter aus Österreich und Deutschland zur Baustelle. Als diese kriegsbedingt mehr und mehr ausfielen, stellte man zuerst italienische und tschechische Arbeiter ein, obwohl gegenüber Letzteren ideologische Bedenken bestanden haben. Der Ausländeranteil stieg rasch an und betrug bald über 90 % der Arbeitskräfte. Insgesamt setzte sich die damalige Arbeiterschaft aus Angehörigen von mehr als 20 verschiedenen Nationalitäten zusammen.

Der damalige Direktor, Hermann Grengg, erwähnte den ständigen „Kampf mit dem Arbeitsamt“ und verwies darauf, dass die Tauernkraftwerke in der Not sogar die sowjetischen Kriegsgefangenen, „die sonst niemand haben wollte“, genommen habe.

Zwangsdeportierte und Kriegsgefangene

Die heute bekannten Daten über die Ausländerbeschäftigung auf der Kraftwerksbaustelle entstammen den Meldedaten der Gemeinde Kaprun und den Akten der Salzburger Gebietskrankenkasse (GKK). Dies trifft nicht auf die Kriegsgefangenen zu, die weder in der Meldekartei der Gemeinde noch in den Dateien der GKK vermerkt sind. Im Zeitraum 1939 bis 1945 waren laut Margit Reiter in Kaprun ca. 6300 ausländische Arbeiter beschäftigt. In die Jahre 1942 und 1943 fiel der zahlenmäßig stärkste Einsatz ausländischer Arbeiter. Ein sehr hoher Anteil der Zwangsdeportierten war noch unter 20 Jahre alt, die durchschnittliche Beschäftigungszeit in Kaprun betrug ca. elf Monate. Da über die Kriegsgefangenen keine Daten aufscheinen, ist die Angabe genauerer Zahlen zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich. Es gibt aber Hinweise, die zusammengefasst auf den Einsatz einiger Tausend verweist[2]. So sollen allein im Lager Zeferet ca. 1500 russische Offiziere interniert gewesen sein. Außer den russischen waren polnische, belgische und französische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter eingesetzt.

Jüdische Arbeiter

Die wenigen jüdischen Arbeitskräfte waren nach der Quellenlage 1939 im Lager Ebmatten und im Hauptlager untergebracht. Ihre Arbeitsbedingungen waren wesentlich restriktiver als die anderer Arbeiter. Manche von ihnen hatten sich freiwillig nach Kaprun gemeldet, da diese Baustelle anfangs einen guten Ruf hatte. Sie wurden am Berg zu Erd- und Steinbrucharbeiten und im Tal bei Siedlungsbauten für Werksangehörige eingesetzt. Ende Dezember 1939 wurden nach derzeitigem Wissensstand die letzten jüdischen Arbeiter von der Kraftwerksbaustelle Kaprun abgezogen. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Lebens- und Arbeitsbedingungen von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen

Generell waren die Bedingungen gemäß der nationalsozialistischen Ideologie in erster Linie von der „Volkstumszugehörigkeit“ geprägt. So genannte Westarbeiter wurden anders behandelt als so genannte Ostarbeiter. Russen und Juden rangierten an unterster Stelle, da sie als rassisch minderwertig betrachtet wurden. Sie wurden bewacht, waren meist von anderen Gruppen isoliert und konnten wenig oder keinen Kontakt mit ihren Familien haben. Darüber hinaus waren die Umstände von der jeweiligen Arbeitsbranche, vom konkreten Betrieb, vom jeweiligen Lager und von der Lage und Größe des Standortes abhängig [3]. Kaprun war eine Hochgebirgsbaustelle mit allen damit verbundenen schwierigen Bedingungen, wie extreme Witterung und hohe Unfallgefahr.

Unterbringung und Bekleidung

Während für die Angehörigen der so genannten Volksgemeinschaft in Kaprun Unterkünfte geplant und auch Werkssiedlungen[4] errichtet wurden, war der Großteil der Arbeiterschaft in Barackenlagern untergebracht. Die Unterbringungspraxis erfolgte nach nationalsozialistischer Ideologie mit großen Unterschieden nach Nationalitäten. Die Ostarbeiter rangierten an unterster Stelle. Bis zu 90 Ostarbeiter waren bei dürftigster Einrichtung in einer Baracke zusammengepfercht. Insgesamt kommen in den Quellen bis zu 19 Lager vor, entweder nach Nummern oder mit Namen bezeichnet, wovon aber einzelne ident sein könnten. Segeltuchstiefel und Holzsohlen auf den Arbeitsschuhen bildete die Fußbekleidung der ukrainischen Zwangsarbeiter, sommers wie winters wurde mit derselben Bekleidung gearbeitet.

Dass trotz der meist abgelegenen Lage der Baustellen und Lager selbst in der Bevölkerung bekannt war, dass Bekleidung und Ernährung der ausländischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen äußerst mangelhaft war, belegt folgendes Vorkommnis:

Die Bäuerin Maria Eder aus Bruck an der Großglocknerstraße wurde im Auftrag der Geheimen Staatspolizei am 17. Jänner 1940 wegen Vergehens nach dem Heimtückegesetz, bzw. wegen Verbreitung falscher Gerüchte verhaftet, weil sie am 8. Jänner 1940 an die Salzburger Landeszeitung eine Postkarte des folgenden Inhaltes geschrieben hatte: „Ihren Zeitungsantrag weise ich zurück, verwende dafür das Geld zur Erleichterung des Loses der armen Gefangenen in Kaprun, die doch auch nichts dafür können, daß sie da sein müssen. Eine solche Behandlung ist eine Schande für uns Deutsche. Aller Mittel entblößt, ohne Socken und Handschuhe auf dem Bau arbeiten bei der Kälte und zur Kost uneingemachtes Kraut und Wrukensuppe zum Mittagessen, wo doch immer geschrieben wird, daß es keine Not gibt im Lande.

Ernährung und medizinische Versorgung

Dir. Johann Kurzweil, Firma Hinteregger, Salzburg, beklagte die „kriegsbedingten kolossalen Belastungen des Führungspersonals“ und verwies in diesem Zusammenhang (!) u.a. darauf, dass in der Küche des Hauptlagers gemäß den geltenden Vorschriften „Verpflegung für sieben verschiedenen Gruppen von Arbeitern“ hergestellt werden musste. Gemeint waren dabei nicht sieben unterschiedliche Arbeitergruppen, die beispielsweise aufgrund ihrer Schichtarbeit zu unterschiedlichen Zeiten zu bekochen waren, und es handelt sich auch nicht um unterschiedliche Kost für leichtere oder schwerere Arbeit. Es gab vielmehr unterschiedliche Kategorien der Menschenwürde! Den untersten Verpflegskategorien gehörten Ostarbeiter und Russen an, die wenigen jüdischen Zwangsarbeiter waren zu dieser Zeit nicht mehr in Kaprun. Die Not der Unterernährten und Hungernden wurde für Dir. Kurzweil zur Not des Führungspersonals umgemünzt.

Erst nach 1945 wurde ein Werksspital eingerichtet. Vorher war ein Arzt für die Versorgung der Arbeiterschaft zuständig.

Arbeitsbedingungen aufgrund der Lage der Baustelle im Hochgebirge

Nicht nur in den Wintermonaten, auch in den anderen Jahreszeiten wurde den auf der Baustelle Tätigen alles abgefordert. Unwegsames Gelände, Temperaturstürze, schlechte Ausrüstung, Unterernährung, unangemessene Unterbringung, mangelnde Sicherheitsvorkehrungen, rücksichtslos hohes Bautempo, Verständigungsprobleme durch fehlende Sprachkenntnisse, fehlende Ausbildung und Erfahrung, überlange Arbeitszeiten und die Befindlichkeit von zur Arbeit Gezwungenen bedingten erhöhte Unfall- und Erkrankungsgefahr. Lawinen, Steinschläge, Sprengstoffunfälle und Abstürze forderten Todesopfer. Da die Angaben unterschiedlich sind, ist ihre genaue Anzahl nicht bekannt, man geht jedoch von mindestens 83 tödlich Verunglückten zwischen Baubeginn und Kriegsende aus, während in der zweiten Bauphase nach dem Krieg 78 Todesopfer zu beklagen waren. Wie viele Menschen lebenslange Gesundheitsschäden davon getragen haben ist unbekannt. Die verunglückten Russen wurden ohne jedes Zeremoniell außerhalb von Kaprun an der Salzach verscharrt. Sie wurden nach dem Krieg exhumiert und nahe der Burg Kaprun bestattet. Auf dem dort errichteten Mahnmal ist von 87 Toten die Rede.

Obwohl diese Zahl allein die bisher in Kaprun ermittelte Gesamtopferzahl übersteigt, berücksichtigt auch sie nicht jene Menschen, die bei Fluchtversuchen umgekommen, wegen irgendwelcher Delikte in das Polizeigefängnis eingeliefert oder entkräftet in das Kriegsgefangenenlager Stalag 317 (XVIII) Markt Pongau rücküberstellt worden sind, was vor allem bei den Russen meist den Tod bedeutet hat. Allein in diesem Stalag, wo zeitweise bis zu 30 000 Menschen im Haupt- und in Nebenlagern wie in Kaprun interniert waren, starben zwischen 1941 und dem Kriegsende an die 4 000 Menschen. Die Geschehnisse in diesem Lager sind das größte Verbrechen der Wehrmacht in Westösterreich.

Die Flucht russischer Offiziere aus dem Lager Zeferet

Wie verzweifelt die Lage der russischen Kriegsgefangenen gewesen sein muss, belegt die Flucht der russischen Offiziere Bjetni, Makuschin, Gutkov und Sodko in der Nacht zum 24. April 1943, die von vorne herein keine Chance hatte und entsprechend tragisch endete. Sodko wurde auf der Flucht getötet, Gutkov und Makuschin wurden im Raurisertal gestellt und in das Polizeigefängnis nach Salzburg gebracht, von wo sie nachweislich in das KZ Dachau gebracht wurden. Bjetni entkam vorerst, erschoss vermutlich auf der Flucht einen ihm nachstellenden Gendarmen und wurde am 29. April 1943 bei einem Bergbauernhof in Thumersbach von einem einheimischen Unteroffizier, der auf Heimaturlaub war, erschlagen.

Quellen

  • Ulrich Herbert, Geschichte der Ausländerbeschäftigung in Deutschland 1880 – 1980, Berlin – Bonn, Dietz 1986
  • Ulrich Herbert, Fremdarbeiter, Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Berlin – Bonn 1986
  • Christina Nöbauer, in Alltagsgeschichte, erlebt und erzählt, Arbeits- und Lebensverhältnisse in der Provinz, ein Projekt der Volkshochschule Salzburg, gefördert vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst, Projektleiter Norbert Ortmayr, Salzburg, April 1991
  • Alois Nußbaumer, "Fremdarbeiter" im Pinzgau, Zwangsarbeit - Lebensgeschichten, Edition Tandem, Salzburg 2011
  • Margit Reiter, in NS-Zwangsarbeit in der Elektrizitätswirtschaft der „Ostmark“, 1938 – 1945, HG Rathkolb, Oliver und Freund, Florian, Verlag Böhlau, Wien 2002
  • Widerstand und Verfolgung in Salzburg 1934 – 1945, eine Dokumentation, Band 2, S. 384. HG Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, Wien, 1991. Österreichischer Bundesverlag, Wien, Verlag Anton Pustet, Salzburg
  • Information Archiv KZ-Dachau, Gutkow und Makuschin betreffend, vom 19. Jänner 2012
  • Leo, Rudolf, Bruck unterm Hakenkreuz, Bruck an der Großglocknerstraße 1930 bis 1945, Otto Müller Verlag Salzburg-Wien 2015

Einzelnachweise

  1. nach dem Anschluss Österreichs 1938 hieß es Ostmark
  2. Pfarrchronik Kaprun, Aussagen ukrainischer Zwangsarbeiter, Gendarmeriechronik
  3. Luftangriffe gab es z. B. vor allem in großen Städten oder an wichtigen Industriestandorten, weniger in Kleinstädten
  4. Anm. d. Verf.: durch Zwangsarbeiter und 1939 auch Juden